Bordellprozess

China-Bordelle: Prozessbeteiligte zeigen Fairness

Der Bordell-Prozess in der Schwanenburg neigt sich dem Ende zu.

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Der Bordell-Prozess in der Schwanenburg neigt sich dem Ende zu. Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Kleve.   Der Prozess um die chinesischen Bordelle am Landgericht Kleve geht zu Ende. Wie die Staatsanwaltschaft mit einer Powerpoint-Präsentation überraschte.

Wenn in China ein Sack Reis umfällt, interessiert es in Deutschland bekanntlich niemanden – so will es das geflügelte Wort. Aber: „Wenn in Deutschland ein Sack Kondome umfällt, interessiert das in China möglicherweise schon jemanden“, beschreibt es Staatsanwalt Hendrik Timmer – und fand damit am gestrigen Verhandlungstag vor dem Landgericht Kleve einen rhetorisch geschliffenen Einstieg in sein Plädoyer.

Der Prozess gegen fünf chinesische Angeklagte, ein 54-jähriger Mann und vier Frauen im Alter 50, 34, 31 und 30 Jahren, neigt sich dem Ende zu. Wie berichtet, sollen die Fünf mit unterschiedlicher Tatbeteiligung in weiten Teilen Deutschlands illegal Bordelle betrieben und dabei Steuern und Sozialversicherungsabgaben im sechsstelligen Bereich hinterzogen haben, eines davon in Kranenburg. Mit einer anschaulichen Powerpoint-Präsentation trat Timmer den Beweis an, dass die Staatsanwaltschaft Kleve im digitalen Zeitalter angekommen ist. Plädoyer 2.0 sozusagen.

Grafik veranschaulicht das komplexe Netzwerk

Zwei Dinge werden Prozessbeobachtern in der Grafik plastisch vor Augen geführt: Zum einen die konzernartigen Strukturen des Rotlichtunternehmens, dessen Zweigstellen beim Gewerbeamt zum Teil auf Strohleute angemeldet waren, zum anderen, wer im Zentrum dieses Netzwerks mutmaßlich die Fäden zog: Es war der 54-jährige Angeklagte, der ursprünglich als Freier in einem Essener Bordell einen rasanten Aufstieg zum Großunternehmer vollzogen hatte.

Um die zentrale Figur des „großen Bruders“, wie er von seinen Gespielinnen genannt wurde, scharten sich sechs „leitende Prostituierte“, die betriebliche Aufgaben wie Werbung, Fahrtdienste, Buchführung und Ähnliches übernahmen. Außerdem gab es „Aufpasser“, um die Abläufe in den Betrieben penibel zu überwachen. Die personelle Ausstattung der Bordelle hatte die Staatsanwaltschaft in ihrer Grafik mit kleinen archetypischen Männchen illustriert, die traditionelle chinesische Hüte trugen.

Eine Angeklagte ist schwanger

Verletzen sollte dieser kleine Anflug politischer Inkorrektheit sicherlich niemanden – moniert wurde er dennoch von Rechtsanwalt Dr. Ralf Bleicher; „das fand ich nicht schön“, sagte der Verteidiger, der noch eine überraschende Nachricht im Hinblick auf seine Mandantin zu verkünden hatte: „Sie ist im zweiten Monat schwanger.“ Ein Ultraschallbild hatte Bleicher auch gleich mitgebracht. Sogar gegen den Rat ihres Rechtsbeistands hatte die 31-Jährige ein voll umfängliches Geständnis abgelegt und die angeklagten Taten umfassend eingeräumt – eine Erfahrung, die Rechtsanwälte wohl auch nicht alle Tage machen.

Bei den weitreichenden Ermittlungen hatte die Staatsanwaltschaft Kleve Unterstützung aus Düsseldorf erhalten: So untersuchte Staatsanwalt Stefan Wilkon schwerpunktmäßig die angeklagten Schleusungsdelikte und die damit verbundenen Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz. Dieser lobte zum einen das faire Miteinander aller Parteien während des gesamten Prozesses, hatte aber doch die eine oder andere Behauptung der Verteidiger in deren Plädoyers geradezurücken.

„Verstoß gegen das Hausrecht der Bundesrepublik“

„Es stimmt einfach nicht, dass die Angeklagten niemandem geschadet hätten“, stellte Wilkon klar und meinte damit nicht nur den gewaltigen Steuerschaden, den das Quintett dem Fiskus zugefügt hatte. „Sie haben das Hausrecht der Bundesrepublik Deutschland massiv verletzt.“ Für den 54-Jährigen Angeklagten forderte die Staatsanwaltschaft eine Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren, für die Frauen fielen die beantragten Haftstrafen geringer aus.

Insgesamt legten die Verteidiger in ihren Plädoyers viel Realitätssinn an den Tag und beschönigten die wesentlichen Anklagepunkte nicht. Kritik äußerte derweil Rechtsanwalt Timo Scharrmann am Vorgehen der Staatsanwaltschaft im Zuge der Ermittlungen. So hätten die Beamten nach einem ersten anonymen Hinweis aus einem Bordell in Neuss dem illegalen Treiben lange bewusst tatenlos zugesehen. „Die Staatsanwaltschaft hatte offenbar die Hoffnung, den ganz großen Fisch an der Angel zu haben.“

Worte der Reue unter Tränen

Ein Vorwurf den Staatsanwalt Hendrik Timmer so nicht stehenlassen wollte: „Wir sprechen hier von über 20 Betriebsstätten und der Beteiligung mehrerer Landespolizeibehörden. Die genauen Strukturen dieses Systems aufzudecken bedarf schon erheblicher Ermittlungsarbeit.“ Von strategisch motiviertem Zeitschinden könne also keine Rede sein.

Nach den Plädoyers fanden alle Angeklagten unter Tränen Worte der Reue für ihre Taten; der 54-Jährige entschuldigt sich gar bei den Frauen, sie in die Sache hineingezogen zu haben. Für die Kammer dürfte es ein diffiziles Unterfangen sein, die lange Liste der Anklagepunkte abzuarbeiten, zumal die Umsätze in den Clubs im Hinblick auf die Steuerhinterziehung zum Teil auf Schätzungen beruhen.

Plädoyer mit einer Prise Humor

Mit rheinischem Humor fasste diese Problematik Verteidiger Nils Kassebohm aus Bonn zusammen. Als kleine Retourkutsche auf die multimediale Präsentation der Staatsanwaltschaft hatte er eine Folie vorbereitet mit der Aufschrift: „Ich weiß es nicht so genau.“

Ein Urteil soll am 21. Februar fallen.

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