USA

„Schmeißt Agent Orange aus dem Oval Office“

Hardy Klahold ist Iserlohner und lebt seit fast 20 Jahren in den USA.

Hardy Klahold ist Iserlohner und lebt seit fast 20 Jahren in den USA.

Foto: Privat / IKZ

Iserlohn/Colorado.  Der Iserlohner und mittlerweile in den USA lebende Hardy Klahold über Trump, Proteste und Rassismus

Die Stamm-Leser der Heimatzeitung kennen ihn bereits gut: Hardy Klahold ist Iserlohner, hat seine bildjournalistische Ausbildung im Wichelhovenhaus absolviert und ist heute einer der erfolgreichsten Hochzeits-Fotografen Amerikas. Schon mehrfach haben wir ihn gebeten, uns Einblicke in das Leben und Denken der US-Amerikaner zu geben, wenn es dort mal wieder Dinge gibt, die wir hier vielleicht aus unterschiedlichen Gründen nicht richtig verstehen und die uns nicht selten kopfschüttelnd bis hilflos zurücklassen.

Bei unserem jüngsten Gedankenaustausch geht es natürlich, wie schon bei dem Gespräch mit ARD-Korrespondent Jan Philipp Burgard, um die Unruhen aufgrund von rassistischen Übergriffen, über ein sich aufbäumendes Volk und um einen Präsidenten, dessen Agieren uns manchmal an seinem Verstand zweifeln lässt. Die grundsätzlichen Fragen waren für beide Gesprächspartner übrigens die gleichen. Ein spannender Vergleich.

Hallo Hardy, wir hoffen zunächst mal natürlich, dass es Dir und Deiner Familie gut geht?!

Hardy Klahold: Danke für Eure Anfrage. Endlich habe ich in meiner selbstgeschaffenen Quarantäne, die seit zwei Monaten anhält, etwas zu tun. Obwohl Tammy unter ihren Krankenschwestern und Ärzten sieben Coronafälle hatte (alle wieder gesund), sind wir gesund und haben keine Infektion zu beklagen. Wir unterziehen uns aber auch jeden Tag umfangreichen Vorsichtsmaßnahmen. Unter anderem das Händewaschen läuft bei mir schon auf Autopilot und ist zu einer Routine geworden, die ich selber gar nicht mehr wahrnehme. Alle Oberflächen im Haus werden von uns jeden Morgen mit Reinigungstüchern abgewaschen und weiter. Also alles gesund hier.

Und ich hoffe natürlich auch, dass sich der eine oder andere Amerikaner auch noch traut, sich trauen zu lassen und Dir damit vor die Linse kommt.

All meine Hochzeitspaare für 2020 haben abgesagt, sind auf das nächste Jahr verschoben oder machen sogenannte Elopements, entfliehen also dem Rummel mit unbekanntem Ziel. Die große Party ist dann 2021. So geht es auch fast allen meiner Fotografenfreunde. Glücklicherweise bin ich schon seit einiger Zeit dabei, vom Hochzeitsgeschäft wegzukommen und mehr in Mode und generell im kooperativen Feld Fuß zu fassen. Da läuft es so langsam wieder an.

Wie nimmst Du selbst die Stimmung in Deinem Umfeld und in dem Land derzeit wahr?

Genau so wie ihr, im Fernsehen. Wir wohnen ja etwa 35/40 Minuten von downtown Denver entfernt. Es gibt auch dort seit einer Woche jeden Abend Demonstrationen und teilweise auch Plünderungen. Die sind aber nicht so gravierend wie in anderen Städten. Es ist insgesamt friedlich hier. Und ich glaube auch, dass die Teilnehmer der Demonstrationen mehr und mehr darauf achten, dass sie sich von den Plünderern stark distanzieren.

Du bist bald 20 Jahre in den USA – in welche Richtung konnte man Veränderung erleben, wenn man sie denn erleben konnte? Hat sich das Blatt nach Martin Luther King für die Schwarzen wirklich zum Besseren gewendet?

Ich bin seit 2003 in Denver. Es gibt ein sehr gutes, aber auch etwas älteres Zitat des Schauspielers Will Smith, dass seit einer Woche wieder durch die sozialen Medien geht: „Racism isn’t getting worse, it’s getting filmed.” Also Rassismus wird nicht schlimmer, sondern er wird jetzt gefilmt. Ich glaube dass das die Veränderung über die letzten Jahre gut beschreibt. Was unter Obama etwas zurückging, ist dank der rassistischen Äußerungen von Agent Orange – ich weigere mich ihn Präsident zu nennen – wieder salonfähig geworden. Amerika ist ein großes Land.

Glaubst Du, dass die aktuellen Proteste doch eher punktuell in den Zentren stattfinden oder grummelt es auch in der Fläche?

In den Großstädten ist es natürlich deutlicher zu sehen als auf dem platten Land. Es ist sogar für den stark konservative Menschen in diesem Land nur schwer wegzudiskutieren, was da auf im nationalen TV zu sehen war: neun Minuten lang, ungeschnittenes Videomaterial, das zeigt wie ein Polizist auf George Floyd kniet, George dabei um Luft fleht – „I can’t breath” – bis er regungslos auf der Straße liegt. Da gibt es kein “ja, aber…” mehr, für niemanden. Auch in der konservativen Gemeinde hört man nun kritischen Stimmen. Wenn auch nicht so laut.

Trump und seine republikanische Gefolgschaft scheinen, trotz Pleiten, Pech und Pannen auf vielen Gebieten unkaputtbar zu sein. Überspielt er aktuelle Schwäche mit Konsequenz. Dass er jetzt Härte zeigt, könnte doch durchaus nach dem Willen vieler Anhänger sein.

Die konservativen Amerikaner lieben nur eine Sache noch mehr als ihren Agent Orange und das ist ihre Constitution, ihre Verfassung. Und wenn da irgendjemand auch nur leicht daran rüttelt, werden sie sehr schnell und verdammt böse. Da läuft Trump, mit dem verstärkten Einsatz des Militärs, dem Versuch von Ausgangssperren und dem Einsatz der Armee gegen das eigene Volk gerade auf einem ganz schmalen Grad. Es gibt natürlich die Hardliner, für die Trump nichts falsch macht. Die lieben sein hartes Durchgreifen, solange er sie in ihren eigenen Rechten nicht beschneidet. Und er weiß das natürlich. Deshalb auch in seiner „Law and Order President” Ankündigung der Hinweis auf die Verteidigung des 2. Amendment und das wirklich dumme Posing mit der Bibel in der Hand vor einer Kirche. Er vergisst niemals, zu wem er spricht und wer ihm zuhört. Ich glaube aber, dass “die Vielen“, immer weniger werden.

Krach mit China, Krach mit der EU, Krach mit Russland, Krach mit Mexiko, Krach im Inland – wann ist bei der Mehrzahl der Amerikaner der Scheitelpunkt der Toleranz überschritten?

Der Scheitelpunkt ist, wie ich glaube, schon längst überschritten. So lange Trump Probleme im eigenen Land findet, für die er die anderen Länder verantwortlich machen kann, bleibt die Kritik an seiner Politik aber leise. Er reagiert ja nur auf das, wozu die ihn die anderen veranlassen. So ist seine Politik. Mein Schwager, ultra religiös und konservativer als jeder, den ich kenne, ist Farmer. Er züchtet Schweine und pflanzt Korn. Ihn und seine Kollegen trifft die Politik von Trump mit aller Härte. Er überlebt im Moment nur mit den verhassten „handouts” der Regierung, wie Konservative es abfällig bezeichnen. Du wirst aber kein schlechtes Wort über Trumps Handeln von ihm hören, eher noch erklärende Worte. Sicher kritisiert er, wie jeder ordentliche Konservative, die Regierung in aller Regelmäßigkeit. Du kannst aber sicher sein, er macht das Kreuz wieder neben Trumps Namen und stimmt damit gegen seinen eigenen Interessen.

Und ist Joe Biden eine Alternative? Biden ist die einzige Alternative?

Die Frage, ob er gut, schlecht, besser, zu alt oder zu sehr Politiker ist, stellt sich für mich nicht. Die einzige Option im November heißt für mich: Schmeißt Agent Orange mit einem großen Tritt aus dem Oval Office, egal mit wem oder was. Nochmal vier Jahre mit Trump schaffen die Menschen in diesem Land nicht. Wichtig ist der Name von Bidens „Running Mate”. Biden selbst hat ja schon angekündigt, dass er nur ein „one term” Präsident sein wird. Also suchen wir nach einer polarisierenden Figur, die das junge Amerika, die african Americans, wie auch alle anderen Minderheitsgruppen begeistern kann, die außerdem auch die Frauen an die Wahlurne holt und die eventuell Biden in vier Jahren auf den Stuhl des Präsidenten folgen kann. Ich glaube die meisten Amerikaner wünschen sich eine african/american Kandidatin. Wie viele würde ich mir entweder Kamala Harris oder Val Demings wünschen. Beides sind zwei starke Frauen.

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