Kantorei

Ein Lied kann mehr sein als nur ein Lied

In der Obersten Stadtkirche wurden am Sonntag die ersten Lebenslieder präsentiert.

In der Obersten Stadtkirche wurden am Sonntag die ersten Lebenslieder präsentiert.

Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn.   Kantorei startet das Projekt „Das Lied Deines Lebens“ – ganz Iserlohn ist eingeladen mitzumachen.

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Das Lied meines Lebens? Bei Jan-Philipp Burgard fällt die Wahl auf die britische Band „Oasis“ und ihren Song „Masterplan“ – ein Lied, das das Leben feiert im Bewusstsein der Endlichkeit der menschlichen Existenz auf Erden, schreibt der Iserlohner Journalist, der derzeit als Korrespondent der ARD in Washington lebt. Und damit sieht er deutliche Parallelen zu einem sehr bekannten Kirchenlied. „Für mich persönlich ist ,Masterplan’ die Rockversion von ,Großer Gott, wir loben dich’“, schreibt er. „Beide Lieder haben in meinen Ohren die gleiche Quintessenz: Egal, ob das Leben es gerade gut mit Dir meint oder Dich in große Not geraten lässt – wenn Du glaubst, wirst Du Hilfe und Erlösung finden. Denn das Leben folgt einem göttlichen Plan, dem Masterplan.“

Für Jan-Phillip Burgard ist es der „Masterplan“ von „Oasis“

Jan-Phillip Burgard ist einer von 20 prominenten Iserlohnern, die die Evangelische Kantorei für ihre Aktion „Lied Deines Lebens“ angeschrieben hat. Das „Lied Deines Lebens“ – eine wunderbare Idee, die dazu einlädt, in sich zu gehen und nachzuspüren, welches Lied einem besonders viel bedeutet und, warum das so ist. „Oft lässt sich ja gar nicht fassen, warum einen ein Lied, ein Text und eine Melodie, so sehr und auf so besondere Weise berührt, wie es eben nur ein Lied tun kann“, sagt Kantor Hanns-Peter Springer.

Der gestrige Gottesdienst in der Obersten Stadtkirche zum Sonntag Cantate diente passender Weise als Startschuss für diese besondere Aktion. Dabei wurden auch die ersten zwölf Lieder auf Schautafeln präsentiert, die die angeschriebenen Prominenten zurückgesendet hatten. Der Fundus soll nun aber noch viel größer werden: Jeder ist eingeladen, sein eigenes Lebenslied mit Liedtext und einer Erklärung aufzuschreiben und abzugeben.

Und wie das Lied von Jan-Phillip Burgart schon zeigt, geht es keineswegs darum, ausschließlich Kirchenlieder auszuwählen. „Oasis“, das sind harte Gitarren und rotziger Gesang – nicht unbedingt das, was die Kantorei üblicherweise im Programm hat. Und das ist kein Einzelfall. Bereits jetzt, nach den ersten Einsendungen, ist abzusehen, dass es am Ende eine riesige Vielfalt geben wird vom Schlager bis zum Choral. Alles ist erlaubt. Problematisch ist nichts. Im Gegenteil: „Genau das ist das Geniale an dieser Aktion“, sagt Kantorei-Sängerin Rahel Schöttler. Denn ganz gleich, wie wenig ein Lied auf den ersten Blick mit Kirche zu tun habe – es gebe immer einen Zugang und vor allem eine gemeinsame Ebene.

Und so soll es weiter gehen. Die Kantorei hofft auf möglichst viele Einsendungen. Am Ende soll ein von der Kunstfabrik „casa b“ gestalteter Liederbaum in der Kirche aufgestellt werden, an dem die eingesendeten Lieder wieder Blätter aufgehängt werden. Und zur Finissage der Aktion am 29. August soll dieser Baum möglichst viel Laub tragen und der Kantorei eine reiche Ernte bescheren. Denn dann sollen in einem Konzert einige der Lebenslieder vom Kantorei-Chor, von Solisten oder instrumental vorgetragen werden. Musikalisch und gedanklich bunt soll es werden und damit auch die Kantorei bereichern und befruchten.

Lieder als Brücken zu den Menschen in der Stadt

Vor allem möchte die Kantorei aber mit dieser schönen Aktion auch neue Kontakte herstellen und Menschen ansprechen und wahrnehmen, die bisher gar nicht in einer Verbindung mit ihr standen. Das Lied als Brücke von der Kantorei in die Gemeinde und in die ganze Stadt – es ist bezeichnend für as ganze Wirken von Hanns-Peter Springer und seiner Kantorei, dass er diese eigentlich so persönliche Idee pflückt, nicht nur um das einfache Lied aufzuwerten und die Musik in ihrer ganzen Vielfalt zu fördern, sondern auch um erneut ein Netz zwischen den Menschen in Iserlohn zu knüpfen.

Jeder ist nun eingeladen, sein Lebenslied einzusenden. Die entsprechenden Formular-Flyer gibt es in der Kirche oder können unter www.kantorei-iserlohn.de heruntergeladen werden. Und ein Lied, das eine besondere Saite in einem zum Schwingen bringt, hat ja vermutlich jeder – ganz gleich, welcher Stil oder welcher Inhalt. Kantor Hanns-Peter Springer haben die bisherigen Einsendungen von den angeschriebenen Prominenten jedenfalls schon sehr bewegt und angerührt. Es zeige sich einfach, dass ein Lied viel mehr sein kann als nur ein Lied, und dass ein ganz einfaches Volkslied eine riesige Bedeutung für einen Menschen erlangen kann.

Ernst Dossmann wählt „Der Mond ist aufgegangen“

So wie im Falle von Ernst Dossmann, der ebenfalls sofort auf die Anfrage reagiert hat. Seit 80 Jahren, schreibt der Iserlohner Architekt, sei das berühmte Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ sein Lebenslied. Schon als Kind habe er mit seinen Schwestern beim Singen auf den Waldsaum des Fröndenbergs geschaut. Im Kriegsgefangenenlager in den Rheinwiesen bei Remagen sei es ihm ein Trost gewesen, ein kleines Heftchen mit dem Lied vor dem „Filzen“ durch die Amerikaner gerettet zu haben. „Sobald es Dunkel wurde, sang die ganze Zeltbesatzung mein ,Mond-Lied’ vor dem Schlafengehen.“ Und auch seit er mit seiner Familie in Gerlingsen gelebt habe, habe er mit seiner Frau und den Kindern dieses Lied begeistert gesungen, wenn der Abendnebel im vor dem Haus liegenden Gerlingser Wiesental vor der Kulisse der Rauhen Hardt aufstieg. „Unser Lied ist zwar kein ausgesprochenes Kirchenlied, aber es immer an Gott, seine Welt und die Menschen denken.“

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