Alternativmedizin

Attendorn: Heilpraktiker wehrt sich gegen „schwarze Schafe“

Heilpraktiker Hubertus Schnüttgen aus Attendorn fürchtet sich um den Fortbestand seiner Branche.

Heilpraktiker Hubertus Schnüttgen aus Attendorn fürchtet sich um den Fortbestand seiner Branche.

Foto: Britta Prasse / WP

Attendorn.  Hubertus Schnüttgen ist Heilpraktiker in Attendorn. Er fürchtet um seinen Berufsstand. Er findet, die Politik solle nicht pauschalisieren.

Hubertus Schnüttgen, der sich vor 13 Jahren mit seiner Naturheilpraxis in Attendorn selbstständig gemacht hat, sorgt sich um seinen Berufsstand. „Die Diskussion, wie man den Beruf des Heilpraktikers verändern oder gegebenenfalls ganz abschaffen kann, zieht sich schon über viele Jahre“, so der 52-Jährige. Die Debatte habe aber wieder an aktueller Brisanz gewonnen. Denn: Gesundheitsminister Jens Spahn hatte Ende 2019 ein Rechtsgutachten zu Reformspielräumen in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse dafür sollten bereits im Juni 2020 vorliegen, durch Corona verzögerte sich der Prozess allerdings. Jetzt wird im Oktober mit einer Veröffentlichung gerechnet.

Hintergrund dieser Maßnahme ist, dass sich die Kritik gegenüber dem Berufsstand hartnäckig hält. Die Ausbildung ist nicht gesetzlich geregelt. Außerdem haben sich in der Vergangenheit immer mal wieder Heilpraktiker als „Wunderheiler“ verkauft und mit dem Leben ihrer Patienten gespielt – zuletzt ein Heilpraktiker aus dem Kreis Viersen, der sich 2019 vor dem Krefelder Landgericht verantworten musste, weil er drei Krebspatienten Zellgift gespritzt hatte und sie daran letztendlich verstorben sind. Ein schrecklicher Vorfall, das betont auch Hubertus Schnüttgen. Aber aufgrund solcher Einzelfälle könne man keinen Rückschluss auf die Allgemeinheit ziehen: „Wir sind ja nicht alle Mörder. Nur weil es ein paar schwarze Schafe unter den Heilpraktikern gibt, kann man nicht den kompletten Berufsstand verunglimpfen.“

Gesetzliche und persönliche Grenzen

Schnüttgen selbst hat 14 Jahre im Krankenhaus als Intensivpfleger gearbeitet, erst in Köln, später in Attendorn. Dementsprechend verfüge er über schulmedizinisches Grundwissen, was er auch bei seinen Behandlungen anwendet. Aber er kennt auch seine Grenzen als Heilpraktiker – nicht nur die gesetzlichen, sondern auch die persönlichen und moralischen.

„Generell darf ich zum Beispiel keine Erkrankungen im Mundraum oder an den Geschlechtsorganen behandeln“, so Schnüttgen. „Oder wenn eine Frau zu mir kommt und den Knoten in ihrer Brust behandelt bekommen möchte, dann frage ich zunächst erstmal, ob sie schon beim Gynäkologen war. Wenn nicht, dann verweise ich sie dort hin.“ Denn er habe weder die Möglichkeit zu röntgen, noch einen Ultraschall zu machen oder Proben zu entnehmen.

Patienten mit einer langen Reise

Trotz der Einschränkungen in den Behandlungsmöglichkeiten erstellt Schnüttgen Blutbilder von seinen Patienten. Als Grundlage für eine Anamnese. „Ich behandle nie ohne Befund“, betont Schnüttgen. Oft haben die Patienten, die seine Naturheilpraxis aufsuchen, eine lange Reise hinter sich und für ihre Beschwerden keine Lösung in der Schulmedizin gefunden. Das seien zum Beispiel Menschen mit Arthrose, Rheuma oder Magen-Darm-Leiden. „Es kommen aber auch Kinder zu mir, die haben die Diagnose ,Bauchschmerzen ohne Befund’ erhalten. Denen fehlt nicht unbedingt etwas in organischer Hinsicht – aber trotzdem sind die Schmerzen da.“

Der Vorteil des Heilpraktikers sei in dieser Hinsicht, dass er sich mehr Zeit für Gespräche mit den Patienten nehmen könne. „Und ich kann mit dem Schwerpunkt der Chinesischen Medizin nochmal aus einem ganz anderen Blickwinkel auf das Problem schauen“, so Schnüttgen. Unter anderem mit Akupunktur, Laserakupunktur und dem Einsatz chinesischer Kräuter versuche er den Patienten zu helfen.

Denn in dem Verständnis der Chinesischen Medizin werde der Körper als eine Einheit betrachtet, jedes Organ habe Auswirkungen auf bestimmte Empfindungen. „Wenn Frauen beispielsweise die Gebärmutter entfernt bekommen, leiden die einen oder anderen an Schlafstörungen. In der westlichen Medizin sieht man da keinen Zusammenhang; in der chinesischen schon.“

Mit Aufklärung und Transparenz gegen den Eindruck der Scharlatanerie

Dass die Alternativ-Medizin oft als Vorstufe der Scharlatanerie gebrandmarkt ist, ist Schnüttgen bewusst. Seine Strategie dagegen: Aufklärung und Transparenz. „Ich versuche in dem ersten Gespräch, das jeder Patient bei mir haben kann, aufzuzeigen, wie ich an die Behandlung herangehe und sie so verständlich wie nur möglich zu erklären. Ich mache eine Befund-Erhebung, indem ich die Patienten ausführlich befrage. Und gehe dann über zu einer Zungen- und Pulsdiagnose, die in der Chinesischen Medizin verankert ist. Daraus kann man eine Therapie ableiten.“

Als Heilpraktiker möchte Hubertus Schnüttgen jedoch weder gegen die Schulmedizin anreden, noch eine Wunderheilung versprechen, wenn bisherige Behandlungsmethoden nicht erfolgversprechend waren. „Die Arbeit der Heilpraktiker ist ein ergänzendes Angebot. Ich behandle keine Krankheiten, sondern Menschen“, fasst er zusammen.

Von der Politik wünsche er sich in erster Linie mehr Akzeptanz statt eine Diskussion darüber, ob sein Berufsstand nötig sei: „Gerade in der Corona-Zeit sind viele Patienten zum Heilpraktiker statt zum Arzt gegangen. Das entlastet das Gesundheitssystem.“

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