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Dieses Haus soll unser Tempel sein

Ein Fabrikgebäude als Monument: die Firma Sudhaus. Allerdings gingen hier klassizistische Elemente verloren.

Ein Fabrikgebäude als Monument: die Firma Sudhaus. Allerdings gingen hier klassizistische Elemente verloren.

Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.  Architektonische Stilelemente mit antiken Anklängen in Iserlohn? Der Klassizismus macht es möglich.

Klassizismus ist in der Kunstgeschichte ein Name für eine Stilepoche, in der die Nachahmung des klassischen Altertums, vorrangig die griechische Antike, zum Programm erhoben wird. Klassizismus bezeichnet als kunstgeschichtliche Epoche allgemein den Zeitraum etwa zwischen 1770 und 1840.

In Iserlohn gibt es eine ganze Reihe von Bauten oder zumindest solche mir Bauelementen, die dieser Epoche zuzurechnen sind. Allerdings ist eine genaue Abgrenzung nicht einfach. Tatsächlich gibt es seit der Renaissance, die ja in gewisser Weise ebenfalls eine Interpretation antiker Elemente darstellt, eine klassizistische Unterströmung, die auch in der Zeit des Barock weiter existiert. Es gibt stilistische Ähnlichkeiten und Mischformen. Die Abgrenzung zum nachfolgenden Historismus, der in dieser Serie bereits Thema war, ist ebenfalls weder chronologisch noch stilistisch ganz einfach.

Klassizismus

Als geistiger Begründer des Klassizismus im deutschsprachigen Raum gilt der Archäologe, Bibliothekar, Antiquar und Kunstschriftstelle Johann Joachim Winckelmann. In Frankreich beginnt die Epoche des Klassizismus in der Regierungszeit von Ludwig XV.. Der Frühklassizismus wird in Frankreich auch als „goût grec“ bezeichnet, geht nach 1770 in den goût étrusque der Regierungszeit Ludwig XVI. über.

Der Klassizismus löste den Barock ab und kann als künstlerisches Gegenprogramm aufgefasst werden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gelangte er nach einer ersten Phase der Koexistenz schließlich zur architektonischen Vorherrschaft. Orientiert wurde sich an griechischen und römischen Tempeln nicht nur wegen ihrer Schlichtheit und Würde, ihrer Harmonie und Schönheit, sondern auch deshalb, weil man sie für den Ausdruck eines vorbildlichen republikanisch regierten politischen Systems hielt – wenn auch die meisten Bauten des Klassizismus in königlichem oder fürstlichem Auftrag entstanden.

Bekanntestes Gebäude im Stile des Klassizismus weltweit dürfte wohl das Weiße Haus in Washington, USA, sein.

Merkmale des Klassizismus

Die Architektur des Klassizismus orientiert sich stärker als vorherige Stile an dem antiken Bauten, vornehmlich an griechischen Vorbildern und insbesondere dem Tempelbau. Säulen und insbesondere Säulenhallen als Vorbau an der Haupteingangsseite eines Gebäudes werden häufig verbaut. Anwendung findet der Stil vor allem in fürstlichen und bürgerlichen Repräsentationsbauten, aber auch bei Bauwerken in traditionellen Techniken wie im Fachwerkbau. Seltener sind klassizistische Kirchen, hierbei dient zumeist das Pantheon in Rom als Vorbild.

Gegenüber dem vorangegangenen Rokoko zeichnet sich der Klassizismus durch eine Rückkehr zu geradlinigen Formen mit einer stärkeren Anlehnung an klassisch-antike Formen aus. Die Abgrenzung zum nachfolgenden Historismus ist wie erwähnt nicht ganz einfach. Einerseits ist der Klassizismus selbst ein „historisierender“ Stil, der sich an die Antike und ihrer Interpretation in der Renaissance anlehnt. Andererseits teilt der Historismus zum Teil das Formenrepertoire. (Quellen: Architekt.de/Alexander Tzonis, Liane Lefaivre: Das Klassische in der Architektur)

Bekannteste Gebäude

Obwohl klassizistische Elemente in vielen Gebäuden Iserlohns zu finden sind, vor allem in Form von Säulen-Konstruktionen an alten Stadtvillen, gibt es wohl nicht „das“ klassizistische Gebäude. Interessant ist aber, dass viele alte Fabrik- und Industriegebäude über klassizistische Elemente verfügen.

So zählt die ehemalige Fabrik „Kissing & Möllmann an der Oberen Mühle 28 laut Iserlohn-Lexikon zu den „spätklassizistischen Monumentalbauten“, mit denen bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts städtebauliche Akzente in Iserlohn gesetzt wurden.

Ebenfalls über monumentalen Charakter verfügt das Fabrikgebäude Heinrich Sudhaus Söhne an der Teichstraße. 1889 folgte Sudhaus dem Beispiel anderer Unternehmen und erwarb ein Grundstück außerhalb des eng bebauten Stadtgebiets am damaligen Gossenweg, heute Teichstraße. Nach Entwurf von Otto Leppin, der sich auch für zahlreiche historistische Gebäude wie die Alte Post verantwortlich zeichnete, wurde das Gebäude 1895 fertiggestellt. Umgestaltungen und der später erfolgte weiße Anstrich haben allerdings den ursprünglichen Charakter des Gebäudes verändert. Auch das heutige Eingangsportal wurde später erstellt, fügt sich aber immerhin schlüssig ins Gesamtbild.

Schön und prominent, stilistisch aber schwerlich eindeutig einzuordnen ist das ehemalige Goethe-Institut ander Stennerstraße 4, fertiggestellt 1913. Während die ausschwingenden Erker etwa auf den Jugendstil verweisen, ließe sich die Säulenkonstruktion des Eingangsportals doch auch als Verweis auf den Klassizismus interpretieren.

Schönheiten in zweiter Reihe

An der Bleichstraße 3 bis 5 verband Architekt August Deucker beim Fabrikgebäude Wilhelm Bachtenkirch das Spröde des Ziegelmauerwerks mit den Formen des Neuklassizismus – wenn man hier aufgrund des Bauzeitpunkts 1913 von einem echten Nachzügler sprechen kann.

Klassizistisch war einst auch der Saalbau der Pfarrkirche St. Gertrudis in Sümmern (Grundsteinlegung 1830), der allerdings zu einer Stufenhalle in neuromanischem Stil umgestaltet wurde. Der Turm von 1832 und die Emporensäulen geben aber noch Hinweise auf den klassizistischen Ursprungsbau.

Klassizistisch ist auch das Haus an der Gartenstraße 30 mit seinem Zwerchgiebel – ein Einfluss des preußischen Klassizismus. Auch im Grüner Tal gibt es noch zahlreiche Fabrikgebäude mit klassizistischen Anlehnungen wie etwa dem Rundbogenstil, in dem Fenster erbaut wurden. (Quelle: Iserlohn-Lexikon)

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