Gerichtsurteil

Die letzte Zigarette und die fatalen Folgen

Symbolbilder Amtsgericht Olpe.

Foto: Josef Schmidt

Symbolbilder Amtsgericht Olpe.

Olpe/Heggen.  Tritte und Hiebe: Ein 28-Jähriger muss für ein Jahr ins Gefängnis, sein jüngerer Mitangeklagter kommt mit Bewährung davon.

Es ist Karfreitag 2017, 22.40 Uhr, Heggen: Zwei Männer (28 und 21) laufen angetrunken zum Bahnhof, um den letzten Zug nach Finnentrop zu erwischen. Sie treffen auf einen weiteren Mann, 26 Jahre alt. Der 21-Jährige fragt ihn nach einer Zigarette, aber der Mann verneint. Er hat keine mehr. Eine fatale Antwort, denn ein paar Minuten später liegt er schwer verletzt auf dem Asphalt. Die beiden Täter laufen im Gleisbett Richtung Heimat, weil der Zug während der Auseinandersetzung abgefahren ist. So die Ausgangssituation des Prozesses, der vor dem Jugendschöffengericht in Olpe verhandelt wird.

Gemeinschaftliche Taten

Am Ende stehen ein Jahr Gefängnis für den 28-Jährigen ohne Bewährung und eine ebenso lange Freiheitsstrafe mit Bewährung für seinen jüngeren Kumpan - allerdings nach Jugendstrafrecht.

Beide werden wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung schuldig gesprochen, der ältere Angeklagte noch für eine zusätzliche Körperverletzung.

Die Geschichten, mit denen das Gericht zu kämpfen hat, ähneln sich nur, was die erste Begegnung angeht. Das Opfer bestätigt die Frage nach der Zigarette: „Ich hatte aber gerade die letzte angesteckt.“

Der Angeklagte habe dann seine Zigarette haben wollen, dann folgte schon ein Schlag dessen Freundes. „Ich bin zu Boden gegangen, er hat mir dann noch ein paar Mal in Richtung Kopf getreten“, schildert der Zeuge weiter. Der jüngere Mann habe sich passiv verhalten, allerdings die Zigarette aufgehoben und mitgenommen. Die beiden seien weggegangen, dann mit dem Ausruf, „Der ruft die Bullen“, wieder umgekehrt, als er zu seinem Mobiltelefon gegriffen habe. Sie hätten sich den Anrufverlauf zeigen lassen und dann beide auf ihn eingetreten, einer gegen den Kopf, der andere in die Nieren und ihn zudem gewarnt, das noch einmal zu versuchen. Dann gebe es noch mehr.

Mehrere Verletzungen

Die Verletzungen: ein blaues Auge davon, eine geschwollene Gesichtshälfte, starke Kopf- und Rückenschmerzen, später immer wieder Schwindel.

Der ältere Angeklagte bestätigt, dass sein Freund nach einer Zigarette gefragt habe: „Dann habe ich gespürt, dass es Spannungen gibt.“ Er habe noch als Warnung dazwischen gerufen: „Ich stehe unter Bewährung“. Der 26-Jährige habe sich plötzlich Stirn an Stirn mit dem anderen aufgestellt. „Dann habe ich zugeschlagen. Aus Reflex, oder wie man das nennt.“ „Das nennt man Körperverletzung“, entgegnet der Richter irritiert. Das Opfer sei zu Boden gegangen. „Ich wollte ihm aufhelfen“. Als der Liegende um sich geschlagen habe, habe er ihm eine reingehauen, so der Angeklagte. „Einfach so?“, wundert sich der Vorsitzende. „Im Affekt. Ich war ja betrunken“, entgegnet der 28-Jährige. „Aha. Reflex und Affekt“, zitiert Sondermann und rollt die Augen.

Bei der Polizei andere Geschichte

Der jüngere Mann bestätigt die Geschichte. Das Opfer sei ihm ohne jeden Grund viel zu nahe gekommen, da habe er ihm eben ‚eine gegeben’. „Einfach so, wie die Hand geben“, wird der Richter dieses Verhalten später als Begründung für die mangelnde Reife des Finnentropers nehmen. Von Tritten wollen beide gestern nichts wissen, die Zigarette sei ihnen da auch egal gewesen. Als sie etwas später von der Polizei angehalten wurden, klang ihre Geschichte noch anders. Da war es ein Betrunkener, der sie angepöbelt habe und unbedingt aus ihrer Whiskyflasche habe trinken wollen. Im Gericht erklären sie, den Whisky schon vorher getrunken zu haben. Auch Amphetamine seien im Spiel gewesen.

Beide Täter sind vorbestraft, vor allem der Jüngere mehrere Male wegen Körperverletzung. Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe attestiert einen sehr unreifen Eindruck, empfiehlt Jugendstrafe. Verteidiger Uwe Soujon stimmt zu und hält eine Bewährung für ausreichend. Staatsanwalt Philipp Scharfenbaum weist auf die Gefährlichkeit vor allem der Tritte hin, fordert ein Jahr und sechs Monate Jugendstrafe ohne Bewährung.

Soujons Kollege Marcel Tomczak, der den 28-Jährigen vertritt, hält das Opfer für unglaubwürdig, die Protokolle der Polizisten für fehlerhaft. Sechs Monate mit Bewährung hält er für ausreichend. Scharfenbaum will hingegen zwei Jahre ohne.

Anti-Aggressionstraining

Die Bewährungsstrafe für den 21-Jährigen wird mit vier Wochen Dauerarrest garniert, 100 Sozialstunden, einem Anti-Aggressions-Training sowie sechs Stunden bei der Caritas-Suchtberatung. „Damit Sie nicht glauben, das sei ein Freispruch“, macht ihm Richter Sondermann klar und unterstellt ihn einem Bewährungshelfer.

Im Zuschauerraum ist lautes Stöhnen des Anhangs zu hören, dem das Urteil wohl zu milde erscheint.

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