Katastrophe

Armenien: Was ein Attendorner nach dem Erdbeben erlebte

Bilder aus dem Jahr 1989: der Attendorner Felix Nawrotzki reiste mit dem Deutschen Roten Kreuz nach Armenien, um dort Aufbauhilfe nach dem verheerenden Erdbeben vom 7. Dezember 1988 zu leisten.

Bilder aus dem Jahr 1989: der Attendorner Felix Nawrotzki reiste mit dem Deutschen Roten Kreuz nach Armenien, um dort Aufbauhilfe nach dem verheerenden Erdbeben vom 7. Dezember 1988 zu leisten.

Foto: Privat

Attendorn / Armenien.   Am 7. Dezember vor 30 Jahren erschüttert ein schweres Erbeben Armenien. Knapp ein Jahr später geht Felix Nawrotzki in die zerstörte Region.

Von jetzt auf gleich ist alles anders. Das Erdbeben in Armenien am 7. Dezember, genau vor 30 Jahren, dauert nur ein paar Sekunden. Doch sein Ausmaß ist verheerend. Hunderttausende Menschen verlieren ihr Hab und Gut und sind mit einem Schlag obdachlos. Mehr als 25.000 Armenier kommen im Norden des Landes, an der Grenze zu Georgien ums Leben. Mindestens genauso viele werden verletzt. Das Beben der Stärke 6,9 sorgt für eine humanitäre Katastrophe.

Der Aufbruch

Knapp ein Jahr später, am 14. Oktober 1989, fliegt der Attendorner Felix Nawrotzki mit einigen Kameraden der DRK-Ortsgruppe Frankenberg (Nordhessen) in das Krisengebiet im Kaukasus. Der heute 80-Jährige lebt bis Anfang dieses Jahres noch in Hatzfeld, südöstlich von Bad Berleburg, und gehört dem Deutschen Roten Kreuz im benachbarten Frankenberg seit mehr als 40 Jahren an. In die Hansestadt ist er seiner Tochter gefolgt.

Damals, erzählt der ehemalige Mitarbeiter einer Papierfabrik, sei sein DRK-Kreisverband auf ihn zugekommen, mit der Bitte beim Aufbau von simplen Holzhäusern in der zerstörten Region mitzuhelfen. „Da habe ich mich nicht zwei Mal bitten lassen und gesagt, dass ich selbstverständlich helfen möchte“, erinnert sich Nawrotzki.

Dann geht alles schnell: Sein Arbeitgeber gewährt dem ehemaligen Bereitschaftsführer und Erste-Hilfe-Ausbilder beim DRK vier Wochen Urlaub. Mit dem Auto geht es zunächst zum Flughafen Köln-Bonn, dort bekommen die Helfer eine kurze Unterweisung und setzen sich schließlich ins Flugzeug. Nawrotzki ist einer von 99 Helfern, die an jenem 14. Oktober 1989 ihrer Heimat für einen Monat den Rücken kehrten.

Die Aufgabe

„Es war ein schreckliches Bild. Man kann sich das Ausmaß der Zerstörung gar nicht vorstellen, wenn man es nicht selber gesehen hat“, erinnert sich Nawrotzki an den Moment der Ankunft.

Bei den Gedanken an damals würde er noch heute die eine oder andere Träne verdrücken. Und er sagt: „Da wird einem bewusst, wie gut es uns doch geht.“

Doch für solche Gedanken ist damals keine Zeit: Bis zu zehn Stunden täglich zimmern die eifrigen Helfer die Holz-Unterkünfte zusammen. Nawrotzki profitiert davon, dass er wenige Monate vor diesem Einsatz entsprechende Schulungen durchläuft und somit weiß, wie die Häuser in Steckbauweise zusammengebaut werden. Nur abends sei ein wenig Zeit gewesen, um mit den Einheimischen zusammen zu sitzen oder mit den Geliebten zuhause zu telefonieren.

Untergebracht ist der Attendorner bei einer Familie, die ebenfalls in einer solchen Holzhütte lebt. Der Mann sei verschüttet und von seiner Frau mit bloßen Händen aus den Trümmern befreit worden, berichtet Nawrotzki. Im Gedächtnis ist dem gebürtigen Hessen aber nicht nur Katastrophe geblieben, sondern genauso die Gastfreundlichkeit. „Trotz allem hatte ich das Gefühl, dass die Leute glücklich waren“, betont der Neu-Attendorner und ergänzt: „Mich hat es beeindruckt, wie viel die Menschen dort trotz ihrer Lage geschaffen haben.“ Beeindruckt sei er von den Kindern gewesen, die „geschniegelt und gebügelt“ jeden Morgen zur Schule gegangen seien. „Dieser Einsatz hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Leuten in Not unter erschwerten Bedingungen zu helfen. Wenn ich noch jünger wäre, würde ich sofort wieder helfen.“

Die Rückkehr

Am 11. November 1989 nimmt Nawrotzki Abschied. „Glücklich, wieder nach Hause zu kommen, aber traurig, einige Freunde zurücklassen zu müssen“, erzählt der Attendorner, der noch viele Jahre nach der Katastrophe mit einem Armenier im Briefkontakt steht. Mittlerweile sei dieser Austausch zwar eingeschlafen, doch die Erinnerungen bleiben bis heute.

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