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Ein Traumhaus, das auch Museum sein könnte

Ein Haus als Lebensprojekt: André Küchenberg vor seinem Haus in der Lägertalstraße. Viel erinnert nicht mehr daran, dass sich hier einst der Mittelpunkt der Iserlohner Industrie befand, wie auf einer Tafel einige hundert Meter entfernt im Stadtwald zu lesen steht.

Ein Haus als Lebensprojekt: André Küchenberg vor seinem Haus in der Lägertalstraße. Viel erinnert nicht mehr daran, dass sich hier einst der Mittelpunkt der Iserlohner Industrie befand, wie auf einer Tafel einige hundert Meter entfernt im Stadtwald zu lesen steht.

Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.  Andre Küchenberg lebt im ältesten Haus Iserlohns, das Verbindungen zur Drahtindustrie hat. Das Gebäude hat er mit viel Liebe wieder aufgebaut

Sein Projekt, man könnte auch sagen Lebensprojekt, findet André Küchenberg vor über 20 Jahren beim Autofahren am Straßenrand. Die Lägertalstraße, die sich stadtauswärts durchs Tal in Richtung Kesbern windet, es ist Ende der 90er Jahre. Sein Vater hat damals ein Haus in Ihmert, „wir sind da damals öfter vorbeigefahren“.

Immer sei sein Blick dabei neben die Straße auf dieses Haus gefallen. Wenn André Küchenberg erzählt, klingt es nach Liebe auf den ersten Blick. „Ich hab dann zu ihm gesagt: Das ist toll, das hätte ich gerne“, sagt Küchenberg. „Das gehört der Stadt. Kannste kaufen“, sagt der Vater.

Rückblickend muss gesagt werden, dass damals, 1998, als Küchenberg das Haus mit Gebäudeteilen von 1615 kauft, wohl viel Fantasie dazugehört hat, um in der Immobilie ein Traumhaus zu sehen. „Es war ein Abbruchhaus“, erzählt der heute 51-Jährige. „Freigegeben, trotz Denkmalschutz.“ Ein Trümmerhaufen aus Steinen mehr oder minder, kaputte Fenster, Wasser und Schimmel in Keller und Gebälk, der Boden war abgesackt. „Laut Gutachter sollte eine Sanierung 950.000 Mark kosten.“ Kosmetik und Schönheitskorrekturen nicht inbegriffen.

Ein Haufen Geld, den Küchenberg so nicht hat. Dafür aber Leidenschaft, Liebe zum Detail und handwerkliches Geschick. „Mir haben alte Dinge schon immer gefallen“, sagt er. Und basteln. „Andere sitzen vor dem Fernseher. Ich schraub’ halt gerne an Sachen rum.“

„In dem Schuppen hat mal ein Zirkus einen Bären gehalten“

Zwei Jahre wird renoviert. Quasi im laufenden Betrieb, Raum für Raum, anfangs hat er nur Küche, Wohn- und Schlafzimmer, 70 Quadratmeter. Heute sind es 170. „Damals war ich noch solo. Das Nest war gemacht, die Familie kam dann später dazu.“ Richtig gewohnt habe er erst ab 2002. Heute lebt André Küchenberg hier mit Frau, Tochter und Sohn. In einem abgetrennten Apartment wohnt noch die Schwiegermutter. Und nebenan, in einem Fachwerkbau, lebt noch die eigene Mutter. Das Reidemeisterhaus von 1725 – es wäre eigentlich eine eigene Geschichte wert. „In dem Schuppen hat ein Wanderzirkus mal einen Bären gehalten. Im Keller wurden Pferde geschlachtet“, erzählt der gelernte Gerüstbau-Meister.

Der Garten um das Haus, das sich zwischen Bäumen ins Lägertal duckt – viel erinnert nicht mehr daran, dass hier einst der Mittelpunkt der Iserlohner Industrie lag. So zumindest steht es auf einer Tafel einige hundert Meter entfernt im Stadtwald. „Bis 1900 standen hier entlang des Bachlaufs 15 Schleifmühlen, Drahtrollen, Reckhämmer und Schmieden“, ist dort zu lesen. „Einziges Zeugnis dieser Vergangenheit sind heute noch die Gebäude der ehemaligen Schmölenrolle, in der ab 1615 von Hermann Schmöle Draht zum Wollkratzen hergestellt wurde.“ Gemeint ist das Haus von André Küchenberg und Familie.

Tritt man in das Hauptgebäude ein, vor dem alljährlich die Balkenkater ihre Bierprobe feiern, wird man erstmal stilecht von einer Ritterrüstung begrüßt. In den Händen eine Lanze, 200 Jahre alt. „Ist aber kein Original“, sagt Küchenberg. „Die wäre von 1200 gewesen.“

Wenn Historie zertrümmert wird, ist er zur Stelle

Die Pflastersteine draußen vor dem Haus hat Küchenberg aus der alten Iserlohner Fußgängerzone, als diese in den 90er Jahren erneuert wurde. Kostenfaktor: eine Kiste Bier an die Bauarbeiter. Vor seine Scheune, eigentlich ist es eher eine Werkstatt, will Küchenberg sich ein altes Tor einbauen, das einmal vor der Schule an der Brüderstraße stand. Kostenpunkt: eine Kiste Bier. In der Scheune selbst ist bereits ein halbrundes Sprossenfenster verbaut, das aus dem abgerissenen alten Iserlohner Güterbahnhof stammt. Kostenfaktor: Man ahnt es – eine Kiste Bier.

Es scheint fast, als sei André Küchenberg in Iserlohn immer dann zur Stelle gewesen, wenn wieder mal ein Stück Historie in Trümmer gelegt wurde, um dem Mosaik seines Traumhauses ein weiteres Stück hinzufügen zu können. Eine alte Fahnenstange, die mal vor der Pestalozzischule stand. Und. Und. Und.

Die Bestandteile des Hauses von 1615 selbst sind allerdings nur in Teilen erhalten. Über die Jahre hatten spätere Besitzer immer wieder an- und umgebaut. Ein Original von 1615 ist immerhin die gut erhaltene Holztür. „Das ist alles, was ich von der Stadt bekommen habe.“

Das neueste Projekt: Im Garten steht eine alte Badewanne aus dem Haus des aus Iserlohn stammenden Wehrmacht-Offiziers Willy Johannmeyer. Der wurde bekannt, weil er nach Kriegsende im Juni 1945 Hitlers politisches Testament in einem Garten an der Rosenstraße vergraben hatte, wo es die Briten es 1946 aufspürten. „Damit baue ich mit meinem Sohn einen Badeofen für draußen“, sagt der Hobbyschmied.

Und dann? Wird so ein Traumhaus voller Geschichten, wie sie sonst wohl nur ein Museum zu erzählen hat, irgendwann mal ganz fertig? Wohl nicht.

Zum Abschluss geht es durch ein großes gusseisernes Tor wieder in Richtung Lägertalstraße. Welche Geschichte steckt wohl hinter diesem alten Schmuckstück?

Die Antwort fällt kurz aus. André Küchenberg grinst. „Das hat meine Frau bei Ebay bestellt.“

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