Gerichtsurteil

Bigge-Täter: Neun Jahre Haft und Entzug wegen Totschlags

| Lesedauer: 4 Minuten
Das Landgericht in Siegen: Hier ist das Urteil im Fall des getöteten 36-jährigen Finnentropers gefallen.

Das Landgericht in Siegen: Hier ist das Urteil im Fall des getöteten 36-jährigen Finnentropers gefallen.

Foto: Hendrik Schulz

Siegen/Finnentrop.   Im Fall des 36-jährigen toten Finnentropers ist das Urteil gefallen. Richterin am Landgericht Siegen ordnet neben Haft auch Alkoholentzug an.

Saal 165 im Siegener Landgericht: Es ist der letzte Prozesstag im Fall des toten 36-Jährigen Finnentropers, der Ende Dezember 2016 im flachen Gewässer am Ufer der Bigge ertrunken ist. Der 45-jährige Angeklagte hält schützend eine Mappe vor sein Gesicht, als er den Raum betritt. Er senkt den Kopf, schaut während der gesamten Urteilsverkündung zu Boden, hört seiner Dolmetscherin zu.

Die vorsitzende Richterin Elfriede Dreisbach verkündet das Urteil: Neun Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags, außerdem wird der Aufenthalt in einer Entziehungsanstalt angeordnet. Zwei Jahre und sechs Monate muss der Angeklagte vor Beginn der Therapie im Gefängnis verbringen.

Die Plädoyers

Staatsanwalt Rainer Hoppmann hatte auf zehn Jahre Haft wegen vollendeten Totschlags im Zustand verminderter Schuldfähigkeit plädiert. Verteidigerin Andrea Combé sah keine Tötungsabsicht und hatte deshalb eine Strafe nicht über sieben Jahre wegen gefährlicher Körperverletzung und fahrlässiger Tötung gefordert. Der zweite Verteidiger, Christoph Hilleke, schloss sich an.

Der Rückblick

In der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 2016 kam es in der Wohnung des Angeklagten Finnentropers zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Angeklagten (damals 44 Jahre alt) und dem Opfer (36). Erst wenige Stunden zuvor hatten sich die Männer beim Bierkauf in Finnentrop kennengelernt. Während des anschließenden Trinkgelages outete sich der 36-Jährige als homosexuell und berührte den Angaben zufolge den Angeklagten.

Der forderte den 36-Jährigen auf, die Wohnung zu verlassen. Als dieser sich weigerte, kam es zu einer handfesten Auseinandersetzung. Laut Anklage würgte der Finnentroper seinen Gast bis zur Bewusstlosigkeit, hielt ihn für tot und beschloss, die Leiche aus der Wohnung zu schaffen.

Nachbarn beobachteten, wie er den leblosen Körper durch das Treppenhaus schleifte und ihn ins Auto hievte und verständigten die Polizei. Zehn Kilometer entfernt versuchte der damals 44-Jährige, den Körper über die Schafsbrücke in Attendorn zu werfen. Als das nicht gelang, rollte er ihn eine Böschung hinunter. Das Opfer, das zu diesem Zeitpunkt noch lebte, blieb im etwa 30 Zentimeter tiefen Wasser der Bigge liegen und ertrank.

Das Geständnis

Als der Angeklagte zu seiner Wohnung zurückkehrte, wartete die Polizei bereits auf ihn. Er ließ sich widerstandslos festnehmen und war geständig. Seinerzeit hatte er ausgesagt, das Opfer in die Bigge geworfen zu haben, um nicht wegen Körperverletzung bestraft zu werden. Verteidigerin Andrea Combé wandte ein, der Angeklagte sei nicht vernehmungsfähig gewesen und habe weder Dolmetscher noch Verteidiger gehabt. Das Gericht gab dem Einwand statt.

Das Urteil

Bei der Urteilsfindung hätten sie sich hauptsächlich auf die Einlassung des Angeklagten gestützt, sagte Elfriede Dreisbach. Der Würgevorgang, wie der Angeklagte ihn geschildert habe, sei aufgrund objektiver Spuren jedoch unglaubwürdig. „Trotz seiner erheblichen Alkoholisierung war dem Angeklagten klar, dass er ihn dadurch töten könnte. Das hat er billigend in Kauf genommen“, so die Richterin, doch „Mordmerkmale konnten wir nicht feststellen.“

Der 45-Jährige hat bis auf eine Trunkenheitsfahrt keine Vorstrafen und legte ein Teilgeständnis ab. Das kam ihm nach den Worten der Richterin zugute. Auch, dass das Opfer ihn unmittelbar vor der Tat gegen seinen Willen berührte und dass er sich vor Gericht für seine Tat entschuldigte und sie bereut, wirke sich strafmindernd aus. Außerdem hob die Richterin die Lebensumstände des Angeklagten hervor, der seit Jahren alkoholabhängig sei.

Das sagen Verteidiger und Staatsanwalt

„Aus der Mordanklage ist im Urteil Totschlag geworden, das ist ein großer Erfolg. Auf der anderen Seite sehen wir allerdings von Seiten der Verteidigung den Totschlag als nicht nachgewiesen. Wir gehen von einer gefährlichen Körperverletzung aus und von fahrlässiger Tötung“, sagte Verteidiger Christoph Hilleke nach dem Urteil.

„Das Urteil ist angemessen, weil es von der Ausführung dem entspricht, was ich ausgeführt habe. Wir werden sehen, ob Revision eingelegt wird. Die Nebenklage ist wohl auch einverstanden“, so Staatsanwalt Rainer Hoppmann.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kreis Olpe

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben