Straftat

Als 62-Jähriger in der JVA Attendorn: Alexander B. erzählt

Alexander B. (62) (Name geändert) sitzt wegen Betrugs in der JVA in Attendorn in der Abteilung für "Lebenserfahrenere Menschen."

Alexander B. (62) (Name geändert) sitzt wegen Betrugs in der JVA in Attendorn in der Abteilung für "Lebenserfahrenere Menschen."

Foto: Riem Karsoua

Attendorn.   Alexander B. sitzt 45 Monaten in der JVA in Attendorn. Für ihn ist der offene Vollzug ein Schritt in Richtung Freiheit. Das ist seine Geschichte.

Scrabble spielen, Zeit mit den Enkelkindern verbringen und mittags bei schönem Wetter im Park spazieren gehen. Das Leben eines Seniors bedeutet meistens viel Zeit. Zeit, die frei einteilbar ist und die Freiheit, das zu machen, wonach einem gerade ist. Doch diese Freiheit steht nicht jedem zu. Alexander B. (Name geändert) ist 62 Jahre alt. Seit 45 Monaten sitzt er wegen Betrugs in der JVA Attendorn – in einer Abteilung, die sich auf straffällige Senioren spezialisiert hat. Für sogenannte „Lebenserfahrenere Gefangene“, wie Abteilungsleiterin Irina Adrian und die Beamtin Heike Wehr sie nennen. Es gibt viele Gründe, wieso Menschen im hohen Alter straffällig werden. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Kaum jemand von ihnen will im Rentenalter im Gefängnis sitzen.

Schritt in den Alltag erleichtern

Die Seniorenabteilung der JVA Attendorn umfasst 30 Plätze. Ab 55 Jahren zählt man hier zu den lebenserfahreneren Gefangenen. „Momentan haben wir 18 Insassen, davon sind drei Rentner“, sagt Irina Adrian. Einen Unterschied in der Betreuung zu den jüngeren Gefangenen gibt es allerdings nicht. „Die Sicherheitsmaßnahmen hier sind die gleichen wie in den anderen Häusern. Wir haben im offenen Vollzug keine hohe Mauer, sondern nur einen Zaun. Wir leisten auch keine Pflege. Die Gefangenen müssen sich um alles selbst kümmern.“

Dabei ist letztere Formulierung nicht übertrieben. In dieser Abteilung wird versucht, den Senioren, nach ihrem Gefängnisaufenthalt, den Schritt in den Alltag zu erleichtern. Das bedeutet vor allem Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Wenn sich morgens um sechs Uhr die Zellentür öffnet, muss sich B. sowie auch alle anderen Gefangenen im Büro zur Zählung melden. „Um 7 Uhr beginne ich mit meiner Arbeit. Ich bin für die Gefängniszeitung „Hornisse“ zuständig, die vier Mal im Jahr erscheint“, erzählt der 62-Jährige.

Gemeinsam mit zwei weiteren Insassen schreibt er über die Strukturen im Gefängnis, an wen sich die Insassen bei Problemen wenden können und welche Sport- und Seelsorge-Programme es gibt. „Wir schreiben aber auch über rechtliche Themen. Wenn es aufsehnerregende Urteile gibt, verfasse ich meistens einen Kommentar dazu. Und auch die Rente ist immer ein großes Thema für uns Strafgefangenen.“

Um 15.30 Uhr endet sein Arbeitstag. Danach hat er den Nachmittag frei und Zeit, alltägliche Aufgaben zu erledigen. Zwei mal in der Woche darf er für fünf Stunden die Anstalt verlassen. Dann hat er die Möglichkeit im Stadtgebiet Attendorn einzukaufen, Sport zu machen oder in der Bigge zu schwimmen. „Das ist aber alles mit der Leitung abzusprechen. Um 19 Uhr müssen wir uns alle wieder zur Zählung melden.“

Verstoßen die Gefangenen gegen diese Regeln, ist die direkte Folge der geschlossene Vollzug. „Bei uns kann man nicht wirklich von einem Ausbruch sprechen. Es ist eher so, dass die Gefangenen nach einem Ausgang nicht zurückkommen“, erklärt Irina Adrian. Auch, wenn das Fernbleiben der Gefangenen einen nachvollziehbaren Grund, wie ein krankes Kind hatte, sind die Konsequenzen, die darauf folgen, hart.

Der geschlossene Vollzug

B. weiß, dass die vielen Lockerungen und Freiheiten im offenen Vollzug keine Selbstverständlichkeit sind. Eine lange Zeit verbrachte der 62-Jährige im geschlossenen Vollzug. Eine unüberwindbare, meterhohe Mauer schirmt diesen vom restlichen Teil der JVA ab. „23 Stunden am Tag habe ich hinter verschlossenen Türen in meiner Zelle verbracht. Mehr als eine Stunde Hofgang war nicht drin. Das Leben im Gefängnis kann man nicht mit verständlichen Worten beschreiben, das muss man erleben“, erzählt er.

Zwei Stunden Besuch im Monat sind den Gefangenen im geschlossenen Vollzug erlaubt. Er weiß, dass dadurch Ehen und ganze Familien zerbrochen sind. „Die Isolation nach der Verhaftung macht einen fertig. Man sieht seine Kinder nicht, denkt viel über sich nach und fällt in ein tiefes Loch. Dann muss man schauen, dass man da wieder heraus kommt. Das einzige was mir geholfen hat, war meine Arbeit in der Bibliothek, denn das Gefängnis ist kein Ort für Freundschaften.“

Mit seinem erarbeiteten Lohn konnte er seinen persönlichen Lebensunterhalt finanzieren. Aber auch da gab es strikte Regeln. Seine Einkäufe wurden ihm direkt zu seiner Zelle geliefert, schnell verderbliche Lebensmittel wie Fleisch waren streng verboten. „Der offene Vollzug ist für mich der erste Schritt in Richtung Freiheit“, erzählt er. Hier hat er die Möglichkeit in der Abteilungseigenen Küche zu kochen, mit anderen Insassen im Gemeinschaftsraum Karten zu spielen oder die Parkanlage zu pflegen, damit die Insassen es schön haben. „Das Wichtigste ist, dass die Gefangenen eine Beschäftigung haben“, erklärt Heike Wehr. Die regelmäßige Beschäftigung weiß Alexander B. zu schätzen. „Jeder Gefangene sollte wenigstens einen Drittel seiner Strafe im geschlossenen Vollzug verbringen, um zu sehen, wie gut er es hier hat.“

Hoffnung auf Bewährung

Mehr als drei Jahre hat Alexander B. noch in der JVA Attendorn abzusitzen. „Bei meiner Bewährungsanhörung vor einigen Monaten sagte der Richter ganz klar: „Ich lasse niemanden aus dem geschlossenen Vollzug gehen. Jetzt sitze ich noch sechs Monate im offenen Vollzug ab und versuche dann erneut meine Reststrafe zu verkürzen“, erzählt er.

Wenn Alexander B. einen unauffälligen Führungsbericht hat und alle Auflagen erfüllt, besteht die Hoffnung, dass er das Gefängnis auf Bewährung verlassen darf. Verstoßt er gegen die Bewährungsauflagen droht ihm dann erneut der geschlossene Vollzug.

Wie genau seine Zukunft nach dem Gefängnis aussieht, weiß der 62-Jährige noch nicht. Da er während seiner Haft gearbeitet hat, hofft er darauf, dass er kein Hartz IV beziehen muss, sondern einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I bekommt. „Ich weiß, dass es nicht einfach sein wird eine geeignete Arbeit zu finden. Ein Freund von mir hat aber ein Bauunternehmen, bei dem ich anfangen könnte. Ich hoffe nur, dass ich es auch noch gesundheitlich schaffe.“

Eine weitere Lebensgeschichte aus der JVA Attendorn finden Sie auf der Homepage der WESTFALENPOST Olpe

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