Prozess

„Klare Anzeichen für Manipulationen“

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Brandstifter des Galerie- und Wohnhauses am Kurt-Schumacher-Ring erstattet der Brandursachen-Analytiker Matthias Diehl (37) im Landgericht sein Gutachten.

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Brandstifter des Galerie- und Wohnhauses am Kurt-Schumacher-Ring erstattet der Brandursachen-Analytiker Matthias Diehl (37) im Landgericht sein Gutachten.

Foto: Cornelia Merkel

Iserlohn/Hagen.  Der Brandsachverständige Matthias Diehl berichtet im Prozess gegen einen Iserlohner von fehlendem Abgasrohr und geöffnetem Heizungsventil.

Einen technischen Defekt als Ursache für den Großbrand in dem Wohnungs- und Geschäftshaus am Kurt-Schumacher-Ring im Dezember 2019 hat Brandursachen-Analytiker Matthias Diehl als Sachverständiger vor dem Hagener Landgericht ausgeschlossen. Dort muss sich ein 69-jähriger Iserlohner wegen versuchten Mordes in elf Fällen, schwerer Brandstiftung mit versuchter Todesfolge, Herbeiführung einer Explosion mit schwerer Folge und gefährlicher Körperverletzung verantworten (wir berichteten).

Der Sachverständige war direkt nach dem Feuer von der Kriminalpolizei hinzugezogen worden, hatte von der Drehleiter Fotos dokumentiert und war in dem teilweise einsturzgefährdeten Haus, um die Brandursache zu analysieren. „Es gab in der Wohnung klare Anhaltspunkte, dass an der Gasheizung und der Gasleitung manipuliert worden war“, fasste der Brandsachverständige vor Gericht das Ergebnis seiner Untersuchung zusammen. „Das Abgasrohr, das zum Schornstein führte, fehlte ebenso wie die Verkleidungen, Keramikplatten oder Blechverkleidungen. Das bringt ein erhöhtes Brand- und Verletzungsrisiko.“ Hinter der Heizung fanden sich nach dem Großbrand außerdem Stoffreste, hellblaue Bettwäsche. Der Sachverständige berichtete weiter: „Die Verschraubung war losgeschraubt. Auf dem Boden wurde eine Feststellzange sichergestellt.“ Das Landeskriminalamt hatte Zange und Verschraubungen weiter untersucht. „Die Auffindesituation lässt den Schluss zu: Sie wurde verwendet, um die Verschraubung zu lösen. Das Klemmmaß passte. Außerdem wurde das Ventil geöffnet, sodass Gas ausströmen konnte. Der Brandschwerpunkt war um die Heizung herum.“ Der Sachverständige sprach von einer Verpuffung, die durchschlagende Wirkung bis in die Nachbarwohnung entfaltet habe. „Als Zündquelle kommt alles Mögliche in Betracht: Elektrogeräte, Zigarettenglut oder heiße Oberflächen können zündende Wirkung haben.“ Zur Schadenshöhe machte Matthias Diehl keine Aussage.

„Er hat eingeräumt, dass er einen Suizidversuch unternommen hat“, berichtete Psychiater Dr. Martin Wallmeyer, der den nach dem Feuer schwerstverletzten Angeklagten in einer Dortmunder Klinik untersucht hatte. „Zum Warum hat der Angeklagte sich nicht weiter geäußert, nur dass es stressige Lebensereignisse gab, Beziehungsverlust, und dass er Witwer ist. Er hat sich aber von weiteren Suizidgedanken distanziert“, sagte der Arzt.

Depressiver Angeklagter kann sich an Tattag nicht erinnern

Zu einer anderen Einschätzung kommt Dr. Barbara John, psychologische Psychotherapeutin aus dem Justizkrankenhaus Fröndenberg, nachdem sie den Angeklagten untersucht hatte: „Ich habe ihn weiterhin als suizidal eingestuft.“ Er habe ihr gestanden, dass er sich nicht anzünden sondern aufhängen wollte. Er habe sich aber nicht erinnern können, was an dem Tag geschehen ist.“ Dr. Barbara John berichtete von seiner depressiven Grundstimmung. Er habe sich leid getan: „Er sah sich als Opfer. Seine Misere habe mit einem Unfall und dem Verlust des Führerscheins begonnen.“

Eine weitere Zeugin, Psychologin im Justizkrankenhaus, kam zu einer anderen Einschätzung: Sie beschrieb den Angeklagten als alles andere als depressiv, mit einem Hang zur Theatralik und zum Mythen-Erzählen. Sie verglich ihn mit einem „Narzissten, der nicht wahrgenommen wird, der sich was sucht, damit er wahrgenommen wird“.

Im Laufe der Vernehmung summt der Angeklagte

Dem Kripobeamten Ralf Aufermann gab der Angeklagte nach der Festnahme auf der Intensivstation zu Protokoll, er habe einen Suizidversuch unternommen. „Auf Nachfrage, wie er es gemacht habe, gab er keine Antwort“, berichtete der Polizeibeamte als Zeuge vor Gericht. Seine Frau sei der Auslöser gewesen, hätte ihm der Schwerstverletzte zu Protokoll gegeben. „Sie habe Angst vor ihm. Er wollte in den Himmel fahren, damit er keinem mehr weh tut. Er wollte es beenden, bevor er andere schädigt.“ Der Schwerstverletzte habe im Verlauf der Vernehmung angefangen zu summen und die bandagierten Handflächen nach oben gedreht: „Wie Yogis das machen. Er wirkte fahrig und traurig. Es ging nicht spurlos an ihm vorbei, dass wir ihn festgenommen haben.“

Am Mittwoch wird der Prozess vor dem Landgericht fortgesetzt.

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