Demografie

Demografischer Wandel macht keinen Halt vor Attendorn

Ein Blick auf die St. Johannes Baptist-Kirche am Alten Markt. Rund um die Kirche und das nahe gelegene Rathaus flanieren die Attendorner. Klar ist: Künftig werden sich hier immer mehr ältere Mitbürger aufhalten.

Ein Blick auf die St. Johannes Baptist-Kirche am Alten Markt. Rund um die Kirche und das nahe gelegene Rathaus flanieren die Attendorner. Klar ist: Künftig werden sich hier immer mehr ältere Mitbürger aufhalten.

Foto: Flemming Krause

Attendorn / Kreis Olpe.   Die Menschen in der Hansestadt werden immer älter und sie werden weniger. Wie Bürger und Verwaltung darauf reagieren müssen, lesen Sie hier:

Wir werden immer weniger. Und immer älter. In Südwestfalen leben anno 2018 gut 1,35 Millionen Menschen. Im Jahr 2035 sind es nur noch gut 1,18 Millionen. Attendorn fällt bei dieser wenig überraschenden, aber dennoch ernüchternden Entwicklung (leider) nicht aus dem Raster. Heute leben in der Hansestadt noch mehr als 24 000 Menschen. In 17 Jahren sind es nur noch 22 500. Diese Zahlen hat das Siegener Unternehmen „statmath GmbH“, das sich auf die Entwicklung von Prognose-Softwares spezialisiert hat, im Auftrag der Stadt Attendorn erhoben. Große Abweichungen wird es auch in den anderen Städten und Gemeinden des Kreises nicht geben.

Sofort ins Auge fällt in Attendorn ein Vergleich: Betrug der Anteil der Ü 65-Generation im Jahr 2015 noch 19,2 Prozent im Vergleich zur Gesamtbevölkerung der Hansestadt, so steigt dieser Prozentsatz in dieser Altersgruppe bis 2035 auf unglaubliche 31,6 Prozent. Parallel verringert sich der Anteil der 0- bis 17-Jährigen um satte drei Prozentpunkte, von 17,5 auf 14,4. Die Zahlen allein sind aber nicht maßgeblich, denn stoppen kann den demografischen Wandel wohl niemand. Viel entscheidender ist, wie Verwaltung und Bürger aus Attendorn auf diese Entwicklung reagieren werden. Einen Vorgeschmack gibt es hier:


1. Das sagt der Bürgermeister: „Wichtig aus meiner Sicht ist, dass die Stadt älteren Menschen ein möglichst hohes Maß an Lebensqualität bietet und die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter schafft“, betont Attendorns Bürgermeister Christian Pospischil. Und wie lässt sich dieses Vorhaben umsetzen? Hier ein paar Ansätze aus dem Rathaus:

Barrierefreiheit, zumindest aber Barrierearmut im öffentlichen Raum, lautet ein Schlagwort. Der Innenstadtumbau, zum Beispiel der barrierefreie Umbau der Ennester Straße, zielt darauf ab.

Förderung von Akteuren, die altersgerechte Wohnungen oder ein differenziertes Pflegeangebot schaffen. Das Projekt „The flag senior“ an der Hansastraße sei dafür ein gelungenes Beispiel.

Einsatz für den Erhalt einer vollständigen medizinischen Versorgung vor Ort im ambulanten und stationären Bereich.

Verbesserung von Freizeitmöglichkeiten gerade für ältere Menschen. „Das von der Verwaltung vorgeschlagene Sportstättenentwicklungskonzept soll auch dazu dienen, Bedarfe von älteren Menschen in Bezug auf Sport besser kennenzulernen und zu decken“, betont Pospischil.

Förderung von Akteuren, die ein soziales Netzwerk gerade für ältere Menschen bilden, um Altersarmut und der Vereinsamung älterer Menschen vorzubeugen.

Auf der anderen Seite wolle man eine dynamische und für junge Menschen attraktive Stadt bleiben, um auch wirtschaftlich weiter in der ersten Liga mitspielen zu können. Dafür sei es unter anderem wichtig, den Unternehmen Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, damit das Arbeitsplatzangebot so gut bleibt wie bisher. „Wir müssen aber auch für ein gutes Schul- und Kindergartenangebot sorgen und für alle Einkommensschichten ein ausreichendes Wohnungsangebot und Baumöglichkeiten schaffen“, erklärt Pospischil. Nicht zu vernachlässigen: Das Freizeitangebot gerade für junge Menschen müsse in Attendorn ausgebaut werden. „Hier ist derzeit vor allem das Kino als wichtiges Projekt zu nennen.“

2. Das sagt die Jugend:
Über den Bau des Kinos freuen sich die Jugendlichen der Hansestadt natürlich sehr. Um die Gruppe der jungen Menschen in Attendorn halbwegs stabil zu halten, und den Wegzug zu verhindern, macht das Jugendparlament folgende Vorschläge:

Einen größeren Park mit Aufenthaltsqualität errichten, zum Beispiel zum Verweilen. „Durchaus vorstellbar wäre in solch einem Park ein kleiner Teich“, sagt Patrick Schauerte vom Amt für Soziales und Jugend.

Eine Promenade direkt am Biggesee. Möglicherweise auch eine größere Plattform zum Sitzen am Wasser, gegebenenfalls mit Restaurant oder Gastronomie.

Einzelhandel/Gastronomie: Mehr Geschäfte, gerne auch ein größeres Café, bestenfalls sogar von einer bekannten Kette wie zum Beispiel Bar-Celona, Cafe-del-Sol oder Extrablatt, wünschen sich die jungen Attendorner.

Wohnraum: Das Problem aus Sicht der Jugend-Parlamentarier sei der wenig vorhandene, insbesondere kaum bezahlbare Wohnraum für junge Auszubildende/Studenten, die gerne weiterhin hier wohnen möchten. Und zwar in einer eigenen Wohnung.

Veranstaltungen: Das Jugendparlament spielt mit dem Gedanken, in Attendorn eines Tages ein „Holy-Festival of Colours“ durchzuführen.


3. Das sagt der Seniorenrat:
Was muss in der Stadt passieren, um sich auf die wachsende Zahl älterer Menschen einzustellen? „Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Barrierefreiheit in öffentlichen sowie in privaten Geschäften oder Gastronomien. Hier muss die Stadt auf Dauer Anreize bieten, damit nicht barrierefreie Objekte nachgerüstet werden“, erklärt Walter Müller, Vorsitzender des Attendorner Seniorenrates.

Des Weiteren müsse die Stadtverwaltung dafür Sorge tragen, dass alle Straßen, Gassen und Wege in der Innenstadt so gestaltet werden, dass sich ältere Menschen, und hier im Besonderen Personen mit eingeschränkter Mobilität, sicher und bequem mit oder ohne Rollator/Rollstuhl bewegen können. „Im Zuge der Umgestaltung der Stadt wird viel getan, aber es gibt noch viele Bereiche, die nicht vergessen werden und in Zukunft angepasst werden sollten.“

Hilfe zur Mobilität

Durch die fortschreitende „kommerzielle Ausdünnung“ von Geschäften oder Banken in den umliegenden Dörfer seien immer mehr ältere Menschen gezwungen, sich für Einkäufe ins Stadtgebiet zu begeben. „Hier sehen wir die Stadtverwaltung in der Pflicht, Hilfe zur Mobilität anzubieten. Die könnte zum Beispiel durch Shuttle-Busse realisiert werden, die von der Verwaltung eingesetzt werden. Mit dem ÖPNV kann dieses Problem nicht gelöst werden. Eine weitere Möglichkeit wäre die Benutzung von Taxen, die zu einem Sondertarif für Senioren fahren“, betont Müller. Dabei müsse die Stadtverwaltung die Differenz zum Normaltarif ausgleichen.

Schließlich sei die Errichtung von Ruhezonen in Geschäften eine Idee. „Die Stadt muss sich dafür einsetzen, dass die Geschäfte, soweit platzmäßig möglich, kleine Sitzecken einrichten, in denen sich ältere Menschen mal kurz ausruhen können. Hier gibt es großen Nachholbedarf.“ Der Seniorenrat der Hansestadt werde versuchen, eine solche Initiative anzustoßen.

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