NRZ-Serie: Klever Köpfe

Der Landrat als Mitläufer

Das Landratsamt in Kleve

Das Landratsamt in Kleve

Foto: Kreis Kleve

Kleve.  Friedrich Neven war von 1933 bis 1945 NSDAP-Kreisleiter und Landrat in Kleve. Inwieweit er in Nazi-Verbrechen eingebunden war, muss noch erforscht werden

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„Herr Neven war zweifellos aktiver Nationalsozialist, aber er gehörte zu den einflussreichen Vertretern der Partei, die sich bemühten, ihre Aufgaben mit Mäßigung und Sachlichkeit zu erfüllen, soweit dies im dritten Reich praktisch möglich war,“ schrieb Bernhard Baak, in seinem Leumundszeugnis für Friedrich Neven. Baak war bis 1933 erster Beigeordneter der Stadt Kleve gewesen, zu Kriegsbeginn übertrug Neven ihm die Leitung des Ernährungsamtes beim Kreis Kleve und von 1946 bis 1957 war er Klever Stadtdirektor.

Und Rechtsanwalt Franz van de Loo führte aus: „In Nicht-PG-Kreisen wurde allgemein bedauert, dass Herr Neven seine Stellung als Kreisleiter aufgab und diesen Nachfolger erhielt. […] Es bestehen keine Zweifel, dass der Vorgänger und der Nachfolger […] entschieden üblere Burschen waren als Herr Neven.“

Diese halbwegs positiven Beurteilungen sorgten zusammen mit einer Vielzahl von überschwänglichen Bewertungen durch Nevens Weggefährten und Mitarbeitern dafür, dass er im Berufungsverfahren der Entnazifizierung 1949 statt in die Kategorie III (Minderbelastete) nun in Kategorie IV (Mitläufer) eingestuft wurde – allerdings mit der Einschränkung im Bezug auf seine beruflichen Möglichkeiten.

Typischer Nutznießer

Der Berufungsausschuss begründete diese Entscheidung damit, dass Neven einerseits ein typischer Nutznießer der NS-Herrschaft war, da er ohne geeignete Vorbildung die Ämter eines Kreisleiters oder Landrates infolge seiner alten Kämpferschaft erworben hatte, womit sicherlich eine aktive Tätigkeit verbunden war. Andererseits habe er sich, wie die vielen Zeugnisse zeigten, in den Ämtern sachlich verhalten und nicht nur nach Parteizugehörigkeit und Weltanschauung entschieden habe.

Der Berufungsausschuss habe im Fall Neven, so führt er aus, vor einer schwierigen Frage gestanden und wenn er sich schließlich entschlossen habe, den Antragsteller in die Kategorie IV einzustufen, so habe er dies getan, um den Antragsteller wieder einer ehrlichen Arbeit zuzuführen.

Friedrich Neven war 1902 in Duisburg-Beeck geboren worden. Nach dem Besuch der Volks- und Mittelschule machte er eine Lehre bei der Thyssen-Hütte in Hamborn und arbeitete dort bis 1932 als Schlosser. 1925 trat er in die NSDAP ein, er hatte die Mitgliedsnummer 27720 und gehörte damit zu den sogenannten Alten Kämpfern, die das Goldene Parteiabzeichen tragen durften.

Seit 1930 war er Stadtverordneter und Fraktionsführer der NSDAP im Duisburger Stadtrat. Von 1932 bis 1933 saß er im Preußischen Landtag, von November 1933 bis 1937 im Reichstag.

1933 wurde Neven vom Gauleiter der NSDAP in Essen Josef Terboven zum Kreisleiter des Kreises Kleve ernannt. Nach der Absetzung des Klever Landrats Hermann Eich wurde Neven 1937 dessen Nachfolger.

Von 1945 bis Januar 1948 war Neven in Kriegsgefangenschaft und im Internierungslager. Im August 1948 wurde in Duisburg das Entnazifizierungsverfahren durchgeführt, im März 1949 das schon erwähnte Berufsverfahren.

Der Blick in die Entnazifizierungsakten ist eher enttäuschend. Obwohl mehr als dreißig Zeugen zu Wort kommen, erfährt man nicht viel darüber, was in den Jahren zwischen 1933 und 1945 geschah und inwieweit Neven in die nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt war.

Wunsch nach Neuanfang

Die Gründe hierfür sind sicher vielfältig. Zum Teil hatten die Zeitgenossen, die Neven bereitwillig Leumundzeugnisse ausstellten, keinen Einblick in die Verwaltungsvorgänge. Hinzu kam der Wunsch nach Rückkehr in die Normalität und das Bedürfnis, einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit zu ziehen. Man wollte die Nationalsozialisten wieder in die Gesellschaft eingliedern in der Meinung, dass ohne diese Kräfte der Wiederaufbau Deutschlands nicht möglich wäre. Zeugnisse erfolgten aus Gefälligkeit und als Ausdruck einer Solidarität der Nachkriegsdeutschen gegen die Besatzer.

Merkwürdigerweise erwähnte kein Zeuge, dass Neven das Haus des Lederfabrikanten Hermann Haas in der Lindenallee 16 „arisierte“. Er zog 1938 mit seiner Familie dort ein. Das Gebäudes ging in den Besitz des Kreises über. Positiv hob eine Zeugin, die jahrelang in Nevens Vorzimmer tätig gewesen war, dagegen hervor, dass „die Jüdin, Ehefrau des Fabrikanten Haas aus Kleve [...] von Herrn Neven tatkräftige Hilfe und Unterstützung“ erhalten habe. Allerdings war Emmy Haas keine Jüdin, ihr jüdischer Ehemann hatte sich aus Verzweiflung 1942 das Leben genommen.

Inwieweit der Landrat und das Landratsamt in die Verbrechen der Nationalsozialisten eingebunden waren, müssen weitere Forschungen klären.

Die Familie Neven lebte seit den 1960er Jahren wieder am Niederrhein. Neven war als Kaufmann tätig. Er starb 1971.

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