Wirtschaft

Auch Trump kann Adam Riese nicht außer Kraft setzen

Arndt G. Kirchhoff, Präsident des NRW-Arbeitgeberverbandes und geschäftsführender Gesellschafter von Kirchhoff Automotive.

Foto: dpa

Arndt G. Kirchhoff, Präsident des NRW-Arbeitgeberverbandes und geschäftsführender Gesellschafter von Kirchhoff Automotive. Foto: dpa

Iserlohn.   Der neue US-amerikanische Präsident twittert fast täglich politische Hiobsbotschaften. Welche Auswirkungen neuer Protektionismus auf Unternehmen in der Region Iserlohn haben könnten, schildert Arndt G. Kirchhoff im Interview.

Mauerbau zu Mexiko, Strafzölle, Kürzungen bei der NATO, Abschied von Freihandelsabkommen, heftige Kritik an der EU und am Exportweltmeister Deutschland – fast täglich twittert der neue US-Präsident Donald Trump Nachrichten, die als Hiobsbotschaften über den großen Teich schallen. Doch wie ist Trumps Politik zu beurteilen, wie schätzt die heimische Wirtschaft die Lage wirklich ein, welche Auswirkungen sind für international ausgerichtete Unternehmen aus der Region Iserlohn zu erwarten? Die Heimatzeitung sprach mit Arndt G. Kirchhoff, geschäftsführender Gesellschafter von Kirchhoff Automotive und Arbeitgeberpräsident in Nordrhein-Westfalen.

Herr Kirchhoff, wie viele Mitarbeiter hat die Kirchhoff-Gruppe weltweit?

Weltweit sind es für die Gruppe insgesamt 12 000, davon im Automotive-Bereich 9000. Weltweit heißt für uns: in vielen Ländern Europas, dazu in Asien mit drei Werken in China – und natürlich auch in Amerika. Die Verteilung sind etwa 45 Prozent in Europa, 45 Prozent in Amerika und rund 10 Prozent in Asien.

Wie viele Mitarbeiter hat Kirchhoff Automotive speziell in den USA und Mexiko?

In den USA, Kanada und Mexiko, also dem NAFTA-Raum mit Freihandelsabkommen, haben wir rund 3500 Beschäftigte – davon jeweils rund 1000 in Kanada und Mexiko, die weiteren 1500 in den USA.

An welchen Standorten sind Sie dort präsent? Kirchhoff Automotive ist sicher nah dran an den Standorten der Automobilproduktion.

Sie können sich den NAFTA-Raum aus produktionstechnischer Sicht etwa so vorstellen wie die Europäische Union. Die Autohersteller haben in allen Ländern Werke – und dort wiederum in bestimmten Regionen.

Also etwa Detroit in den USA als Automobilschwerpunkt?

Ja, Detroit war der Ausgangspunkt für die Automobilindustrie und ist bis heute noch Hauptsitz der großen Drei – also General Motors, Ford und Chrysler. Aber im Bundesstaat Michigan liegen nicht die meisten Autowerke, die Amerikaner haben auch Werke im Süden, Osten und Westen. Wir als Zulieferer haben unseren südlichsten Standort beispielsweise in Texas, wo auch General Motors in einem großen Werk produziert. In Richtung Norden haben wir auch in Tennessee und Ohio unsere Standorte. Ähnlich ist die Situation in Mexiko, wo wir an drei verschiedenen Standorten produzieren. Also von der Verteilung ist das ähnlich wie in Europa, wo wir etwa mit Werken in Deutschland, Spanien, Portugal und auch in Osteuropa vertreten sind.

Also stets in der Nähe Ihrer Kunden?

Ja, wir müssen in der Nähe unserer Kunden sein, schließlich arbeiten wir mit Metallen – Stahl oder Aluminium. Diese Materialien sind schwer, meist auch voluminös. Somit müssen wir lange Transportwege vermeiden.

In den USA beliefern Sie ja nicht nur amerikanische Autohersteller, sondern auch deutsche Hersteller, die dort mit eigenen Werken präsent sind. Welche Kunden gehören dazu?

Das sind BMW, Mercedes und auch VW. Grundsätzlich beliefern wir alle Autohersteller in der ganzen Welt – also Bauteile für alle Fahrzeuge. Das ist ein wichtiger Kern unserer Geschäftspolitik.

Also unabhängig von Marken und Marktsegmenten?

Ja, denn die Kaufentscheidungen bei den Endkunden können sich ja sehr schnell ändern: Am Anfang stand vielleicht eher ein Kleinwagen, heute vielleicht eher der SUV. Das kann sich von Generation zu Generation ja ändern. Aber auch die Markenbindung bei den Kunden ist weniger ausgeprägt als früher. Viele Kunden wechseln also durchaus die Fabrikate, ob nun VW, BMW, Mercedes, Ford oder Opel. Unser Geschäftsmodell bei Kirchhoff Automotive basiert somit darauf, möglichst an alle Hersteller für möglichst unterschiedliche Fahrzeuglinien zu liefern. Unterm Strich steigt dabei weltweit die Fahrzeugmenge weiter an, weil die Menschen den Wunsch nach Mobilität haben.

Auch in Asien beispielsweise.

Ja, in Asien ist die Entwicklung stark, etwa auf dem chinesischen Markt. Die meisten Autos haben wir im Verhältnis aber in den USA, dahinter folgt Europa.

In Asien steckt also auch für Kirchhoff Automotive noch viel Potenzial.

Sehr richtig. Wenn wir die Zahlen ins Verhältnis setzen auf jeweils 1000 fahrfähige Personen, dann kommen wir in Amerika auf 800, in Europa auf über 500, aber Asien liegt unter 100. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 150 bis 200.

Welche Bauteile produziert Kirchhoff Automotive speziell in den USA und Mexiko?

Das sind im Grunde die gleichen Bauteile wie in Deutschland. Wir fertigen sozusagen die Gerippe der Fahrzeuge, also Karosserie und Fahrwerk. Wir geben dem Fahrzeug die Struktur – vor allem mit Metallen, aber auch mit Kunststoffen.

Mit der neuen politischen Lage in den USA nach dem Antritt von Donald Trump hat es der Politik, aber auch vielen Unternehmern die Sprache verschlagen. Es ist von Schutzzöllen die Rede, etwa für Unternehmen, die in Mexiko produzieren und von dort in die USA liefern. Welche Folgen kann das für ein Unternehmen wie Kirchhoff Automotive haben?

Für uns hat das zunächst einmal wenig Folgen, weil wir in all diesen Ländern und Märkten vertreten sind. Wir müssen also nichts aus Europa nach Amerika bringen. Die gilt aber noch lange nicht für alle Unternehmen, denn viele deutschen Maschinenbauer beispielsweise liefern sehr erfolgreich nach Amerika. Zumal es dort kaum noch eigene Maschinenbauer gibt. Trotzdem kann es aber Folgen haben, wenn der Präsident so verrückte Dinge im Sinn hat. Ich sage hier bewusst verrückt, denn man hat ihm offensichtlich noch nicht die Zusammenhänge erklärt, wie die Weltwirtschaft funktioniert. Und schon gar nicht, wie die Automobilindustrie weltweit aufgestellt ist.

Vielleicht können Sie das kurz erläutern?

Die Automobilhersteller, also unsere Kunden, produzieren die gleichen Fahrzeuge ja immer in mehreren Werken. Nehmen wir etwa General Motors: Die bauen das gleiche Auto in Mexiko, den USA und in Kanada. Aber 75 Prozent der Autos werden von Zulieferern hergestellt. So besteht unsere Aufgabe darin, dass wir an alle Werke unsere Teile und Komponenten liefern. Und das optimieren wir selbst. Nur ein Beispiel für Europa: Wir liefern eine Komponente für Autowerke in Deutschland, England und Polen, davon kann aber wiederum ein Bauteil zentral aus Deutschland stammen, das wir dann nach Polen und England liefern, ein weiteres fertigen wir in Polen und liefern dann auch nach England und Deutschland – und ein drittes vielleicht in Irland, das wir dann nach Deutschland, Polen und England schicken.

Und diese Verflechtungen gelten auch für USA und Mexiko?

Ja, das ist in Amerika ganz genauso. Wir liefern also von Mexiko aus Bauteile in die USA, aber auch aus den USA nach Mexiko. In diesem komplexen System müssen wir die Produktionskapazitäten betrachten, die Rohstoff- und Energiekosten und gleichermaßen die Transportkosten, sonst würde das Auto als Endprodukt viel zu teuer. Diese Wertschöpfungsketten gelten weltweit. Auch der neue amerikanische Präsident muss also verstehen, dass wir nicht in jeder Fabrik die ganze Wertschöpfungskette vorhalten können.

Wenn aber Donald Trump dieses Verständnis nicht aufbringt und tatsächlich mit Strafzöllen agiert, Autohersteller wie etwa BMW zwingen will, Produktion von Mexiko in die USA zu verlagern – wandert Kirchhoff Automotive dann mit seiner Fertigung mit?

Das brauchen wir gar nicht, weil wir ja in den USA vertreten sind. Im schlimmsten Fall könnten wir unsere Werkzeuge und unsere Betriebsmittel von Mexiko in die USA verlegen – und umgekehrt. Das wäre aber keine günstige Verflechtung.

Zumal die Arbeitskosten in Mexiko viel geringer sind.

So ist es. Es gibt also viele Gründe, warum das Auto als Endprodukt dann teurer würde. Und ich kann nicht erkennen, dass Herr Trump gesagt hätte, die Produkte sollten für seine Landsleute künftig teurer werden. Wenn er seine Ankündigungen aber umsetzt, dann wäre genau dies die Folge – ganz gleich, ob er Zölle einführt oder Teile zu höheren Lohnkosten produziert werden müssen.

Demnach würde der amerikanische Konsument von der Trump-Politik gar nicht profitieren. Es gäbe mit einer Produktionsverlagerung vielleicht einige neue Jobs, aber die Preise wären deutlich höher – mit entsprechend negativen Folgen für den Konsum.

Genau. Insofern wäre eine solche Politik widersinnig. Und noch ein Aspekt: Wenn der amerikanische Präsident Zölle einführt, werden andere Länder vermutlich folgen, dann führen wir in Europa wieder Zölle ein und auch in Asien – und am Ende wird alles nur teurer. Trump würde also genau das Gegenteil dessen erreichen, was er den Wählern in den USA versprochen hat.

Aber sagt ihm das auch jemand in Washington?

Aus meiner Sicht sind in Trumps Umfeld weniger Politiker, dafür aber Wirtschaftsfachleute. Präsident Trump, der ja als Immobilienunternehmer tätig war, würde ich nicht unbedingt als Wirtschaftsfachmann bezeichnen, denn der Immobiliensektor ist ganz anders zu betrachten als etwa die Automobilindustrie. Nehmen wir aber beispielsweise den neuen Außenminister Rex Tillerson: Er war Chef bei Exxon, einem der größten Konzerne der Welt. Spätestens Tillerson wird dem Präsidenten Trump die Zusammenhänge in der Weltwirtschaft erklären können. An einem Liter Öl lässt sich sehr leicht deutlich machen, was die Weiterverarbeitung in der Raffinerie oder zu Kunststoffprodukten an unterschiedlichen Standorten kostet. Adam Riese kann also auch durch Herrn Trump nicht außer Kraft gesetzt werden.

Ein international agierendes Unternehmen wie Kirchhoff Automotive muss also momentan kein Szenario aufbauen, was bei etwaigen Strafzöllen passiert?

Es gilt durchaus, achtsam zu sein. Schließlich investieren wir ja auch in den USA. Was Trump dabei offenbar ebenfalls nicht weiß: Alles, was wir in den USA investieren, seien es Pressen, Roboter oder Schweißanlagen, können wir in Amerika überhaupt nicht kaufen. Die amerikanische Industrie liegt nach den Krisen der vergangenen Jahre am Boden, der amerikanische Maschinenbau ist gar nicht konkurrenzfähig. Deshalb sind Unternehmen gezwungen, Maschinen in Europa, vor allem im deutschsprachigen Raum, oder in Asien zu kaufen. Und die Steuerungen für all diese Maschinen kommen von Siemens. Wenn also Donald Trump das Land und die amerikanische Industrie modernisieren will, dann braucht er dazu den deutschen Maschinenbau. Auch in dieser Hinsicht wären also Strafzöllen nur kontraproduktiv – sowohl für Verbraucher als auch Investoren.

Müssen wir dennoch Angst haben um Arbeitsplätze in Deutschland, also auch in unserer Region hier in Iserlohn, durch die Trump-Politik?

Das kann im schlimmsten Fall passieren. Wenn viele Staaten und Regionen weltweit die Mauern hochziehen in Form von Zöllen und weiteren Behinderungen für den freien Warenhandel, dann verfallen wir in alte Zeiten. Und das würde natürlich auch auf die Produktion Auswirkungen haben. Dies wäre ein Eingriff in die Globalisierung und ein großer Rückschritt für die Menschheit. Denn wir wissen alle aus den vergangenen 30 Jahren, dass die Globalisierung für die Menschen sehr viel Wohlstand gebracht hat, viele Menschen aus der Hungersnot herausgeführt hat. Da ist natürlich auch in Zukunft noch viel zu tun, aber wenn Donald Trump jetzt sagt, er wolle diese Entwicklung stoppen, dann muss er es erst einmal mit seinem Gewissen vereinbaren. Grundsätzlich mehrt Freihandel am Ende den Wohlstand, weil er Mauern einreißt – und nicht Mauern aufbaut. So kommt Freihandel im Ergebnis immer auch den Konsumenten, den Menschen zugute.

Aber in Europa sehen wir ebenfalls immer mehr nationalistische Tendenzen – etwa durch den Brexit, in Polen und Ungarn, aber auch in Frankreich oder den Niederlanden.

Die Europäische Union ist das größte Friedensprojekt, das die Menschheit je hatte. Außerdem ist Europa die wirtschaftlich stärkste Region der Welt, nicht Amerika. Es wäre also immens wichtig, dass die Länder in Europa weiterhin vernünftig miteinander umgehen und sich nicht gegenseitig Fallen stellen. Und noch einen ganz wichtigen Aspekt dürfen wir nicht vergessen: Durch unsere soziale Marktwirtschaft in Deutschland mit Tarifautonomie und sozialem Ausgleich gibt es bei uns hohen sozialen Frieden, Teilhabe an Fortschritt und Einkommen.

In den USA war für viele Menschen in den vergangenen Jahren eher das Gegenteil der Fall.

Ja, aber auch in Frankreich und England beispielsweise gilt eine andere Entwicklung, weil dort keine Politik der sozialen Marktwirtschaft verfolgt worden ist. Für viele Menschen in den USA ist 30 Jahre lang nichts passiert. Da wäre ich als Bürger und Wähler auch sauer, um das einmal so auszudrücken. Die Frage ist nur, wie sich die Lage für die Menschen wieder verbessern lässt. Und das wiederum gelingt nicht, indem man Mauern hochzieht – sondern ein besseres politisches System einführt.

Also wäre neben Produkten und Know-how auch die soziale Marktwirtschaft aus Deutschland im Grunde ein Importschlager für die USA?

Es ist weltweit nachweislich das erfolgreichste Modell der vergangenen 70 Jahre. Das sind übrigens echte Fakten – keine alternativen Fakten.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik