Landwirtschaft

Dieter Heide: „Der Wolf war schon häufiger bei uns“

Dieter Heide

Dieter Heide

Foto: Verena Hallermann

Drolshagen-Benolpe.   Der BUND-Kreissprecher züchtet nebenbei Schafe und Kühe. Im Gespräch erzählt er, wie er die Gefahr für Weidetiere und den Menschen einschätzt:

Nordrhein-Westfalen ist wieder ein Wolfsland. Am Niederrhein hat sich nach 180 Jahren mindestens ein Tier angesiedelt. Und auch auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Stegskopf bei Daaden im Nachbarkreis Altenkirchen ist ein Wolf vermutlich sesshaft geworden. Was bedeutet das nun für die Landwirte? Und besteht eine Gefahr für die Menschen? Unsere Zeitung hat mit Dieter Heide gesprochen. Der 67-Jährige aus Drolshagen-Benolpe ist BUND-Kreissprecher in Olpe. Außerdem züchtet er Schafe und Kühe. Im Gespräch erzählt er, wie er die Gefahr sieht.

Immer wieder hört man derzeit, dass Wölfe in der Region gesichtet werden. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Dieter Heide: Eigentlich nicht, wenn ich an den Menschen denke. Sorgen bereitet es mir für die Schäfer, Ziegenhalter oder Kuhhalter.


Also ist der Wolf eine Gefahr für die Weidetiere?
Ja, der ist ja nicht ganz dumm. Bevor er lange hinter einem Reh her muss, wird ihm das Schaf ja praktisch serviert.


Selbst wenn sich kein Tier im Kreis ansiedelt, muss man für die Weidetiere eine Gefahr fürchten?
Das ist richtig, denn der Wolf kann 70 Kilometer oder mehr an einem Tag zurücklegen.


Was sagt die Rückkehr über Natur- und Artenschutz aus?
Meines Erachtens nach nichts. Denn die Roten Listen der bedrohten Tier- und Pflanzenarten werden länger. Diese Arten gehören nicht zum Beutespektrum. Der Wolf frisst die Tiere, die wir eigentlich zu häufig in der Natur haben, wie Rehe und Wildschweine.

Also trägt der Wolf etwas für den natürlichen Kreislauf bei? Wenn man das so sieht, dann stimmt das.

Haben Sie denn selbst bereits Maßnahmen ergriffen, um Ihre Tiere zu schützen?
Nein. Falls der Wolf kommt, können wir diese Weidepflege im Sinne des Natur- und Artenschutzes, die wir bisher machen, so nicht weiterführen. Das muss klar sein.


Inwiefern?
Weil wir die verschiedenen Weideflächen nicht wolfssicher einzäunen können.

Was wäre denn überhaupt „wolfssicher“?
Ein Untergrabschutz in der Erde und ein 1,20 bis 1,40 Meter hoher Zaun, der zusätzlich mit Strom versehen wird. Momentan sind die Zäune grade mal ein Meter hoch, da kommt der Wolf ohne Probleme drüber. Wenn alle Schäfer das machen wollen, ist das nicht finanzierbar. Da gibt es zwar Mittel vom Land für, aber nur im direkten Wolfsgebiet.

Aber das macht doch so gar keinen Sinn, oder?
Die gesamte Planung müsste überarbeitet werden. Wenn Tiere gerissen werden, bekommt der Halter diese ersetzt. Zum Beispiel der Milchziegenhalter. Wenn 20 von seinen 60 Tieren gerissen werden, bekommt er diese 20 ersetzt, hätte aber ein Jahr lang den Milchausfall. Das wäre existenzbedrohendend. Es gibt auf dem Markt nicht genug laktierende Ziegen, also Ziegen, die Milch geben. Also muss er wieder junge Ziegen nehmen, die er erst wieder aufbauen muss. Oder noch ein Beispiel: Wenn ich Profi-Schäfer wäre, bekäme ich die Hunde bezahlt, aber die Folgekosten nicht. Man muss die Tiere ja auch versorgen.

Wie sähe denn Ihrer Meinung nach eine Lösung aus?
Das ist eine gute Frage. Wir müssten in Länder gucken, die heute mit dem Wolf leben, um zu schauen, wie die das machen. Wir haben verlernt, mit Wölfen zu leben. Weil wir uns darüber keine Gedanken machen mussten. Aber zum Beispiel Bulgarien hat einen großen Wolfs- und Bärenbestand und die Menschen leben seit Jahren mit ihnen zusammen. Was auf jeden Fall wäre, die Haltung würde arbeitsintensiver werden.

Wie könnte das bei uns in Deutschland funktionieren?
Es müsste auf jeden Fall ein Umdenken stattfinden. Wir werden mit dem Wolf leben müssen. Er ist streng geschützt.

Momentan werden Wolfsmanagement-Pläne und Peilsender diskutiert? Wäre das eine Lösung?
Eigentlich nicht. Einmal wäre der Arbeitsaufwand sehr hoch. Wir bräuchten deutschlandweit hauptamtliche Leute, die die Tiere besendern. Und es sagt nur was über die Route aus, aber nicht über die Nachzucht der Wölfe. Also weiß man nur, wo sich ein Teil der Tiere aufhält.

Stellt der Wolf denn tatsächlich eine Gefahr für den Menschen dar? Muss man jetzt Angst haben?
Nein. Der Wolf meidet eigentlich den Menschen. Wir werden auch in einem Wolfsgebiet den Wolf selten oder nie sehen. Da habe ich keine Angst vor dem Wolf.

Was wäre, wenn man dem Tier doch begegnet?
In keinem Fall weglaufen. Man sollte sich groß machen und Lärm machen. Denn Lärm meiden die Tiere. Es sind scheue Tiere.

Wie wahrscheinlich wäre es, dass der Wolf nach Olpe kommt? Würde er sich hier wohl fühlen?
Der Wolf war mit Sicherheit schon häufiger bei uns. Denn wir haben rundum Sichtungen und er wird den Kreis Olpe nicht umgehen. Dass sich ein Rudel ansiedelt, halte ich kurzfristig für unwahrscheinlicher. Denn wenn man die Ausbreitung des Wolfes betrachtet, hat er sich von Sachsen in nordwestlicher Richtung nur in Tiefebenen ausgebreitet, aber nicht nach Süden ins Gebirge. Aber trotzdem wird er mit Sicherheit zu uns kommen.

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