Kirchhundem. Die Materialpreise für Baustoffe im Straßenbau sind explodiert. Auch hierbei hat Russland die Finger mit im Spiel.

Die Auswirkungen des Ukrainekriegs und der lange Arm Putins werden von Tag zu Tag spürbarer. Auch die heimischen Straßen- und Tiefbauunternehmen leiden unter exorbitanten Preissteigerungen.

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Andreas Behle, Geschäftsführer der Straßen- und Tiefbau GmbH in Kirchhundem, spricht gar nicht erst um den heißen Brei herum: „Die gestiegenen Betriebs- und Materialkosten machen uns große Sorgen.“ Es sei nicht nur der Dieselpreis, der in den letzten Wochen um 60 bis 70 Cent pro Liter gestiegen ist. „Beim Asphalt sind es weitere 30 Prozent, bei den Frachten 20 Prozent, so dass die Kalkulationen, die wir mal gemacht haben, hinten und vorne nicht mehr passen“, so Behle.

Sämtliche Erdöl-basierten Produkte seien teurer geworden, besonders drastisch schlagen die Preiserhöhungen bei Bitumen und Asphalt ins Kontor, auch wegen des großen Energieverbrauchs bei der Herstellung. „Bitumen kennt beim Preis nur eine Richtung, nach oben“, sagt Behle.

Deutscher Bitumenmarkt in russischer Hand

Ähnlich wie bei Gas und Erdöl mischt Putin-Russland auch auf dem Bitumenmarkt kräftig mit. 30 Prozent des deutschen Marktes sind in der Hand der deutschen Tochterfirma von Rosneft, eins der größten russischen Mineralölunternehmen mit Stammsitz in Moskau. „Wenn sich Rosneft aus dem Bitumen-Geschäft zurückziehen würden, würden von heute auf morgen 30 Prozent Bitumen fehlen. Auf dieser Grundlage haben die Asphaltmischwerke zehn Tage nach Kriegsbeginn alle Verträge mit ihren Abnehmern gekündigt. Seit Kriegsbeginn gibt es nur noch Tagespreise“, erklärt Behle.

Noch laufen die Baustellen der Kirchhundemer Straßenbauer weiter, aber: „Wir haben alle Auftraggeber angeschrieben, dass wir zu den kalkulierten und beauftragten Preisen die Aufträge auf Dauer nicht ausführen können.“

Er beruft sich dabei auf den § 313 BGB, Störung der Geschäftsgrundlage. Dort heißt es: „Haben sich Umstände, die zur Grundlage des Vertrags geworden sind, nach Vertragsschluss schwerwiegend verändert (...), so kann Anpassung des Vertrags verlangt werden.“

Echtes Zuschussgeschäft

Mittlerweile gibt es im Kontext mit dem § 313 BGB auch Erlasse des Bundesbau- und des Bundesverkehrsministeriums zu den Preissteigerungen in Folge des Ukrainekriegs. Der Bund definiert Baustoffgruppen, für die ab sofort, aber nur bis 30. Juni, Stoffpreisgleitklauseln vereinbart werden müssen. Allerdings würden hier viele Baustoffe, zum Beispiel Schüttgüter wie Schotter, Sand etc. nicht berücksichtigt“, kritisiert Behle. Die Gewinnmarge der Unternehmen im Straßenbau liege zwischen zwei und vier Prozent. „Was darüber hinaus geht, ist ein echtes Zuschussgeschäft“, so der 45-Jährige.

Ein Augen zu und durch könne es jetzt nicht mehr geben, so Behle. Auf ein Fallen der Preise zu hoffen sei unrealistisch: „Ich glaube nicht, dass die Preise auf das alte Niveau zurückgehen werden.“ Denn frühestens in zwei Jahren könne Deutschland bei Öl und Gas unabhängig von Russland sein. Und: „Es war immer so, dass nach Preiserhöhungen der Opec die Preise für Bitumen hoch blieben. Auch, wenn der Ölpreis wieder sank.“

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Das Unternehmen Straßen- und Tiefbau hofft nun auf Verständnis und Entgegenkommen seiner Auftraggeber. Die ersten Rückmeldungen auf seinen Vorstoß seien „mehr durchwachsen“, sagt der Firmenchef, teilweise komplett ablehnend, „teilweise haben wir konkrete Vorschläge bekommen, wie man die Kosten anpassen könnte.“

Hilfreich wäre für die Firmen, wenn für alle Auftraggeber einheitliche Regeln bzw. Empfehlungen für die Nachverhandlungen formuliert würden, zum Beispiel durch die kommunalen Spitzenverbände wie den Deutschen Städtetag.