Interview

Dominik Gens: „Rassistischen Tendenzen entgegentreten“

Dominik Gens ist Integrationsbeauftragter in Wenden. Die Gemeinde hat die Stelle neu geschaffen.

Dominik Gens ist Integrationsbeauftragter in Wenden. Die Gemeinde hat die Stelle neu geschaffen.

Wenden.   35-Jähriger ist Integrationsbeauftragter bei der Gemeinde Wenden. Er will unbürokratisch und schnell helfen.

Die Integration der Flüchtlinge wird im Wendener Rathaus als fachbereichsübergreifende Aufgabe gesehen. Mit Zustimmung des Rates wurde hierfür die zunächst auf zwei Jahre befristete neue Stelle eines Integrationsbeauftragten geschaffen. Seit 1. März 2018 ist Dominik Gens Integrationsbeauftragter in Wenden.

Was sind Ihre Aufgaben?

Dominik Gens: Die Stelle wurde neu geschaffen, weil der dringende Bedarf erkannt wurde, dass Menschen mit Fluchterfahrung eine besondere Unterstützung und Begleitung benötigen, die von Seiten der SachbearbeiterInnen aufgrund der Arbeitsbelastung und der völlig anderen Aufgabenbeschreibung und Qualifikation nicht geleistet werden konnte. Meine Arbeit beschränkt sich jedoch nicht auf Geflüchtete, sondern es ist das Anliegen der Gemeinde, eine Anlaufstelle für all jene Personen zu schaffen, die aufgrund von Zuwanderung oder kultureller und sprachlicher Differenzen selbst einen Hilfsbedarf erkennen. Hier leiste ich ganz konkrete und persönliche Hilfe bei verschiedensten Anliegen oder vermittle die Ratsuchenden weiter.

Die Stelle wurde im Rathaus als Schnittstelle verschiedener Bereiche installiert?

Ja. Ich bilde innerhalb des Wendener Rathauses eine Art Scharnierfunktion zwischen Geflüchteten/Migrantinnen und Migranten, den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, anderen Organisationen und Einrichtungen sowie unserer Verwaltung und der Politik. Weiterhin bin ich mit der Planung und Ausführung von Veranstaltungen betraut, die zu einer erfolgreichen Integration vor Ort beitragen sollen und leiste strategische und planerische Unterstützung und Beratung im Bereich der Integrations- und Sozialpolitik, zum Beispiel durch die Erstellung eines Integrationskonzeptes.

Warum haben Sie sich für die Stelle beworben?

Bevor ich bei der Gemeinde Wenden angefangen habe, war ich in Berlin bei zwei Unternehmen als Vertriebsmitarbeiter tätig, fühlte mich jedoch in dieser Branche nie wirklich wohl, da ich in meiner Arbeit keinen gesellschaftlichen Nutzen erkannte und meine Qualifikationen nicht ausreichend einbringen konnte. Aufgrund meiner universitären Ausbildung als Soziologe lag mein Interesse immer bei den Menschen, ihrem gesellschaftlichen Zusammenleben und somit natürlich auch bei der Integration als wichtigem Teil funktionierender Gemeinschaft.

Wo gibt es Probleme?

Als besonders problematisch habe ich für die Gemeinde Wenden den Wohnungsmarkt und den ÖPNV kennengelernt. Es ist enorm schwierig, eine Wohnung zu finden. Dieses Problem kennen auch viele Deutsche. Besonders für Menschen mit Fluchterfahrung, aber auch für Migrantinnen und Migranten der ersten und zweiten Generation ist dieses Problem noch einmal verstärkt. Selbst wenn Wohnungen auf dem Markt angeboten werden, haben sie nur geringe Chancen, am Ende den Zuschlag zu bekommen. Hier ist auch einer der Gründe dafür zu suchen, dass viele Geflüchtete einen weiten Arbeitsweg auf sich nehmen müssen. Und weil in den meisten Fällen kein Geld für ein eigenes Auto vorhanden ist, bleibt das Rad oder der Bus als Verkehrsmittel. Leider ist die Busanbindung in einige Dörfer sehr schlecht, so dass der Arbeitsweg, der Weg zum Einkaufen oder für den gesellschaftlichen Austausch sehr beschwerlich ist.

Was ist besonders wichtig für die Flüchtlinge?

Verglichen mit vielen anderen Kommunen sind wir Teil einer sehr wirtschaftsstarken Region, so dass auch viele Geflüchtete eine Arbeit finden, sofern ihnen eine Arbeitserlaubnis ausgestellt wird. Wie wichtig die Möglichkeit der Arbeit für das Selbstwertgefühl der Menschen ist und wie es auch ihre Einstellung auf das Leben und ihr Umfeld verändert, durfte ich im vergangenen Jahr mehrfach erleben.

Wie läuft es mit ehrenamtlicher Hilfe?

Ich will als Ehrenamtskoordinator die unglaubliche Unterstützung der ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiven Personen in den Vordergrund stellen. Ohne diese wäre eine Integration gar nicht denkbar. Dass allerdings das Ehrenamt hier die zentrale Rolle spielt, sollte auch als Alarmsignal verstanden werden, denn eine Planung ist somit nur sehr schwer möglich und einige Ehrenamtliche ziehen sich mittlerweile aus verschiedenen Gründen nach und nach wieder zurück.

Welche Gründe sind das?

Viele Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler sind seit fünf Jahren oder sogar darüber hinaus sehr intensiv mit der Betreuung und Unterstützung geflohener Menschen beschäftigt. Sie sind bereits aus dem Arbeitsleben ausgeschieden oder versuchen, ihre reguläre Arbeit und das Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen. Das Ehrenamt in der Flüchtlingshilfe kennt aber keine „Arbeitszeiten“ und einigen Helferinnen und Helfern fällt die Trennung zu ihrem eigenen, privaten Leben enorm schwer. Dies bedeutet eine körperliche wie psychische Belastung. Um sich hiervor zu schützen, ziehen manche die Reißleine und verabschieden sich von der Flüchtlingsarbeit. Andere wiederum fühlen sich in ihren Bemühungen allein gelassen und würden sich eine größere Unterstützung von Ämtern und der Politik wünschen oder haben das Gefühl, dass ihre Arbeit gesellschaftlich nicht gewürdigt wird. Unter anderem, um diesen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, wurde im vergangenen Jahr meine Stelle geschaffen. Ich versuche, die Ehrenamtlichen zu unterstützen, ihnen Arbeit abzunehmen, sie vor Überarbeitung und zu tiefer Verstrickung zu bewahren. Es gibt aber auch persönliche Gründe für ein Ausscheiden aus dem Ehrenamt. Manche Helferinnen und Helfer hatten nie vor, sich über längere Zeit an diese Arbeit zu binden, sondern wollten kurzfristig Hilfe leisten und haben sich mittlerweile zurückgezogen und anderen Projekten zugewandt.

Was wünschen Sie sich für die zukünftige Flüchtlingsarbeit?

Ich wünsche mir weiterhin die Unterstützung aus Verwaltung und Politik, wenn es um die Arbeit mit Geflüchteten geht. Ich wünsche mir, dass die Bürgerinnen und Bürger den Geflüchteten mit freundlichen Gesichtern und offenen Armen begegnen und dass die Geflüchteten diese positive Stimmung spüren und sich gerne als Teil dieser Gemeinde fühlen wollen.

Was sind die Wünsche der Flüchtlinge, die Sie betreuen, für die Zukunft?

Ganz wichtig ist für die Menschen, dass sie durchatmen können und nach der Flucht das Gefühl haben angekommen zu sein. Sie möchten Gewissheit darüber, ob sie in diesem Land bleiben dürfen und sie möchten arbeiten und selbstbestimmt leben dürfen. Streng genommen sind ja nur diejenigen als Flüchtlinge zu bezeichnen, denen dieser Schutzstatus und die damit verbundenen Rechte gewährt wurden. Hierbei handelt es sich um einen eher geringen Anteil. Es gibt aber sehr viele Asylsuchende, bei denen sich der Prozess sehr lange hinzieht und die in der Zwischenzeit nicht wissen, wie sich ihr Leben weiter entwickeln kann. Das ist mit dem Wissen, dass diese Menschen mitunter schreckliche Dinge erlebt haben, eine unhaltbare Situation.

Geht auch in der Gemeinde Wenden die Zahl der Flüchtlinge zurück und welche Auswirkungen hat das?

Es gibt aktuell weniger Neuzuweisungen als in den vergangenen Jahren, so dass sich die Art der Unterstützung wandelt. Integration ist ein sehr langwieriger Prozess. In einigen Belangen brauchen die Menschen weniger Hilfe. Behördengänge und Arztbesuche stellen mit zunehmender Sprachkenntnis keine große Schwierigkeit mehr dar. Andere Probleme werden jedoch jetzt erst sichtbar. Zum Beispiel fallen einige Geflüchtete in ein psychisches Loch, nachdem sich ihr Leben objektiv normalisiert hat.

Sie fangen erst danach damit an, dass Geschehene und Erlebte zu verarbeiten. Auch kristallisieren sich Probleme in Schule und Arbeitsumfeld deutlicher heraus. Ich möchte aber auch auf die Hintergründe der Entwicklungen hinweisen. In den meisten Fällen sind nicht die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Herkunftsländern der Grund für den Rückgang der Flüchtlingszahlen, sondern die Abschottungspolitik der europäischen Staaten.

Ein Blick zurück: Was ist das Wichtigste, das sich in ihrer einjährigen Tätigkeit in Wenden?

Dass es einen verlässlichen Ansprechpartner gibt, der versucht, unbürokratisch und schnell zu helfen. Diese Möglichkeit wird mittlerweile von sehr vielen Menschen genutzt und es wird der Gemeinde und dem Rathaus hoch angerechnet, diese Stelle geschaffen zu haben.

Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Integration in zehn Jahren aus?

Das ist eine hoch spekulative Frage. Wenn ich mir die aktuellen Entwicklungen anschaue, die Rolle, die die AfD mittlerweile in der Bundespolitik spielt, die Agendasetzung vieler Medien und wie das Thema Migration mittlerweile von vielen Parteien instrumentalisiert wird, um Wahlkampf zu betreiben, dann befürchte ich, dass der Diskurs immer weiter in eine Richtung verschoben wird, die eine Integration von Geflüchteten enorm erschwert. Die Zivilgesellschaft muss endlich eindeutig Stellung beziehen und dabei Parteigeplänkel überwinden. Es handelt sich um eine Krise der Demokratie. Es geht jetzt darum, dass bis zuletzt allgemein anerkannte Grundwerte verteidigt sowie rassistischen und faschistischen Tendenzen gemeinsam und entschlossen entgegengetreten wird.

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