Interview zur SPD

Alfons Stumpf: „Es fehlt eine glaubhafte Persönlichkeit“

Der Ehrenbürgermeister der Stadt Attendorn, Alfons Stumpf, im Interview über die schwierige Situation seiner Partei, der SPD, der er seit 50 Jahren angehört.

Der Ehrenbürgermeister der Stadt Attendorn, Alfons Stumpf, im Interview über die schwierige Situation seiner Partei, der SPD, der er seit 50 Jahren angehört.

Foto: Josef Schmidt / WP

Attendorn.  Was sagt eine SPD-Ikone zum Zustand der Partei? Welche Lösungsansätze hat er? Alfons Stumpf im Interview.

Von der Statur her könnte er jederzeit ungeschminkt in einem Wikingerstreifen die Hauptrolle spielen, seine markante Stimme haben die meisten Attendorner noch gut im Gedächtnis: Alfons Stumpf, gerade 70 geworden, war wohl einer der kultigsten Stadtbürgermeister des Landes – zehn Jahre hauptamtlicher Bürgermeister der Hansestadt Attendorn.

Dabei schaffte er als überzeugter Sozialdemokrat und uriger Attendorner den Spagat zwischen Marx und Marschmusik, war in weiten Teilen der Stadt über Parteigrenzen hinaus geschätzt. Weniger schön ist für ihn der aktuelle Zustand seiner Partei, der er seit über 50 Jahren angehört. Kurz vor dem Ende der Abstimmungsfrist für das neue Bundesvorsitzenden-Duo hatten wir Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.

Frage: An diesem Wochenende endet das Abstimmungsverfahren für die neuen SPD-Vorsitzenden. Haben Sie gewählt?

Alfons Stumpf Ich habe gewählt und mich für Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken entschieden.

Warum?

Weil ich der Meinung bin, dass sie inhaltlich für Dinge stehen, die wir in den letzten Jahren etwas vernachlässigt haben. Vor allem bei den sozialen Fragen. Ich möchte, dass die SPD sich inhaltlich wieder etwas nach links bewegt.

Und raus aus der Großen Koalition?

Dazu habe ich eine gespaltene Meinung. Bei der letzten Abstimmung habe ich dafür gestimmt, nicht in die Große Koalition zu gehen. Jetzt sind wir drin. Und ich bin mir jetzt unschlüssig, was für die SPD besser ist. Sie muss sich neu aufstellen und zu Kräften kommen. Ob es jetzt sinnvoll ist, auszusteigen, sozusagen nur um des Ausstiegs willens, egal, was erreicht wurde – um uns zu regenerieren, um bei Neuwahlen besser dazustehen, wobei man nicht mal weiß, ob es wirklich Neuwahlen gibt, das ist für mich eine ganz schwierig zu beantwortende Frage.

Was sind die Hauptgründe für den Niedergang der SPD?

Viele sagen ja, das begann mit der ,Erpressung’ von Gerhard Schröder, der gesagt hat, wenn ihr die Agenda 2010 nicht mitmacht, höre ich auf. Dazu muss ich sagen: Ich habe die Agenda 2010 damals im Wesentlichen für richtig gehalten. Und ich glaube, dass gewisse Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt belegen, dass sie zu dem Zeitpunkt auch sinnvoll war. Man hätte allerdings, nachdem erkennbar wurde, dass einige Bereiche von Hartz IV den Menschen eher geschadet als genutzt haben, unverzüglich an bestimmten Stellschrauben drehen und Änderungen vornehmen müssen. Da ist zu lange zugewartet worden.

Aber das war und ist es doch nicht allein?

Die Gründung der neuen Linken mit der Abspaltung von Oskar Lafontaine, bei denen sich alle versammelt haben, die gegen Hartz IV und die Agenda 2010 waren, hat ins Fleisch der SPD geschnitten. Da fehlten dann wichtige Teile der Arbeiterschaft, die bis dahin, auch mangels Alternative, immer SPD gewählt hatten. Und lange davor gab es mit der Gründung der Grünen einen ersten Aderlass. Eine der Ursachen war der Nato-Doppelbeschluss, für den Helmut Schmidt eintrat. Das hat die Partei ja auch beinahe zerrissen. Viele, die damit nicht einverstanden waren, gingen dann zu den Grünen.

Wie lange sind Sie SPD-Mitglied?

50 Jahre. Am 1. November 1969 bin ich Mitglied geworden. So steht es im Parteibuch.

Was war der Hauptgrund für Ihren Eintritt?

Das war Willy Brandt. Eine Persönlichkeit, die damals alles überstrahlte. Ich war auch schon mit 14, 15 Jahren ein politisch interessierter Mensch, aber Willy Brandt hat den Ausschlag für den Eintritt gegeben. Der hat uns junge Menschen begeistert, uns Perspektiven aufgezeigt und Hoffnung gegeben auf eine Verbesserung der Welt. Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen – das waren die Ziele des Godesberger Programms von 1959. Diese Ziele gelten immer!

Wo kann man ansetzen, um die SPD wieder über die 20 oder vielleicht sogar 30 Prozent-Marke zu kriegen. Bei Willy Brandt waren es über 40 Prozent...

Wenn ich mir die Parteienlandschaft insgesamt anschaue, ist das heute eine ganz andere. Auch die CDU schafft die 30-Prozentmarke nicht und hängt da bei Mitte 20 rum. Dass wir unter die 20 Prozent gefallen sind, ist erschreckend. In einigen ostdeutschen Bundesländern kommen wir ja nicht einmal mehr auf zehn Prozent. Und das ist für mich nicht erklärbar, ich kenne mich in diesen Regionen allerdings auch zu wenig aus. Ich finde es aber deprimierend, dass eine Partei wie die SPD, die seit mehr als 100 Jahren die Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit vertritt, und damit auch vieles für die Menschen erreicht hat, sang- und klanglos den Bach runtergeht. In anderen Ländern Europas sieht man allerdings auch, dass Parteien, die Jahrzehnte lang eine Rolle gespielt haben, plötzlich ersatzlos verschwinden.

Haben Sie eine Idee, wie die Sozialdemokratie aus dem Tal der Tränen herauszuführen wäre?

Wenn ich das sicher wüsste, könnte ich damit Geld verdienen. Ich weiß es aber nicht. Allerdings habe ich einen zweigeteilten Blick auf die SPD. Da ist zum einen die SPD in Deutschland, aber ich sehe auch die SPD in Attendorn. Und deren Zustand ist ein ganz anderer.

Was war und ist das Erfolgsrezept der Attendorner SPD?

Ich muss da zu allererst den Namen Jürgen Meise nennen, mit dem wir uns so um 1975 fest vorgenommen hatten, die erdrückende CDU-Mehrheit zu brechen. Man muss das wollen, und wir wollten das. Unser Ziel war es: In zehn, 15 Jahren wollten wir das geschafft haben.

Aber welche Rezepte haben gegriffen?

Wir wussten, dass es nicht nur funktioniert, wenn wir uns auf sachliche Kommunalpolitik verlassen, sondern man braucht Persönlichkeiten, die vor Ort, also auch gerade in den Dörfern, wo wir damals doch eher schwach waren, agieren und dort geschätzt werden. Ohne die geht es nicht.

Gesichter also?

Ja, das ist in der Kommunalpolitik so, und in der Bundespolitik auch.

Das war sicherlich keine leichte Aufgabe?

Nein, es war ja eine schwierige Sache. Es war ja fast schon ein persönliches Wagnis, für die SPD anzutreten, beispielsweise in Windhausen, in Helden, Lichtringhausen, Listerscheid. Da die Mutigen zu finden, war nicht einfach. Als zum ersten Mal in Lichtringhausen der Werner Huckestein als SPD-Mann direkt gewählt wurde, ein SPD-Mann und ein Arbeiter, der im Pfarrgemeinderat war, war das ein Signal, und wir bekamen das Gefühl: Es geht doch.

Fehlt der Bundes-SPD vielleicht ein solches positives Signal?

Es fehlt zurzeit auf der Bundesebene einfach eine Persönlichkeit, die glaubhaft ist und der die Menschen im Lande abnehmen, dass sie sich tatsächlich um das kümmert, was die Menschen bewegt. Das ist nicht nur ein Problem der SPD.

Ist das nicht ein Problem auf der gesamten Politikbühne?

So ist es. Früher wussten die Menschen in Deutschland doch sehr genau, wer für was stand. Da ist heute doch manchmal keine klare Grenze zu erkennen. Dazu trägt eine GroKo, die auf Kompromiss ausgerichtet ist, sicher bei. Es entsteht der Eindruck eines Einheitsbreis. Es gibt im Bundestag zwar noch Diskussionen, verglichen mit Rededuellen zwischen Herbert Wehner und Franz-Josef Strauss sind sie aber oft substanzlos und langweilig. Es ging um ganz große Fragen wie die Westbindung und die Wiederbewaffnung. Wenn es aber heute wieder eine gemeinsame linke Bewegung geben würde, bitte aber nicht so etwas wie ,Aufstehen’ von Frau Wagenknecht, dann würde das ein bedeutendes Wählerpotenzial binden. Rot-Rot-Grün hätte das Potenzial dazu. Eine neue Partei brauchen wir nicht.

Kann Kevin Kühnert Kanzler?

Den kenne ich zu wenig.

Trauen Sie es Olaf Scholz zu?

Von der Persönlichkeit her ja. Ich habe ihn jetzt nicht gewählt wegen inhaltlicher Differenzen.

Jemand anderer in Sicht?

Charismatische Persönlichkeiten sehe ich nicht. Man kann ja von Gerhard Schröder halten, was man will, aber der hatte eine solche Persönlichkeit.

Wenn Sie Bundeskanzler wären, was würden Sie anpacken?

Ach, wie schön. Dann würde ich deutlich mehr tun für die, die heute unverschuldet arm sind. Zum Beispiel: Eine Verkäuferin, alleinerziehend mit zwei oder drei Kindern, für die wird zu wenig gemacht. Dieser Personenkreis zahlt wenig oder gar keine Steuern. Denen hilft es auch nichts, wenn der Soli abgeschafft wird und auch nichts, wenn die Steuern gesenkt würden. Denen müssten die Sozialversicherungsbeiträge erlassen werden. Es müsste ein umfassendes Angebot für die Kinder geben. Dazu wird die SPD ja in Kürze gute Vorschläge machen. Die Grundrente ist ja Gott dei Dank gekommen.

Und weiter?

Der Mindestlohn muss doch so hoch sein, jenseits der 12 Euro, dass die Leute zum einen heute davon leben können, aber auch später mit ihrer Rente. Die Wirtschaft geht davon nicht kaputt. Als der Mindestlohn eingeführt wurde, haben die Wirtschaftsverbände gesagt, es gebe einen Haufen Arbeitslose. Das Gegenteil ist eingetroffen.

Wenn die gute Fee käme und würde Ihnen einen politischen Wunsch erfüllen, welchen würden Sie äußern?

Es wäre schön, wenn die Ideale, die die SPD seit ihrer Gründung formuliert hat und deretwegen auch ich eingetreten bin, verwirklicht würden: Gerechtigkeit, Freiheit und Wohlstand für alle Menschen.

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