Kultur

Corona: Sauerlandtheater Hillmicke zeigt Film statt Premiere

Von links: Torben Stracke, Mario Hecken, Meinolf Niklas und Gerd Müller. 

Von links: Torben Stracke, Mario Hecken, Meinolf Niklas und Gerd Müller. 

Foto: Birgit Engel

Hillmicke.  Die Akteure des Sauerlandtheaters Hillmicke feiern wegen Corona keine Premiere. Dafür gibt es einen Film mit den schönsten Momenten.

Gerd Müller (79), Ehrenvorsitzender des Sauerlandtheaters Hillmicke, ist mit einem Koffer gekommen. Einem braunen Leder voller Erinnerungen, Fotos und Zeitungsberichte. Von 1975 bis 2013 führte er den Theaterverein als Vorsitzender und er führte auch Regie und brachte letztendlich den Verein dorthin, wo er heute steht. „Gerd ist Mr. Sauerlandtheater. So einen wie ihn gibt es nicht noch einmal. Was wir haben, haben wir ihm zu verdanken“, betont der heutige Vorsitzende Meinolf Niklas.

Die Überraschung

An diesem Wochenende wäre Premiere der diesjährigen Aufführung gewesen. Eigentlich – doch wie überall macht es Corona unmöglich. Um die Zuschauer aber nicht leer ausgehen zu lassen, geht am heutigen Samstag ein dreißigminütiger Film online. Darin kommen ehemalige und aktuelle Schauspieler und auch Souffleusen zu Wort und es werden Ausschnitte aus den erfolgreichsten Stücken gezeigt. Welche genau, haben die Macher noch nicht verraten. Sicherlich aber ist es eine wunderbare Gelegenheit, in Erinnerungen zu schwelgen. Nicht wenige werden sich dabei auch an „Nichts gehört und nichts gesehen“ aus dem Jahr 2005 erinnern. „Die Zuschauerzahlen waren am ersten Wochenende schon rekordverdächtig. Dann aber kam der Winter mit jeder Menge Schnee und Eis, so dass das zweite Aufführungswochenende ausfiel“, erinnert sich Gerd Müller.

Auch „Bommels verrückte Heimkehr“ (2002) war ein absoluter Kassenschlager mit rund 2000 Zuschauern. Ebenso „Das Geld ist im Eimer“ zwei Jahre zuvor. „Verrückt war, dass wir selbst, außer Gerd, das Stück nicht verstanden. Es hatte überhaupt kein schlüssiges Ende. Aber das Publikum war außer sich vor Begeisterung“, lacht Mario Hecken, der seit 2017 die Regie führt.

Die Geschichte

Die Geschichte des Theatervereins beginnt in den 1930er Jahren. Damals war man noch unter dem Dach des ebenfalls noch jungen Sportvereins beheimatet. 1949 dann gründeten die Laienakteure Willi Eichert, Aloys Brüser, Xaver Klein, Johannes Schneider, Johannes Stracke und Vinzenz Neite den Theaterverein Hillmicke. Fortan wurden in der alten Kapelle Stücke aufgeführt. Wie man sich vorstellen kann, fanden Proben wie Auftritte unter erschwerten Bedingungen statt. Jeder Spieler brachte Holz mit, um den Raum auf erträgliche Temperaturen zu bringen und optische und akustische Mittel waren eher dürftig. Ende der 1950er Jahre gab Toni Valpertz, über 40 Jahre Wirtin des gleichnamigen Gasthofes unweit der Kirche, dem Verein ein neues Zuhause. Als der Saal 1975, in dem auch die gesamte Ausstattung und alle Protokolle des Vereins lagerten, in Flammen aufging, stand man praktisch vor dem Nichts. Aber der Verein ließ sich nicht unterkriegen und unter dem neu gewählten Vorsitzenden Gerd Müller – mit ihm wurde auch der Name Sauerlandtheater aus der Taufe gehoben – nahm er neue Fahrt auf. Es dauerte kaum zwei Jahre, bis im neuen Saal von Valpertz die erste Theateraufführung über die Bühne ging. Weil die Besucherzahlen dermaßen stiegen, zog man schließlich in die Aula der Konrad-Adenauer-Schule. „Mit Musik geht alles besser“ titelte dort das erste Stück, geschrieben von Theo Stracke und Annegret Kapteina.

Die Bedeutung

Zweifelsohne nimmt das Sauerlandtheater eine große Bedeutung als Träger der kulturellen Infrastruktur und gemeinschaftsstiftender Faktor ein. Für das große Publikum sind die Wochenenden um Totensonntag und dem ersten Advent im Kalender rot angestrichen. Das Einzugsgebiet reicht bis Dortmund, Hagen und Köln. Und Generationen von Hillmickern haben sich schon als Schauspieler engagiert. „Das gehört bei uns einfach dazu. Die Tradition wird in den Familien weitergetragen“, erzählt Mario Hecken (48), dessen Oma Hedwig Hecken auch auf der Bühne stand. Dabei geben sich die Hillmicker durchaus auch selbstbewusst. „Wir brauchen uns nicht zu verstecken und machen sehr gutes Theater“, sagt Mario Hecken. Und Gerd Müller erzählt mit leisem Lächeln, als man einst selbst „Der keusche Lebemann“ auf die Bühne brachte und das Stück aus eben diesem Grunde auch im Millowitsch-Theater besuchte. „Wir waren dermaßen enttäuscht davon. Die Begeisterung für unsere Aufführung war ungleich größer.“

Die Truppe

Waren es anfangs und auch noch unter Gerd Müller deftige Bauernstücke und später unter Klaus-Peter Schäfer eher Boulevardtheater, versucht Mario Hecken den Zwischenweg zu gehen. Dabei kann er auf einen guten Fundus von Darstellern zurückgreifen. Rund zwanzig im Alter von 23 bis über 50 Jahren gehören heute zur aktiven Truppe. Viele davon und viele ehemalige Hillmicker haben längst Kultstatus. So Willi Breidebach, der 27 Jahre lang zentrale Rollen besetzte. Oder auch Annemarie Opitz, von 1981 bis 2011 im Souffleurkasten sitzend und heute Ehrensouffleuse. Und da wären noch so einige weitere Namen zu nennen.

„Wir sind eine tolle Truppe, die das ganze Jahr kreativ zusammenarbeitet und unendlich viele Stunden investiert. Wenn Ende Juli die Proben anstehen, beginnt die intensivste Zeit. Das fehlt jetzt doch sehr“, sagt Meinolf Niklas. „Haben Sie schon einmal gesehen, wenn nach dem Winter die Kühe wieder auf die Weide gelassen werden? So wird es sein, wenn wir wieder dürfen“, zeigt Mario Hecken den echten Sauerländer Humor. Und Gerd Müller sinniert: „So ein Theater, das braucht einen ganz.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben