Interview

Arndt G. Kirchhoff: „Japan und Korea die größte Konkurrenz“

Arndt G. Kirchhoff, Unternehmer aus Attendorn, im Interview.

Arndt G. Kirchhoff, Unternehmer aus Attendorn, im Interview.

Foto: Foto: Josef Schmidt

Attendorn/Kreis Olpe.  Interview mit dem Chef der Kirchhoff Holding, Arndt G. Kirchhoff. Wo steht die Automobilindustrie, wie sieht die Zukunft aus?

Er ist Unternehmer vom Scheitel bis zur Sohle, Berufsoptimist, Golfer und Segler, und liebt die Kunst. Er steht aber auch an der Spitze zahlreicher Unternehmensverbände: Arndt G. Kirchhoff (64) kennt wie kaum ein anderer in der Region die globalen wirtschaftlichen Zusammenhänge und wie sie sich auf die Situation im Kreis Olpe auswirken können. Uns stand er Rede und Antwort.

Welches sind die derzeit größten Probleme deutscher Unternehmer?

Arndt G. Kirchhoff: Am meisten belasten die internationalen Handelskonflikte, davon sind auch wir betroffen. Das, was Präsident Trump angefangen hat, hat sich auf China ausgewirkt, in Europa drückt der Brexit, die Probleme mit der Türkei. Und internationale Krisenherde belasten nun mal die deutsche Wirtschaft am meisten, denn wir sind Export-Weltmeister und angewiesen auf offene Märkte. Ein weiteres Problem sind die Arbeitsmärkte. Der ganze Osten, Polen, Tschechien, Ungarn, Slowakei, Rumänien - alles leergefegt. Keine Beschäftigten, Fachleute sowieso nicht.

Wo sind die Menschen?

Alle in Beschäftigung. Allein in Deutschland fast 45 Millionen. Auch in Amerika ist der Arbeitsmarkt total leergefegt. Das ist nach zehn Jahren Konjunktur zunächst etwas Gutes, es zeigt aber auch, dass wir an Grenzen stoßen. Es liegt ja ein außerordentlich langer Aufschwung hinter uns. Einen ähnlich langen Zeitraum von zehn Jahren gab es in den vergangenen Jahrzehnten nur einmal, weil er 1989 durch die Wende verlängert wurde, bis 1992.

Sie haben kürzlich in einem Vortrag beim Verbund Innovativer Autozulieferer von einer erschöpften Industrie gesprochen. Schlittern wir zwangsläufig in eine Krise?

Wenn sie keine Kräfte am Arbeitsmarkt finden, werden sie als Unternehmer auch vorsichtiger mit Investitionen. Und wenn man oben ist, und wir sind in den Automärkten absatzmäßig oben, dann erschöpft sich eine Konjunktur irgendwann, und man kommt nicht weiter. Dann müssen wir eben mal wieder Luft holen. Wir ticken an die Decke, kommen aber nicht durch, weil wir gut ausgelastet sind.

Wie entwickelt sich der Autoabsatz weltweit?

Der ist nach wie vor stabil. Amerika ist oben, Europa ist oben. Wir werden von 2018 zu 2019 ein Minus von einem, vielleicht zwei Prozent sehen, aber das ist keine Katastrophe.

Und 2020?

Die Zeiten sind unsicher. Das hängt auch davon ab, wie das Thema Digitale Transformation umgesetzt und genutzt werden kann. Wir stehen ja vor einer Mobilitätswende, sind über 100 Jahre mit Verbrennungsmotoren gefahren und haben jetzt auch andere Antriebe, werden zukünftig teilautonom unterwegs sein.

Wie sieht das Auto einer Durchschnittsfamilie 2030 aus?

Das werden überwiegend noch Autos mit Verbrennungsmotor sein. Auch Autos mit Elektromotor, aber nur dann, wenn es in das Fahrschema der Leute reinpasst, denn das Elektroauto ist nichts für lange Strecken.

Und für die Langstrecke wird das Batterieauto auch in der Zukunft nicht tauglich werden?

Nein, wir werden eher Autos sehen, die mit synthetischen, CO2-freien Kraftstoffen fahren, die aus Wasserstoff produziert werden, mit grünem Strom. Damit werden auch Lkw und Flugzeuge betrieben werden können. Das gibt es bereits, aber es fehlen genügend Anlagen, die solche Kraftstoffe herstellen können. Diese Kraftstoffe werden das Benzin und den Diesel ablösen.

Wer ist auf diesem Weg in die Zukunft der größte Konkurrent für die deutsche Autoindustrie?

Sicherlich die Japaner und Koreaner, die beim Einsatz von Wasserstoff die Nase vorn haben. Toyota und Hyundai haben solche Autos bereits. Auch in Deutschland gibt es Versuchsanlagen, beispielsweise Audi macht so etwas. Der synthetische Kraftstoff hat übrigens noch einen weiteren gravierenden Vorteil. Man kann in ihm überschüssigen Strom, zum Beispiel aus Wind und Sonne, speichern. Das ist Zukunft. Und diese Zukunft klopft an die Tür. Ich erwarte das schon für 2030.

Die Angst vor China geht um. Berechtigt?

China ist sehr schnell. Die Chinesen können ihre Infrastruktur schneller aufbauen. Dort dauert es es fünf Jahre, einen riesigen Flughafen wie in Peking zu bauen, die Bauzeit für Berlin habe ich jetzt aus den Augen verloren. Das gilt auch beim Straßenbau, beim Ausbau der digitalen Netze und so weiter. Wir müssen die Bürger beteiligen, dürfen aber nicht fünf Schleifen fliegen, eine Schleife muss reichen, bis wir ans Ziel kommen. Da machen wir Fehler.

Und das soll mit dem nächsten grünen Bundeskanzler gelingen?

Auch die Grünen wissen, dass man sogenannte Beschleunigungsgesetze braucht. Solche Gesetze gibt es schon oder sie sind in Planung. Und das ist auch zwingend nötig. Wenn ein jeder sagt: Das geht aber nicht in meinem Vorgarten, kommen wir nicht weiter. Wir müssen Kompromisse finden und nicht in Endlosschleifen stecken bleiben.

Das Thema Klimaschutz beherrscht die politische Szene. Geht das in die richtige Richtung?

Grundsätzlich ja. Auch wir Unternehmer stehen dahinter, dass CO2 einen Preis hat. Ich bin froh, dass der zunächst nicht so hoch ist, denn die Bürger müssen sich daran gewöhnen und sie müssen eine Chance bekommen, ihr Konsumentenverhalten danach ausrichten zu können. Bei der Geschwindigkeit, die Gesellschaft zu decarbonisieren, empfehle ich, aufeinander Rücksicht zu nehmen, denn überall hängen Arbeitsplätze dran. Die Arbeitsplätze werden sich durch den ökologischen Umbau und die digitale Transformation verändern. Davor haben viele Menschen Angst.

Wie nehmen Sie den Menschen diese Angst?

Wir müssen den Beschäftigten sagen: Dein Arbeitsplatz bleibt erhalten, er wird sich aber verändern. Der ökologische Umbau darf nicht so schnell passieren, dass die Arbeitsplätze verloren gehen. Es hat immer wieder solche Phasen gegeben. Es ist noch gar nicht so lange her, da haben wir die Computer eingeführt. Auch damals haben viele gedacht: Die Welt geht unter. Die ist aber nicht untergegangen. Am Ende hatten wir mehr Arbeitsplätze als vorher. Das war bisher bei jeder industriellen und digitalen Veränderung so. Bei der Dampfmaschine, bei der Elektrifizierung und so weiter.

Aber sind nicht Arbeitsplätze in der Zulieferindustrie gefährdet, weil ein E-Mobil deutlich weniger Teile hat?

Natürlich sind in einem E-Auto deutlich weniger Teile als beim Verbrenner, so etwa 3000. Wir als Kirchhoff-Gruppe sind davon nicht berührt, da wir nichts für den Antrieb machen, weder für Getriebe noch für Motoren. Wir haben sogar mehr zu tun, weil wir Batteriewannen herstellen. Wenn ein Unternehmen Motorenteile liefert oder Auspuffanlagen, muss er sich Gedanken machen, wie viele werden das in Zukunft noch sein? Aber es wird auch viele neue Jobs geben, die wir zum Teil noch gar nicht kennen.

Sie haben in ihrem Vortrag bei VIA die große Zahl der Patente angesprochen, die aus Deutschland kommen. Sind wir immer noch das Land der Erfinder?

Ja, wir sind auch das Land der Unternehmer und Erfinder. Die Mobilität ist ein gutes Beispiel. Über 50 Prozent der Patente für das autonome Fahren weltweit kommen aus deutschen Unternehmen, für elektrisches Fahren über 30 Prozent. Wir sind ein Prozent der Weltbevölkerung und bauen 20 Prozent der Autos. Für die Forschung und Entwicklung gibt die deutsche Autoindustrie im Jahr 42,7 Milliarden Euro aus, Japan rund 30 Milliarden, USA rund 16 Milliarden, China gerade einmal 5,7 Milliarden. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Apropos Export. Ist China der Zukunftsmarkt Nummer 1 für Auto- und Zulieferindustrie?

Im Moment ist es noch Amerika, trotz Handelsstreit. Dazu muss man sagen: Wir stellen die meisten Autos auch im Ausland her, doppelt so viele wie im Inland.

Also dort, wo die Autos verkauft werden, werden sie auch produziert?

Das gilt auch für Amerika. Die großen Hersteller, VW, BMW, Mercedes, haben alle Werke in den USA, BMW hat sein weltweit größtes Werk in den USA. Auch die Kirchhoff-Gruppe hat sechs Werke dort. Wir produzieren die Dinge mit den Menschen vor Ort, die dann zu Konsumenten werden. Das gilt auch für China.

Muss der heimische Arbeitnehmer mit Kurzarbeit rechnen?

Da das Arbeitsvolumen in den nächsten Wochen sinkt, werden wir alle etwas weniger arbeiten. Das hat auch schon begonnen. Aber alle bleiben an Bord. Hier und da wird es auch Kurzarbeit geben. Das gilt in der Regel nicht für ganze Unternehmen, sondern für bestimmte Bereiche, die nicht ausgelastet sind.

Welche Branchen trifft es am härtesten?

Es wird Autozulieferer geben, die in bestimmten Abteilungen Kurzarbeit machen müssen, im Maschinenbau auch. Für die Autohersteller geht es bei den Lkw jetzt bereits herunter, bei den Pkw noch nicht. Da sind wir stabil. Lkw sind Investitionsgüter für die Firmen, und da werden die Unternehmen zunehmend vorsichtiger, vor dem Hintergrund der abkühlenden Konjunktur.

Also doch die ersten Anzeichen für die Krise?

Das ist bisher nur ein Stottern, keine Krise. Die Lage der Unternehmen ist viel besser als vor zehn Jahren. Fast alle haben Eigenkapital aufgebaut.

Themenwechsel: Welches Auto fahren sie momentan eigentlich?

Ich fahre viele Autos. In meiner Garage steht zum Beispiel ein Saab-Cabrio, ein Audi und zurzeit ein Porsche.

Was würde ein Bundeskanzler Arndt G. Kirchhoff tun?

Die Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessern. Es ist alles teurer geworden, höhere Abgaben, Steuern, höhere Preise für Energie, bei vielen anderen Dingen, so dass die Luft dünn geworden ist für einen Unternehmer, in Deutschland seine Rolle auszufüllen. Die Rolle eines Unternehmers ist ja nicht nur, Geld zu verdienen. das ist aber die Voraussetzung dafür, Arbeitsplätze erhalten und sich in der Gesellschaft engagieren zu können. Hier in unserer Region ist das den Menschen bewusst.

Steckbrief:

Arndt G. Kirchhoff (64) stieg 1990 in den Familienbetrieb ein. Die Kirchhoff-Gruppe ist mittlerweile zum Global Player geworden – mit mehr als zwei Milliarden Euro Jahresumsatz.

Kirchhoff ist Diplom-Ingenieur, verheiratet und Vater dreier Kinder. Er lebt in Attendorn, stammt aber aus Essen. Er ist u. a. NRW-Unternehmerpräsident und Präsident des Verbandes Metall- und Elektroindustrie NRW.

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