NRZ-Serie: Klever Köpfe

Der Schattenmann – Fritz Pannier

Schuhfabrikanten Fritz Pannier im Jahr 1929

Schuhfabrikanten Fritz Pannier im Jahr 1929

Foto: NRZ

Kleve.   Fritz Pannier kam aus Berlin nach Kleve und erfand am Niederrhein den Kinderschuh – doch im Rampenlicht stand vor allem Gustav Hoffmann

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Es gibt in Kleve ein Gustav-Hoffmann-Stadion, und natürlich die Hoffmannallee, eine der wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt. Und dann gibt es die Fritz-Pannier-Straße. Machen Sie einmal den Versuch und sagen einem Taxifahrer: „Zur Fritz-Pannier-Straße, bitte!“ Verständnislose Blicke sind garantiert. Es handelt sich um eine 135 Meter lange Anliegerstraße auf dem einstigen Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik Roterberg.

Und das passt auch, denn in der öffentlichen Wahrnehmung kommt zunächst einmal ganz viel Gustav Hoffmann, dann lange nichts, und dann – vielleicht – Fritz Pannier. Aus dem Stadtbild ist Pannier weitestgehend verschwunden, an die Fabrik an der Ackerstraße erinnert nur noch der auf dem Schlot thronende goldene Storch, das Symbol seiner nach dem Tier benannten Kinderschuhmarke. Auch im Klever Telefonbuch findet sich keine Person mit dem Namen Pannier mehr.

1892 war Fritz Pannier nach Kleve gekommen. In seiner Heimatstadt Berlin hat er als Kaufmann in verschiedenen Branchen mit Erfolg gewirkt, doch sein visionäres Interesse galt einer ganz profanen Sache: Kinderschuhen. Mit diesem Produkt, das es als eigenes Genre bis dahin gar nicht gab, wollte er die Welt verändern.

In einem Buch, das zum fünfzigjährigen Bestehen seiner Schuhfabrik herausgegeben wurde, wird die Geschichte so erzählt: „Es war im Sommer 1891, Fritz Pannier und einer seiner Freunde fuhren mit Hochrädern an den Wannsee. So etwas nennt man zu jenen Zeiten ‚eine Tour unternehmen‘. Am Strand, im Schatten einer märkischen Kiefer, offenbarte sich Pannier seinem Freunde: ‚Ich werde meine Stellung in Berlin aufgeben. In Kleve am Niederrhein bietet sich für mich die Gelegenheit, die Kinderschuhherstellung kennen zu lernen. Janzen und Langer heißt das Unternehmen, das bis zu 120 Leute beschäftigt. Sogar mit Maschinen wird da gearbeitet. Du kennst ja mein Steckenpferd: Kinderschuhe.‘“

Drei Jahre lang vertiefte er sich in dem am Großen Markt ansässigen Unternehmen in die Herstellung von Schuhen. 1895 machte sich selbstständig und produzierte im ersten Jahr 2000 Paar Kinderschuhe. 1896 tat er sich mit seinem Schwager Gustav Hoffmann zusammen, und in diesem Unternehmen setzten die beiden Gründer alles daran, dieses neue Marktsegment zu erschließen. „Erst noch bessere Qualität unter Verwendung noch fußgerechterer Formen und dann erst Vergrößerung des Betriebs“, so das Motto von Fritz Pannier.

Das Gemeinschaftsunternehmen war eine Erfolgsgeschichte – bis 1908, als sich die beiden Firmeninhaber, ohne dass es ein Zerwürfnis gegeben hätte, trennten. Das Firmenvermögen wurde per Losentscheid aufgeteilt, und, da man sich gegenseitig nicht ins Gehege kommen wollte, produzierte Hoffmann laut Zeitungsannonce fortan nur noch bis Schuhgröße 26, Fritz Pannier ab Schuhgröße 27.

In den folgenden Jahren expandierte Hoffmann auf eine beispielloser Weise und zelebrierte seinen Erfolg auf vielfältige Art – vom Telefonanschluss mit der Nummer 1 über eine Luxuskarosse des Typs Minerva und rauschende Feste bis hin zu einer stattlichen Villa im Moritzpark. Pannier, obwohl auf seine Art ebenfalls sehr erfolgreich in dem Gewerbe unterwegs, wurde gewissermaßen überstrahlt vom schillernden Leben seines ehemaligen Kompagnons.

„Pannier [brachte] ein spezialisiertes, an den fortschreitenden orthopädischen Kenntnissen orientiertes Angebot, das durch die Preisgestaltung wohl einen eher begrenzten Abnehmerkreis fand“, heißt es in den von Hansjoachim Henning herausgegebenen „Beiträgen zur Geschichte der Stadt Kleve im 20. Jahrhundert“. Unmittelbar nach der neuerlichen Selbstständigkeit führte Pannier die Marke Storch „als Gütezeichen für Schuhe ganz besonderer Klasse“ ein. Er beschäftigte nach kurzer Zeit 150 Mitarbeiter.

Natürlich war der Erste Weltkrieg ein Einschnitt, doch in den Jahren danach führte er sein Unternehmen auf einen soliden Kurs, seit 1922 unterstützt durch Sohn Werner. 1943, im Alter von 76 Jahren, starb Pannier, doch sein Geist lebte in der Fabrik an der Ackerstraße weiter. „Auch heute noch spricht man in Kleve seine Hochachtung aus vor der schlichten Größe, dem unermüdlichen Arbeitseifer und dem Gesinnungsadel Fritz Panniers“, so steht es in dem 1958 erschienenen Jubiläumsbuch.

Sohn Werner führte das Unternehmen weiter, zum 50-Jahre-Jubiläum gab es im Klever Schützenhaus einen Festabend. Die Kapelle Jack Heynen spielte auf, von 24 bis fünf Uhr bestand eine „Rückfahrmöglichkeit durch eingerichteten Pendelverkehr“. Doch die glorreichen Zeiten sollten sich bald dem Ende nähern. Ende Februar 1971, 13 Jahre nach dem Jubiläum schloss die Fabrik Werner Pannier starb 1972 im Alter von 72 Jahren.

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