Gefahr von oben

Alexander Nennstiel: Der in die Bäume horcht

Alexander Nennstiel (50), Gärtnermeister und zertifizierter Baumkontrolleur, klopft mit seinem Gummihammer den Baum ab und horcht in ihn hinein.

Alexander Nennstiel (50), Gärtnermeister und zertifizierter Baumkontrolleur, klopft mit seinem Gummihammer den Baum ab und horcht in ihn hinein.

Foto: Foto: Josef Schmidt

Drolshagen.  Nach schlimmen Baum-Unfällen in Gummersbach, Köln, Soest und Dortmund: Einem zertifizierten Baumkontrolleur über die Schulter geschaut.

Eine Schreckensmeldung löste in den vergangenen Wochen die nächste ab. Mitte September verlor sogar ein Mensch sein Leben. Die Ursache: Immer wieder umgestürzte Bäume oder herabfallende Riesen-Äste. Bei Gummersbach-Bredenbruch riss ein morscher Baum einen 65-jährigen von seinem Motorrad direkt in den Tod. In Dortmund, Soest und Köln begruben Ende September/Anfang Oktober Bäume oder Äste mitten in den Städten Autos unter sich. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

Zertifizierter Baumkontrolleur

Alexander Nennstiel (50) kann sich in solche Situationen hineindenken: Er ist Gärtnermeister bei der Stadt Drolshagen, und nicht nur das. Nach einer Fortbildung darf er sich zertifizierter Baumkontrolleur nennen. Und als solcher hat er alle Hände voll zu tun. Denn in der baumreichen Rosestadt sorgt er dafür, dass solche Katastrophen wenn irgendmöglich ausbleiben.

„Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht“, sagt er, „ich kann heute einen Baum kontrollieren und für gut befinden, und im Februar fällt er um.“ Ein Baum könne durchaus ein trügerisches Bild abgeben: „Von außen steht er kerngesund da, voll belaubt und mit grasgrünem Blattwerk. Und innendrin ist er dennoch hohl.“

Sparsames Werkzeug

Wer glaubt, Baumkontrolleur Nennstiel bediene sich aufwendiger Apparaturen, sieht sich getäuscht: „Mein Werkzeug sind meine Augen und Ohren, Erfahrung und ein Gummihammer.“

Die Arbeit der Baumkontrolleure
Baumfällungen in Olpe

Im Normalfall horcht der Kontrolleur in verdächtige Bäume einfach mal hinein: „Mit meinem Gummihammer mache ich eine Klopfprobe. Bei einem gesunden Baum ist ein dumpfer, ganz typischer Ton zu hören, während ein kranker Baum einen helleren, hohl klingenden Ton abgibt.“ Ein Laie nehme das vielleicht nicht wahr, „da spielt natürlich Erfahrung eine große Rolle.“ Nur in Ausnahmefällen leihe er sich einen sogenannten Resistograph, um Bäume anzubohren und das Innerste quasi abzutasten. Aber: „Das machen wir nur, wenn wir einen Verdacht haben, dass ein Baum morsch sei.“ Denn durch solche Bohrungen würden die Bäume auch angegriffen: „Da entsteht immer eine Wunde, die Chancen bietet für einen Pilzbefall.“

Sicherheit geht vor

Uwe Steinberg, Leiter des Drolshagener Bauhofes, weiß aber auch: „Oftmals glauben die Leute nicht, dass ein äußerlich noch stattlicher Baum aus Sicherheitsgründen gefällt werden muss. Es ist schon vorgekommen, dass das morsche Innenleben diese Leute nach der Fällung dann überrascht hat.“

Anders als vor Gericht heißt der Grundsatz des Baumkontrolleurs: Im Zweifel gegen den Angeklagten.

„Die Sicherheit muss immer vorgehen“, lässt Nennstiel keinen Zweifel daran, dass er seinen Job sehr ernst nimmt. Nicht zuletzt wegen der tödlichen Wucht, die von Bäumen ausgehen kann. Auch, wenn sie „nur“ Äste abwerfen. Nennstiel: „Das frühzeitige Entfernen von Totholz aus den oberen Etagen unserer Bäume ist eine wesentliche Aufgabe von uns.“

Autos unter sich begraben

Wie gefährlich Äste sein können, hatte erst vor wenigen Tagen eine rund 30 Meter hohe Kastanie in Dortmund gezeigt. Ein starker Ast hatte vier Autos unter sich begraben, in denen zum Glück niemand saß.

Über Arbeit braucht sich der Gärtnermeister in Drolshagen nicht zu beklagen. „Im gesamten Stadtgebiet sind das bei uns weit über 2.000 Stück, die wir im Auge behalten müssen“, weiß Bauhof-Chef Steinberg, der aber in einem Atemzug darauf hinweist, dass da auch kleinere Exemplare zugehörten, die noch unproblematisch seien. Aber: Alle Bäume jenseits von etwa 10 cm Durchmesser müssten zweimal pro Jahr begutachtet werden, einmal mit, einmal ohne Laub.

Problem-Arten

Ob es Baumarten gebe, befragen wir Nennstiel, die prädestiniert seien, eher zu Problemfällen heranzuwachsen als andere. „Arten, die tückisch sein können, sind beispielsweise Weiden, Pappeln, aber auch Platanen. Solche Baumarten eben, die schnell wachsen. Und im schlimmsten Fall auch schnell brechen.“

Ortstermin Stadtpark Drolshagen: Hier stehen an den Wegesrändern unzählige Linden, wir sehen eine mächtige, mit Wein berankte Pappel, aber auch Ahornbäume, Kastanien und Eichen.

Nennstiel erklärt, worauf er unter anderem besonders achtet: „Problematisch sind die V-Verzweigungen, wenn sich ein Baum im Wachstum teilt, also zwei fast gleich starke Spitzen bildet. Im Schnittpunkt könne ein solcher Baum reißen und Feuchtigkeit einlassen, die sich bei Frost spaltend auswirke.

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