Ärztemangel

Warum dem Kreis Olpe der Kollaps in der Ärzteschaft droht

Hausarzt Stefan Spieren redet Klartext: „Wenn nichts passiert, fährt der Zug vor die Wand."

Foto: Gunnar Steinbach

Hausarzt Stefan Spieren redet Klartext: „Wenn nichts passiert, fährt der Zug vor die Wand." Foto: Gunnar Steinbach

Hünsborn.   Hausarzt Stefan Spieren gibt dem Kreis Olpe noch fünf Jahre. Wenn bis dahin nichts passiert, droht eine Situation wie in Mecklenburg-Vorpommern.

Stefan Spieren ist Facharzt für Allgemeinmedizin und -chirurgie. Er ist Lehrbeauftragter am Institut für Allgemeinmedizin, Göttingen, Lehrarzt an einem Düsseldorfer Institut und Lehrbeauftragter eines Instituts in Witten/Herdecke.

Hausarzt Stefan Spieren warnt

Wichtiger aber als das, was er ist, ist das, was Stefan Spieren nicht ist: ängstlich. Angst, sich unbeliebt zu machen, hat er nicht, und vermutlich ist er heute Mittag, wenn auch die letzten Langschläfer unter Kollegen und Bürgermeistern diesen Text gelesen haben werden, noch ein bisschen unbeliebter.

Das ist ihm gleichgültig: „Ich werde sowieso immer angeschossen, aber wenn nichts passiert, fährt der Zug vor die Wand, und es soll keiner sagen, es hätte niemand gewarnt.“ Das Problem: Die Ärzte im Kreis Olpe werden immer älter, Nachwuchs ist schwer bis gar nicht dazu zu bewegen, in den Kreis Olpe zu kommen. Damit ist kein neues Problem beschrieben, die alternde Ärzteschaft auf dem Lande wird seit Jahren thematisiert.

Aber: Das Problem hat auch einen „schleichenden Effekt“, der nach Überzeugung Spierens zu wenig Berücksichtigung findet. Wie andere Arbeitnehmer auch, haben Ärzte die Tendenz, im Alter kürzer zu treten. Auf dem Papier bleibt alles beim Alten, der Arzt behält seinen Kassensitz, die Praxis bleibt geöffnet, aber die Arbeitskraft sinkt.

„Oft“, so Spieren, „werden keine neuen Patienten angenommen, und für die Verbleibenden dauert es länger, bis sie einen Termin bekommen. Wir merken das. Es gibt Patienten aus Olpe, die fahren bis nach Hünsborn. Warum wohl?“

In der Politik und den Rathäusern werde diese Entwicklung nicht richtig zur Kenntnis genommen und nicht so reagiert, wie nötig: „Warum kommen so gut wie keine jungen Ärzte in den Kreis Olpe?“, fragte er und gibt selbst die Antwort: „Weil die Politik immer noch nicht begriffen hat, worauf es ankommt.“

Der Ärzte-Nachwuchs sei heute weiblich. Das heißt, es kommt nicht nur eine Ärztin, sondern eine Familie: „Die wollen nicht mehr in der eigenen Praxis 60, 70 oder mehr Stunden kloppen, sondern in einem Angestelltenverhältnis mit geregelten Arbeitszeiten leben.“ Viel wichtiger als ein dickes Gehalt seien zum Beispiel Kita-Plätze, Schulen und ein Job für den Partner. Das gelte noch mehr, wenn es ein junger Arzt sei, den man anwerben wolle: „Die kommen erst Recht nur dann, wenn es auch einen Job für die Frau oder Partnerin gibt.“

Plädoyer für ein Ärztehaus

Was bedeutet das für die Kommunen? Es müssten Ärztehäuser angeboten werden, in denen junge Mediziner genau diese Bedingungen vorfinden. „Dazu zählen Immobilien für die Praxen, aber auch Wohnraum“, so Spieren. Die Frage nach der Trägerschaft eines solchen Ärztehauses sieht Spieren nicht als vorrangig: „Zur Not kann das auch die Kommune sein.“

Die „schleichenden“ Veränderungen in der Ärzteschaft berücksichtigt, gibt Spieren dem Kreis Olpe noch fünf Jahre: „Wer wissen will, wie es dann hier aussieht, wenn sich nichts tut, kann ja mal nach Mecklenburg-Vorpommern fahren und sich da umgucken.“

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