Literatur

Liebe in Zeiten des Hasses

Journalist und Essayist Michael Kraske hat in der Stadtbücherei gelesen.

Journalist und Essayist Michael Kraske hat in der Stadtbücherei gelesen.

Foto: Miriam Mandt-Böckelmann

Iserlohn.  Zuhörer erleben bei der Lesung in der Stadtbücherei von Michael Kraske eine Weltpremiere.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Heimat ist nicht nur ein Wort, es ist ein Gefühl. Das die Menschen spaltet – und eben nicht vereint. Für den einen ist es verbunden mit einem warm-wohligen Schauer und den Erinnerungen an Plätzchenbacken mit der Oma – eine Kindheit, eingepackt in einen Kokon aus Liebe und Vertrauen. Der erste Kuss, Enttäuschungen und das Aufgefangenwerden von der Gemeinschaft – die Gewissheit, die es braucht, um die wenigen Worte zu sagen: „Hier bin ich zu Hause.“ Für den anderen ist „Heimat“ ein Angst-Ort, den es aus den Gedanken zu tilgen gilt: fremd und kalt, aufgeladen mit Deutschtümelei, Ablehnung und Engstirnigkeit. Kaum ein anderer Begriff hat soviel doppelten Boden, wirkt so ambivalent – und taugt deshalb so gut, um sich als Autor damit auseinanderzusetzen.

Beschimpfungen bis heute

Michael Kraske tut eben dies. Seine Geburtsstadt ist Iserlohn, Leipzig nennt er seit Jahren seine Heimat und wird doch im Internet beschimpft: „Geh doch zurück in den Westen, wenn es Dir hier nicht gefällt!“ Denn die Grenze in den Köpfen ist auch 30 Jahre nach der Wende noch längst nicht verschwunden. Wir gegen die, Ossis gegen Wessis. Um jenen Abgrund geht es in Kraskes neuem Buch „Der Riss“, das im Februar 2020 zur Leipziger Buchmesse erscheinen wird. Die Besucher seiner Lesung in der Stadtbücherei erlebten am Montagabend eine Weltpremiere: Als Erste hörten sie ein Kapitel mit dem Titel: „Heimat: Sehnsuchtsort und politischer Kampfbegriff“. Noch sind es einzelne Seiten, die Kraske locker in der Hand trägt, bald wird daraus ein Buch. Darin: seine Erinnerungen an die Stunden auf dem Bolzplatz mit den Freunden, die Spiele beim TuS Iserlohn, das Märkische Gymnasium, den „riesigen Betonklotz auf dem Hemberg“, die Tucholsky-Revue im Literaturkurs, die düstere Kirche St. Michael mit dem freigeistigen Pastor Walther, Reihenhaus-Idylle mit einem Vater, der arbeiten geht und der Mutter, die sich um Michael Kraske und seine Schwester kümmert, das Schützenfest mit den „Männer, die in ihren grünen Uniformen wie Jäger aussahen“, der erste Kuss, Schweinebraten bei Muttern – eine Liebeserklärung an Iserlohn in zarten Worten.

Sicher ist aber auch, dass es in „Der Riss“ sonst nicht so romantisch zugehen wird. Michael Kraske macht sich auf die Suche nach den Gründen für die Radikalisierung des Ostens, für Fremdenfeindlichkeit und Gewalt, das Erstarken von rechten Parteien und die Meinungsführerschaft eines Mannes, den man ungestraft als „Faschist“ bezeichnen darf. Der Ullstein-Verlag schreibt in einer Vorankündigung über das Buch: „Es ist ein aufwühlender Erfahrungsbericht und zugleich tiefgründige Analyse – eine kraftvolle deutsch-deutsche Erzählung.“

„Vorhofflimmern“ ist bis heute aktuell

Das Thema bewegt die Menschen – das zeigte sich auch in der anschließenden angeregten Diskussion, die von Gerd Müller-Aßhauer, Vorsitzender des Fördervereins der Stadtbücherei und Lehrer eben jenes oben beschriebenen Literaturkurses, moderiert wurde. Was tun gegen den Rechtsruck? „Solidarität organisieren, das ist eine Strategie, die im Osten viel zu wenig verfolgt wird“, so Kraske. Fest steht: Die Iserlohner Literaturfreunde können es kaum erwarten, bis sie Kraskes Zeilen über ihre Heimat schwarz auf weiß lesen können. Bis dahin müssen sie sich mit „Vorhofflimmern“, dem 2016 erschienenen Roman, begnügen. Er ist bis heute aktuell – wenn auch manche Akteure in Gedanken ausgetauscht werden müssen. In einer fiktiven sächsischen Stadt machen braune Schläger Jagd auf linke Jugendliche, die sich im Jugendtreff „Rote Zora“ verschanzen. Kraske: „So eine ,Rote Zora‘ gibt es in jeder Stadt, man muss nur nach einem Haus suchen, das keine Scheiben hat, weil sie ständig eingeworfen werden.“ Auch Milan, Sohn der Roman-Hauptfigur Andrea, wird bei der „Zeckenjagd“ durch die Stadt getrieben. Tauscht man „die Linken“ gegen „die Ausländer“, ist man schnell bei den rassistischen Ausschreitungen von Mügeln, wo ein wütender Nazi-Mob acht Inder durch die Straßen trieb. „Das war eine Pogrom-Stimmung“, so der Autor.

Seine Stärke ist die Beschreibung der Personen aus dem Off: Kleidung, Körper, Gesten, Blicke – alles hat bei Kraske, dem Beobachter, Gewicht. Es ist, als säße der Erzähler auf einer Wolke und betrachte das Geschehen von oben. So entdeckt der Leser die Welt durch die Augen von Andrea, ihres Mannes Leo und Sohn Milan. Er riecht „den konservierten Geruch eines Menschen, der nie weggewesen und mit seinem Zuhause verschmolzen war“ und sieht „eine Frau zum Pferde stehlen, die wirkte, als habe sie sehr selten Gelegenheit dazu“. Dazu Bemerkungen mit Tiefgang, wie zum Beispiel: „Früher haben wir geglaubt, das richtige Leben im Falschen zu führen, heute ist es das Gegenteil!“ Beziehungen treten im Roman eher zurück – so der Eindruck. Eine Szene beschreibt einen rührenden Vater-Sohn-Moment: „Zwei große Jungs unter sich. Sie teilten die Gewissheit sich zu lieben.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben