Burnout

„Phönix“ hilft Ausgebrannten aus der Asche

Reha-Berater Bernd Schartau (li.) hat die Mitglieder der Phönix-Gruppe an einen Tisch gebracht. Uwe Henschel geht heute offen mit der Krankheit um – auch um gegen das Schweigen und die Vorurteile zu kämpfen.

Reha-Berater Bernd Schartau (li.) hat die Mitglieder der Phönix-Gruppe an einen Tisch gebracht. Uwe Henschel geht heute offen mit der Krankheit um – auch um gegen das Schweigen und die Vorurteile zu kämpfen.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Eine Selbsthilfegruppe soll Burnout-Patienten aus der Krise helfen. Überlastung und Mobbing sind häufige Ursachen.

Uwe Henschel weiß, wie es ist, wenn man nicht mehr kann. 40 Jahre lang bekleidete er eine leitende Position bei der Firma Hänsel Textil. Die letzten 33 Jahre sei er keinen einzigen Tag krank geschrieben gewesen, berichtet er. Dann kam die Insolvenz, die Transfergesellschaft und nach fünf Monaten – eigentlich „ein großes Glück“ – ein neuer Job mit vergleichbarer Tätigkeit.

Nach vier Jahrzehnten ist der neue Betrieb eine große Umstellung, auch die längeren Arbeitszeiten traut er sich zu: „Es ging direkt mit zwölf Stunden am Tag los“. Dazu kommen noch Bereitschaftsdienste am Wochenende. Uwe Henschel kann nicht mehr abschalten, spürt die Überlastung, der Stress frisst ihn innerlich auf. Schwäche zeigen kommt für ihn aber nicht in Frage, auch körperliche Symptome wie Tinnitus ignoriert er: „Ich wollte es mir selbst beweisen“, sagt er rückblickend.

Erst als ihm beim Autofahren schwarz vor Augen wird, akzeptiert er die Realität. „Ich habe es gerade noch geschafft, rechts ranzufahren“, erinnert er sich und weiß genau, dass die Sache anders hätte ausgehen können. Uwe Henschel meldet sich nach Jahrzehnten zum ersten Mal krank, jetzt aber auf unbestimmte Zeit. Diagnose: Burn-out. Das war im Oktober 2017.

Als gesund bezeichnet er sich heute nicht, aber im Vergleich zu damals gehe es ihm besser. Geholfen haben eine Therapie und eine Reha. Darüber hat er Bernd Schartau kennengelernt, der seit 2015 als Reha-Berater bei der IKK classic arbeitet. Fälle wie Uwe Henschel kennt er viele: „Von der Reinigungskraft bis zum Geschäftsführer ist alles dabei.“ Weil er von den Betroffenen weiß, dass sie auch nach einer Reha oft noch lange mit der Krankheit zu kämpfen haben und die Wartezeiten für Therapieplätze lang sein können, hat er einige von ihnen zusammengeführt, zur Selbsthilfegruppe „Phönix“. Der Name ist Programm: Wie der Vogel aus der griechischen Mythologie sollen die Teilnehmer aus der Asche wieder auferstehen.

Kollegen können genau so krank machen wie die Arbeit

Wie wertvoll der Erfahrungsaustausch ist, hat auch Iliane (Name geändert) gelernt. „Im Alltag spricht keiner darüber, aber wenn das Thema doch mal angeschnitten wird, erzählen überraschend viele von ähnlichen Problemen.“ Die Mittfünfzigerin hatte einen Bürojob, der ihr echte Freude machte, wie sie berichtet. Die Arbeit sei immer mehr geworden, das habe sie schon belastet. Was sie krank gemacht hat, war allerdings etwas anderes, ist sie überzeugt.

„Damals wollte ich es nicht wahrhaben, aber ich wurde systematisch gemobbt“, sagt sie. Eine einzelne Kollegin, die sie vom ersten Tag an abgelehnt habe, hätte sie immer wieder beim Chef angeschwärzt und nach und nach die Abteilung auf ihre Seite gezogen. Im Hintergrund stand eine private Verstrickung, vermutet Iliane. Die endlosen Sticheleien und fehlende Unterstützung von Vorgesetzten bleiben schließlich nicht ohne Folgen. Iliane kann nicht mehr schlafen, geht mit einem immer schlechteren Gefühl ins Büro. Konzentration und Motivation lösen sich auf bis zur völligen Blockade: „Eines Tages saß ich an meinem Schreibtisch und konnte die nächste Akte nicht öffnen. Es ging einfach nicht“, berichtet sie und ringt um Fassung. „Die letzten Tage habe ich nur noch geweint.“

In der Phönix-Gruppe seien viele Freundschaften entstanden, berichten die beiden Mitglieder. In ihrem privaten Umfeld finden Betroffene nicht unbedingt Verständnis, denn Halbwissen und Vorurteile zu psychischen Erkrankungen sind noch immer weit verbreitet. „Keiner konnte damit etwas anfangen“, berichtet Iliane. Auch in Uwe Henschels weitem Bekanntenkreis verstand damals niemand, was mit ihm los war. Die „Feuervögel“ möchten ihre Erfahrungen weitergeben – damit auch anderen die Auferstehung gelingt. Iliane ist froh, voraussichtlich bald wieder arbeiten zu können. In einem anderen Betrieb.

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Die Selbsthilfegruppe „Phönix“ trifft sich jeden ersten und dritten Dienstag im Monat von 17 bis 19 Uhr in den Räumen der IKK an der Handwerkerstraße 4.

Informationen erhalten Betroffene von Bernd Schartau unter 02371/9585-39487 oder per E-Mail an: shgphoenix@web.de

Nächster Termin ist Dienstag, 2. April. Um Anmeldung wird gebeten, ihren Namen müssen Interessierte dabei nicht nennen.

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