Coronavirus

„Vielleicht schaffen wir 200 Intensivbetten im Märkischen Kreis“

um aktuellen Zeitpunkt hat Volker Schmidt, Chef des MK-Krisenstabs, mit seinem Team die heimische Corona-Lage im Griff.

um aktuellen Zeitpunkt hat Volker Schmidt, Chef des MK-Krisenstabs, mit seinem Team die heimische Corona-Lage im Griff.

Foto: Privat

Iserlohn/Kreis.  Volker Schmidt vom Krisenstab des Märkischen Kreises ist zufrieden mit dem Bürgerverhalten, Großevents sind aus seiner Sicht aber noch weit weg.

Im Vergleich zu anderen Regionen des Landes und des Bundes erlebt der Märkische Kreis derzeit noch einen recht milden Verlauf der der Corona-Pandemie. Der Leitende Kreisverwaltungs-Direktor Volker Schmidt, zuständig für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz sowie Leiter des Krisenstabes, zieht im Gespräch mit der Heimatzeitung eine erste Zwischenbilanz und wagt einen kleinen Ausblick.

Fangen wie mal mit einer leichten Gefühlsfrage an: Wie zufrieden sind Sie grundsätzlich mit dem Verhalten der Bürgerinnen und Bürger im Märkischen Kreis während der ersten Corona-Wochen?

Ich bin mit dem Verhalten zufrieden. Nach meinem Eindruck werden die Kontaktbeschränkungen weitestgehend eingehalten; und – was für uns ganz wichtig ist – auch die häusliche Quarantäne bei Corona-Erkrankten und Kontaktpersonen. Bei jüngeren Menschen wird eine manchmal provokant scheinende Sorglosigkeit beobachtet.

Ist das nach Ihrer Meinung eher die Unbekümmertheit der Jugend oder doch ein „Ich mache, was ich will“-Gefühl?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob dieser Eindruck pauschal für alle jüngeren Menschen gilt. Im Gegenteil – ich erlebe viele sehr verantwortungsbewusste junge Menschen, die sich sogar in örtliche Unterstützungsangebote für die Versorgung von Menschen in Quarantäne eingebracht haben.

Sie geben tägliche Standmeldungen zu Neuinfektionen und Heilungen. Können Sie für den Märkischen Kreis einen Trend erkennen?

Die Fallzahlen steigen langsam aber stetig. Wir müssen auf der anderen Seite aber auch sehen, dass die Anzahl der gesundeten Menschen steigt. Für eine generelle Trendaussage ist es noch zu früh.

Der Märkische Kreis besteht aus mittelstädtischen Strukturen ebenso wie aus ländlicheren Kleinformen. Wirkt sich die Mischung positiv auf den Gesamtkreis aus?

Im Vergleich zu einer großstädtischen Struktur ergeben sich Vor- und Nachteile. Der Märkische Kreis verfügt aus meiner Sicht auch in diesen Corona-Zeiten über eine „gesunde“ Struktur. Die Erkrankungsfälle verteilen sich auf alle Kommunen. Alle Städte und Gemeinden arbeiten mit dem Märkischen Kreis sehr intensiv an dem Thema. Insbesondere auch, wenn es um die Betreuung der Quarantänefälle geht. Gerade in den kleineren Kommunen kennt man die Menschen, um die es geht, oft persönlich. Auf der anderen Seite ist die Kommunikation zwischen allen Kommunen und dem Kreis schwieriger als in einer Großstadt. Aber sie funktioniert trotzdem gut!

Etwas Statistik muss sein: Wie viele Krankenhausbetten grundsätzlich, wie viele Intensiv-Betten und wie viele Beatmungsapparaturen haben wir bei allen Trägern im Märkischen Kreis zur Verfügung?

Entscheidend sind für uns die freien Betten. Man darf nicht vergessen, dass es ja immer noch viele akute Erkrankungen gibt, die stationär behandelt werden müssen. Die Krankenhäuser haben ihre planbaren Operationen heruntergefahren. Die Kapazitäten für Intensivbetten mit Beatmungsgeräten werden verdoppelt auf etwa 150 Betten. Vielleicht schaffen wir sogar fast 200 Intensivbetten. Allerdings fehlen noch einige Beatmungsgeräte. Hier ist der Liefertermin unklar.

Sollte das im schlimmsten Fall nicht reichen – haben Sie bereits Kooperationen mit anderen Kreisen oder Einrichtungen angebahnt?

Für den schlimmsten Fall planen wir Notfallkrankenhäuser und auch Sammeleinrichtungen für Menschen, die nicht mehr zu Hause gepflegt werden können. Natürlich werden auch Krankenhausunterbringungen über die Kreisgrenzen hinaus möglich sein.

Sie haben bei einer Pandemie-Übung beziehungsweise -Planung des Kreises 2007 bereits Erfahrungen und Ergebnisse sammeln können. Sie konnten damals natürlich nicht verbindlich wissen, dass das neue Coronavirus dermaßen auf die Lunge geht, aber wussten Sie, dass Sie im Ernstfall nicht genügend Atemschutzmasken haben würden?

Für unseren Verantwortungsbereich, also speziell den Rettungsdienst, hatten wir ausreichend vorgesorgt. Dass Schutzausrüstungen in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen so stark limitiert sind, damit war nicht zu rechnen. Ich hoffe aber auf eine gewisse Entspannung in den nächsten Wochen. An vielen Stellen wird ja versucht, eine Produktion aufzubauen.

Am Anfang haben Sie ziemlich lange auf Testergebnisse warten müssen, hat sich das inzwischen eingespielt und beschleunigt?

Ja, die Testergebnisse gelangen deutlich schneller zu uns. Die Laborkapazitäten wurden erheblich ausgebaut.

Inzwischen gibt es die ersten Antikörper-Tests. Wird es das auch im Märkischen Kreis geben, und werden Sie das auch forcieren?

Wir sind dazu in einem engen Austausch mit einem Labor bei der Entwicklung. Ja, wir wollen diese Möglichkeit auch nutzen. Es ist eine Möglichkeit, zum Beispiel den Beschäftigten in der Pflege oder Gesundheitsversorgung Sicherheit zu geben, wenn man weiß, dass man gegen das Coronavirus immun ist.

Noch können die Krankenhäuser im Kreis die Situation gut bewältigen, die Sportklinik ist – so hören wir in Iserlohn – aufgrund der Empfehlung, nicht unbedingt notwendige Operationen zurückzustellen, offenbar bereits in Kurzarbeit. Kann oder muss man diese Empfehlung oder auch Anordnung bald schon wieder lockern?

Das wird man sehen. Wir sind mit der Sportklinik im Gespräch.

In anderen Teilen der Republik ist man dazu übergegangen, zentrale Pandemie-Zentren zu schaffen. Bewährt sich die Kreis-Strategie, dezentral auf die Versorgung der Patienten jeweils möglichst vor Ort zu setzen?

Alle Krankenhäuser im Märkischen Kreis haben sich in einer Telefonkonferenz aus inhaltlichen Gründen gegen ein zentrales Corona-Krankenhaus ausgesprochen. Die Entwicklung der Erkrankung ist nach deren Erfahrungen oft sehr dynamisch. Dann müssten viele Patienten auf freie Intensivbetten in andere Krankenhäuser transportiert werden. Das würde zu zusätzlichen Belastungen der Patienten, aber auch des Rettungsdienstes führen.

Welche Note zwischen eins und – sagen wir mal – zehn geben Sie Bund und Land für ihr Krisenmanagement?

Bund und Land machen in meinen Augen ein gutes und abgewogenes Krisenmanagement.

Der Wetterbericht sagt derzeit für das Osterwochenende unter Umständen nicht ganz so prickeliges Wetter voraus: schlecht für die Bürgerstimmung, aber gut fürs soziale Kontaktverbot im Freien?

Das soziale Kontaktverbot hilft uns als Gesundheitsbehörde natürlich weiter. Je weniger persönliche Kontakte da sind, desto geringer ist die Dynamik bei der Fallentwicklung. Zudem kann man ja auch bei schlechtem Wetter allein oder zu zweit mit entsprechender Kleidung in die Natur gehen.

Und zum Schluss natürlich noch die Frage zur persönlichen Prognose: Wann werden wir so etwas wie Normalität zurückbekommen?

Ich gehe davon aus, dass wir stufenweise eine Lockerung der Maßnahmen bekommen werden. Wann und wie das konkret aussieht, ist derzeit noch Spekulation. Mit Einschränkungen in bestimmten Bereichen – wie zum Beispiel der Durchführung von Großveranstaltungen – werden wir sicher noch lange leben müssen.

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