Kultur

Auftakt mit zwei Hochkarätern

Asya Fateyeva (Saxofon, Foto) und Alexander Krichel (Klavier) spielten bei der ersten Hofmusik in Rheinen.

Asya Fateyeva (Saxofon, Foto) und Alexander Krichel (Klavier) spielten bei der ersten Hofmusik in Rheinen.

Foto: Michael May

Rheinen.  Auf Hof Mikus in Rheinen fand am Wochenende die erste Ausgabe der „Hofmusik“ mit klassischer Musik statt.

Die Sonne geht hinter den Baumwipfeln langsam unter, vor denen sich eine Bühne mit einem Steinway-Flügel erhebt. Die Zuschauer nehmen auf bequemen Regiestühlen Platz, können ihr Getränk auf einem dekorativ gestalteten Strohballen abstellen, nur ab und zu dringt ein leises „Muh“ aus dem benachbarten Kuhstall während die Schwalben zwitschernd durch den Abendhimmel schwirren.

Wo der Stall zum Konzertsaal wird

Kann es für einen Natur- und Musikfreund ein schöneres Ambiente geben, um einen exzellenten Klavierabend mit ausgesuchter romantischer Konzertliteratur zu erleben? Wohl kaum. Das Hofmusik-Festival auf dem Hof Mikus in Rheinen erlebte am Wochenende sein Debüt, und die Gastgeber Sarah Chloé Mikus und Martin Kallnischkies hatten gleich zur Eröffnung mit Alexander Krichel einen wahren Hochkaräter eingeladen, der – erst 30 Jahre jung – derzeit weltweit gefeiert wird. Er hatte ein Programm mitgebracht, das so ganz dem romantischen Feeling des Hoffestivals entsprach.

Es beginnt mit der Liebe und einer „einfachen“ Melodie

Inhaltlich ging es im ersten Teil um die Liebe und begann mit Beethovens „An die ferne Geliebte“ in der Bearbeitung von Franz Liszt, noch wenig geprägt von der mit Liszt meist assoziierten ausbordenden Virtuosität, sondern eher von der „einfachen“ Melodie, die Krichel sehr sensibel und intensiv, ohne jegliche Effekt-Hascherei, „von den Fingern singen lässt“ (Krichel). Wesentlich virtuoser ging es dann mit den beiden Walzern „Liebesleid“ und „Liebesfreud’“ von Fritz Kreisler in einer Bearbeitung von Sergej Rachmaninov weiter.

Spätestens hier blitzte Krichels spielerisch-technische Perfektion, seine traumwandlerische Sicherheit auch bei schwierigsten Passagen auf. „Aus unschuldigen Kreisler-Walzern hat Rachmaninov hier einen echten Kracher fabriziert“, fügte Krichel in seiner immer sehr informativen und charmanten Moderation hinzu.

In „Isoldes Liebestod“ von Richard Wagner, ebenfalls in einer Bearbeitung von Franz Liszt, nahm das Liebesthema eine dramatische Wendung und war wie geschaffen, die interpretatorische Bandbreite Krichels von der ausdrucksstarken poetisch-lyrischen Tongebung bis zur Klangexplosion und der damit verbundenen schier unbegrenzten virtuosen Kapazität unter Beweis zu stellen. Abgerundet wurde das Programm, die Sonne war gerade am Horizont verschwunden und selbst die Stalltiere und die meisten Schwalben hörten andächtig zu, mit einer zwischen melancholischer und euphorischer Stimmung schwankenden „Reise durch die vielschichtige Seelenwelt des Robert Schumann“ (Krichel) in Form einer vollständigen Fassung von dessen „Symphonischen Etüden, Opus 13“.

Am Samstag wurde die Konzertstätte kurzerhand auf Grund der Gewitter in den Kuhstall verlegt und sowohl Künstler als auch das Auditorium rückten eng an die Kühe heran. „Das war eigentlich auch der Ursprungsgedanke des Hoffestivals“, sagt Veranstalterin Sarah Mikus bei ihrer Begrüßung, dem Wetter angepasst mit Regencape und Gummistiefeln ausgestattet.

Vom Kuhstall aus in klanglich maritime Sphären

Asya Fateyeva hatte an diesem Abend ihr Altsaxophon und ein stilistisch sehr breit angelegtes Programm mitgebracht. Als „Botschafterin des Saxophons“ ist es ihr definiertes Ziel, das Saxophon, neben dessen bereits gesicherter Position im Jazz und der Unterhaltungsmusik, auch im klassischen Konzertbetrieb stärker zu etablieren. Die Palette der instrumentalen Adaptionen reichte von Bach über Rachmaninov und Strauss bis hin zu Hindemith und Gershwin. Lediglich die ‚Hot-Sonate‘ von Erwin Schulhoff wurde explizit für das Altsaxophon komponiert. Asya Fateyeva bewies beeindruckend, dass sie alle Möglichkeiten des erst ab 1842 von Adolphe Sax entwickelten Instruments meisterlich beherrscht. Valeriya Myrosh erwies sich an ihrer Seite am Flügel als eine souveräne Begleiterin und entführte das Publikum sehr ausdrucksstark mit Rachmaninovs „Das Meer und die Möwe“ vom Kuhstall aus auch in maritime Sphären.

Die spontane Zugabe, „Wiegenlied“ von Manuel de Falla, galt nicht nur den begeisterten Zuhörern, sondern als Schlaflied auch den umstehenden Kühen. Der erste Teil des Festivals in diesem ganz besonderen Ambiente und mit diesen Ausnahmekünstlern machte eindeutig Lust auf mehr. Nicht nur auf das nächste Wochenende, wenn mit dem Ensemble „Brasonanz“ und dem „Boulanger-Klavier-Trio“ weitere Highlights auf die Besucher warten, sondern auch auf mögliche Folgeveranstaltungen in den nächsten Jahren.

Eine Foto-Strecke und ein Video finden sie unter www.ikz-online.de.

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