Friedensfestival

So bunt kann Iserlohn sein

Schon am Freitagnachmittag war der Platz voll, und so blieb es dann bis gestern Abend.

Schon am Freitagnachmittag war der Platz voll, und so blieb es dann bis gestern Abend.

Foto: Dominique Penn

Iserlohn.  Der Punk ist verschwunden: Beim Friedensfestival bestaunen die Besucher einen konsequenten Wandel.

Vielleicht zwei Randbemerkungen vorab. Das mit dem Regen am Samstagabend war natürlich überflüssig wie ein Kropf. Einige sagen, dem Rasen auf dem Platz der Kulturen habe das ganz gut getan. Der Party, die dort gerade in vollem Gange war, hat er aber gar nicht gut getan. Drei Stündchen später hätte es ja wohl auch getan, aber das kann man sich leider nicht immer aussuchen. Und dass es am Samstag schon um 19.30 Uhr keine Falafel mehr gab, war eine fast noch schlimmere Nachricht, als die von der nahenden Regenfront. Das aber wiederum sagt schon eine Menge aus – nicht nur über die Qualität der Falafel von Rachid Abdul-Aziz, sondern auch über den großartigen Besuch beim Friedensfestival, der sich nach dem famosen Start am Freitag auch am Samstag und Sonntag fortsetzte.

Der Punk ist verschwunden, Kinder bestimmen das Bild

Im Nachhinein hat man das Gefühl, dass dieses 29. Festival Geschichte geschrieben hat, weil es so aussieht, als habe in diesem Jahr eine Entwicklung ihr Ende gefunden, eine Wandlung hin zu einem fröhlichen Familienfest. Das Festival hat seine düsteren und nicht ganz so schönen Seiten im Laufe der Jahre komplett verloren, der Punk ist verschwunden. Kinder bestimmen das Bild, die Musik ist chilliger geworden und viele Besucher waren erstaunt, was für einen hohen Grad der Entspanntheit dieses Festival, das ursprünglich ja mal auf Spannung und Konfrontation angelegt war, erreichen kann und wie relaxed es sich in Iserlohn feiern lässt, wenn alle mitmachen und gut drauf sind.

Gründe dafür gibt es auch neben dem bewussten Umsteuern der Organisatoren einige. Es ist zum Beispiel spürbar, dass sich der Platz der Kulturen verändert hat. Die Umgestaltung trägt Früchte, die Klientel unten auf dem Platz hat sich gewandelt, der Platz wird schon jetzt anders wahrgenommen und es lässt sich hier anders feiern als früher. Das fing schon bei den Sommernächten im vergangenen Jahr an und setzt sich jetzt fort. Ein anderes Detail, das ungemein zum Wohlfühlfaktor beiträgt, ist die Vermeidung jeglichen Mülls. Gegessen wird von Porzellan, das im Spülwagen landet, und getrunken ausschließlich aus Pfandflaschen und richtigen Tassen und Weingläsern: Es gibt einfach keinen Müll, nichts liegt rum – ein Paradies für Barfußläufer.

Die Wandlung zum friedlich-fröhlichen Familien fest ist also vollzogen. Und heraus kommt dann eine Art Gegenentwurf zum Alltags-Iserlohn. Wer erleben möchte, wie bunt und vielfältig diese Stadt sein kann, der ist hier unten genau richtig. Zumal auch von einer irgendwie gearteten Konkurrenz oder Feindseligkeit zum Schützenfest rein gar nichts mehr zu spüren ist. Im Gegenteil: Es mischt sich zusehends.

All das heißt aber nicht, dass das Festival an Aussagekraft verloren hätte. Auch das politische Profil haben die Organisatoren geschärft. Die Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler (Die Linke) und der NRW-Vorsitzende der Grünen, Felix Banaszak, standen auf der Bühne, das Festival-Motto „Klima schützen – Frieden bewahren“ wurde mit Inhalt gefüllt, auch an den vielen politischen Ständen.

Und das scheint mehr denn je auch junge Leute mit Haltung anzuziehen. So waren die Iserlohner Organisatoren von „Fridays for Future“ erstmals dabei. Ein anderes Beispiel ist die junge Band „Joker’s Kingdom“ – eine erst vor einem Jahr an der Dortmunder Uni gegründeten Band, deren Frontmann Justin Jenderny aber aus Iserlohn kommt. Der 24-jährige ehemalige Stenner-Schüler sagt, er sei schon als Kind zum Friedensfestival gekommen und hier quasi groß geworden. „Das ist genau mein Ding hier“, sagt er – auch weil er politisch hier seine Heimat hat: „Nazis raus“ und „FCK AFD“ gehören hier wie selbstverständlich zur gemeinsamen DNA.

Auch musikalisch stehen „Joker’s Kingdom“ stellvertretend für das starke Programm. Die Band, die in ihrer kurzen Geschichte bereits mehrere Contests gewonnen hat und gerade bei „Bochum total“ auf der Bühne stand, bringt alles mit: Härte und Melodie, volles Brett und schlanke Linien, starke Brüche und vor allem jede Menge Spaß und Charakter. Alle, die die Band gesehen haben, sind sich einig: Von den vier Jungs wird man noch viel hören.

Über die Musik ließe sich generell noch viel sagen. 13 Bands waren ohne Gage nach Iserlohn gekommen und haben eine musikalische Mischung mitgebracht, die es nur hier gibt Reggae am Nachmittag, Ska in der Nacht, zwischendurch auch mal brachialerer Rock, Gothic oder Folk – es waren einmal mehr mehrere Tausend Menschen, die am Wochenende auf den Platz kamen, auch um die Musik bei diesem Open-Air-Festival zu genießen.

Das freute auch die Organisatoren. Der diesjährige Hauptverantwortliche Alexander Platte ist ebenso wie die Besucher begeistert von der tollen familiären Stimmung. Und auch der Festival-Mitbegründer Detlev Paul ist glücklich, dass die Rechnung aufging. Nur am Samstagabend beim feierträchtigen Top-Act „The Unduster“ hatte er auf etwa 1200 hüpfende Fans vor der Bühne gehofft. Es waren dann aber nur rund 300 – der Regen kam einfach ein paar Stunden zu früh.

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