100 Jahre AWO

„Bei uns ist das Ehrenamt herausragend“

Michael Scheffler und Evelin Piotrowski präsentieren in der AWO-Begegnungsstätte die Geschichte 100 Jahre des Wohlfahrtsverbandes.

Michael Scheffler und Evelin Piotrowski präsentieren in der AWO-Begegnungsstätte die Geschichte 100 Jahre des Wohlfahrtsverbandes.

Foto: Cornelia Merkel / IKZ

Iserlohn.  Mit einer Einladung an Hundertjährige aus Iserlohn begeht die heimische Arbeiterwohlfahrt am Mittwoch ihr 100-jähriges Bestehen.

„Wir haben zu unserem 100-jährigen Bestehen Hundertjährige in unsere Begegnungsstätte an der Nußstraße eingeladen“, erklärt Evelin Piotrowski, Vorsitzende des Ortsvereins Iserlohn der Arbeiterwohlfahrt (AWO). „Vier haben sich angemeldet.“ Immerhin.

Während wir über das Jubiläum sprechen, meldet sich eine weitere Seniorin am Telefon der AWO-Begegnungsstätte. Die Iserlohnerin vollende zwar ihr 100. Lebensjahr erst im September, aber Evelin Piotrowski will sie zuhause besuchen, um weitere Einzelheiten mit ihr abzustimmen. Zusammen mit Michael Scheffler, dem Vorsitzenden der AWO Bezirksverbandes Westliches Westfalen und stellv. Vorsitzenden des Präsidiums des AWO-Bundesverbandes, erinnert sie an die Anfänge des Wohlfahrtsverbandes.

In unserem Gespräch schildern die beiden die Vielfältigkeit der Einrichtungen und das große Angebot der AWO in Iserlohn und Umgebung. Die Wohlfahrtsorganisation wurde deutschlandweit aufgrund eines SPD-Beschlusses am 13. Dezember 1919 gegründet. Der Anfang war geprägt von der großen Not nach dem Ersten Weltkrieg, erläutert Michael Scheffler. „Sie ist einer der ältesten Wohlfahrtsverbände Deutschlands. Alleine sechs Millionen Soldaten mussten nach dem 1. Weltkrieg integriert werden. Dazu mussten die Familien sowie zwei Millionen Kriegsgefangene versorgt werden.“ Scheffler erinnert an Gründerin Marie Juchacz, die auch die erste Frau in einem deutschen Parlament war. Sie forcierte die Einrichtung von Suppenküchen und Nähstuben und Angebote von Kinderlandverschickungen und –Freizeiten für Menschen aus prekären Verhältnissen.

„Rote Clementine“ gehörte zu den AWO-Gründerinnen

„1926 hatte die AWO bereits 2000 Ortsausschüsse, einer davon war der von Iserlohn“, rekonstruiert der heimische Historiker Wolf R. Seltmann die Anfänge vor Ort. „Angeblich schon 1920 oder aber kurz danach nahm der Ortsausschuss Iserlohn seine Arbeit auf. Zu den Begründern der hiesigen AWO gehörte Clementine Varnhagen, die „rote Clementine“, die zweite, aber einzige Frau, die von 1924 bis 1933 für die SPD in der Stadtverordnetenversammlung Iserlohn saß.“ Clementine Varnhagen (1857 bis 1947) war im sozialpolitischen Bereich tätig. Die AWO sei von den Nationalsozialisten verboten worden. Ihre Gründer sind in die Emigration gegangen, nach Frankreich und Amerika. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die AWO wieder aufgebaut, auf Bundesebene von Lotte Lemke aus dem SPD-Bundesvorstand und vor Ort von Ewald Jordan und Änne Escherich, Großmutter des vorletzten Vorsitzenden des Ortsvereins, Folke Escherich. „Eine unermüdliche Kämpferin für die Belange sozial benachteiligter Menschen war die Fürsorgerin Gertrud Burgard, die 1945 nach Iserlohn gekommen war“, weiß der Historiker Wolf R. Seltmann. „Als Geschäftsführerin der AWO-Kreisgeschäftsstelle und Unterbezirksfürsorgerin mit Sitz in der Vinckestraße organisierte sie die verschiedensten Maßnahmen, mehrere Einrichtungen Iserlohns gehen auf ihre Bemühungen zurück, so das Haus der Familie in der Stennerstraße, heute Wohnanlage, oder der Sonderkindergarten in der Gartenstraße.“ Seltmann verweist zudem auf das Heilpädagogische Zentrum auf dem Löbbeckenkopf, dessen Gebäude heute ihren Namen trägt: Die Eröffnung der Einrichtung konnte Gertrud Burgard nicht mehr erleben. Sie starb 1975 auf tragische Weise während eines Urlaubs an der Nordsee.“

Seit den 50er Jahren schickte die AWO Frauen und Mütter zu Spezial- und Mütterkursen, und Kinder zur Erholung an die Nordsee, es gab Weihnachtsfeiern für alte Menschen und Kinder, insbesondere Flüchtlingskinder, recherchierte Seltmann. „Besondere Anstrengungen unternahm man, um Sowjetzonenflüchtlinge aus den Lagern zu holen oder wenigstens ihr Los zu erleichtern.“ Seltmann erinnert auch an Winfried Pickler, als Ortsvereinsvorsitzender und Geschäftsführer des Kreisverbandes mit Sitz an der Stennerstraße eine führende AWO-Persönlichkeit für sich verändernde Aufgaben und Strukturen.

Der Ortsverein ist Träger der Begegnungsstätte an der Nußstraße, in der Kurse und Vorträge angeboten werden. Der Kreisverband ist Träger des Frauenhauses, der Werkstatt im Hinterhof, des Heilpädagogischen Zentrums, der Wohnanlage Stennerstraße, der Schuldnerberatung an der Gartenstraße und verschiedener Kindergärten.

Und der AWO-Bezirk Westliches Westfalen Träger des Seniorenheimes an der Schulstraße. Die Kreisverbände Märkischer Kreis und Hagen gehören jetzt zum AWO-Unterbezirk Hagen-Märkischer Kreis.

Frauenhaus, Werkstatt und Seniorenzentrum

Evelin Piotrowski berichtet, dass die AWO in vielen Bereichen soziale Aufgaben für alle Generationen übernimmt. „Wir sind auf allen sozialen Gebieten aktiv“, verweist die AWO-Vorsitzende auf diverse Einrichtungen von der Kindertagesstätte Kinderland, zum Heilpädagogischen Zentrum am Löbbeckenkopf, zur Kita Dürerstraße und dem Lummerland in Kalthof, zur Kindertagespflege und weitere Einrichtungen wie dem Frauenhaus, der Werkstatt im Hinterhof bis hin zum Seniorenzentrum an der Schulstraße. Hinzu komme die Schuldnerberatung und die AWO Kur und Erholung.

„Bei uns ist das Ehrenamt herausragend, das hat sich nicht verändert“, betont Evelin Piotrowski. Das gelte auch für die Begegnungsstätte: „Dieses Haus in der Innenstadt ist ein Glücksfall. Hier findet wirkliche Begegnung statt. Das verkörpern wir auch in den Einrichtungen.“ Und fügt noch das Behindertenwohnheim an der Stennerstraße mit der „Offenen Tür“ in ihrer Aufzählung zu.

Michael Scheffler unterstreicht die Werte, denen sich Ehrenamtliche und Hauptamtliche der AWO verpflichtet fühlen: „Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz. Wichtig sind die Menschenwürde und die Haltung. Bei uns kann man auch arbeiten, wenn man keiner Kirche angehört. Die AWO ist auch ein großer Arbeitgeber.“

Er verweist auf Suchtberatung, Schwangerschaftskonfliktberatung und Sexualberatung, früher auch noch Gefangenenberatung unter Inge Paul, ein Wohnheim für Haftentlassene und eine Fachklinik für Drogenabhängige. Evelin Piotrowski berichtet vom neuen Projekt des Kindergartens und Service-Wohnen an der Refflingser Straße in Kalthof, das 2020 fertiggestellt sein soll. Das ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der Iserlohner Wohnungsgenossenschaft. Dort soll es einen Austausch zwischen jungen und älteren Menschen geben, beispielsweise mit gemeinsamen Veranstaltungen wie einer gemeinsamen Weihnachtsfeier im Jahr der Fertigstellung. „Wir holen die Menschen dort ab, wo sie sind und behandeln ihre Probleme in den Familienzentren und vermitteln sie gegebenenfalls in die Schuldnerberatung“, erläutert Evelin Piotrowski. „Wir sind gut vernetzt.“

Der AWO gehören bundesweit 340.000 Mitglieder an, 228.000 Beschäftigte. Im Unterbezirk Märkischer Kreis 2400 Mitglieder und über 800 Beschäftigte. Dem Ortsverein gehören aktuell rund 200 Mitglieder an, überwiegend ältere Semester. „Personell ist die Verbindung zwischen SPD und AWO weiterhin gegeben, aber gerade jüngere Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen fühlen sich weniger zur Arbeiterwohlfahrt hingezogen“, analysiert Wolf R. Seltmann.

In seiner Bestandsaufnahme, die er in einem Vortrag 2016 gehalten hat, der im Stadtarchiv einsehbar ist, erklärt Seltmann: „Während Politiker und Politikerinnen in der Arbeiterwohlfahrt soziale Probleme vor Ort hautnah erfahren könnten, müsste die AWO sich ihrerseits stärker als sozialpolitischer Interessenverband und anwaltschaftliche Vertretung der sozial Schwachen im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger verankern.“

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