An ALS erkrankt

Nach tödlicher Diagnose: Familie sucht dringend neue Wohnung

| Lesedauer: 5 Minuten
Die von der unheilbaren Krankheit ALS betroffene Heike Becker (54) und ihr Mann Peter (57) suchen händeringend eine neue ebenerdige Wohnung. Dreimal musste die schwer gehandicapte Frau mit der Drehleiter der Feuerwehr durch ein Fenster im Obergeschoss in die Wohnung transportiert werden.

Die von der unheilbaren Krankheit ALS betroffene Heike Becker (54) und ihr Mann Peter (57) suchen händeringend eine neue ebenerdige Wohnung. Dreimal musste die schwer gehandicapte Frau mit der Drehleiter der Feuerwehr durch ein Fenster im Obergeschoss in die Wohnung transportiert werden.

Foto: Josef Schmidt / WP

Kirchhundem.  Heike Becker aus Kirchhundem ist an ALS erkrankt, musste mehrfach mit der Drehleiter in die Wohnung bugsiert werden. Umzug ist dringend nötig.

Peter Becker (57) ist immer noch aufgebracht, wenn er von dem Telefonat mit dem Ordnungsamt der Gemeinde Kirchhundem berichtet. Die Vorgeschichte: Seine von der heimtückischen Krankheit ALS betroffene Ehefrau Heike (54) war in wenigen Wochen dreimal nach bzw. vor einem Krankentransport mit Hilfe der Drehleiter durch ein Fenster im Obergeschoss ihrer Wohnung bugsiert worden. Daraufhin habe ein Kirchhundemer Ordnungsamtsmitarbeiter ihm am Telefon gesagt, die Drehleiter sei dreimal angefordert worden, obwohl es sich nicht um einen Notfall gehandelt habe. Das sei das allerletzte Mal gewesen. Weiterer schwerer Vorwurf von Peter Becker: „Als ich ihm dann klarmachte, ich hätte ganz andere Sorgen, da meine Frau sterbenskrank sei, hat er gesagt: ,Das ist mir egal.’“ Was ihn derart geschockt habe, dass er sich an die Presse gewandt habe.

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Bürgermeister Jarosz dementiert

Kirchhundems Bürgermeister Björn Jarosz dementierte das am Montag auf Anfrage unserer Redaktion im Beisein des Ordnungsamtsmitarbeiters: „Dass ihm die Situation der Frau egal wäre, hat er nie gesagt. Ganz bestimmt nicht.“

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Zum dreimaligen Einsatz der Drehleiter erklärte Jarosz, das müsse differenziert betrachtet werden. Die Drehleiter sei ein Rettungsgerät nur für den akuten Notfall. Natürlich auch, wenn Menschen in akuten Notsituationen die eigene Wohnung nicht mehr verlassen könnten. Hier gehe es aber um planbare Krankentransporte, und da gelte es, die Wohnsituation der Beckers einzukalkulieren und möglicherweise die Rettungswagenmannschaft zu verstärken. Bei der Rettungsleitstelle sei die Adresse der Beckers jetzt vorgemerkt, so dass die handelnden Einsatzkräfte vorgewarnt seien. Sollte es dennoch erneut zu einer Situation kommen, die als Notfall einzustufen sei, werde auch die Drehleiter wieder eingesetzt. Dass die Drehleiter in keinem Fall mehr zu den Beckers komme, habe der Ordnungsamtsmitarbeiter nicht gesagt.

Tragische Geschichte

Zurück zur tragischen Geschichte der Beckers, die natürlich dringend eine neue, ebenerdige Wohnung suchen.

Peter Becker: „Sie sollte auch deutlich kleiner sein, höchstens 80 Quadratmeter, aber vor allem ebenerdig und alles auf einer Etage. Behindertengerecht wäre ideal.“ 550 bis 600 Euro Kaltmiete sei das Preislimit. Das würde die Transportprobleme lösen. Ein Blick in die derzeitige Wohnsituation reicht, um die Probleme greifbar zu machen. Eine schmale steile Treppe führt vom Hauseingang in die Wohnung der Beckers in der Hundemstraße, und vom ersten Obergeschoss führt auch noch eine enge Wendeltreppe innerhalb der Wohnung zu Schlafzimmer und Bad. „Dort kann ich natürlich nicht mehr hin“, sagt Heike Becker während meines Besuches.

Ihren Leidensweg kann sie mir detailliert schildern. Nicht ohne in Tränen auszubrechen. Aus Verzweiflung über die schreckliche Diagnose, die zunächst nur ihr Mann aus dem Kreisklinikum in Weidenau erhielt und die er seiner Frau dann beibringen musste. „Mein linkes Bein wollte plötzlich nicht mehr, wie ich wollte“, berichtet sie über die ersten Symptome. Damals habe noch niemand geahnt, was dahinterstecke. Die schlimmsten Befürchtungen waren, es handle sich um Vorboten eines Schlaganfalls oder eines Hirntumors. Aber ein 14-tägiger Aufenthalt in einer neurologischen Station habe keine Klarheit gebracht. Magnetresonanz- und Computer-Tomografie (MRT und CT) und viele weitere Untersuchungen hätten zwar Schlaganfall und Tumor ausgeschlossen, aber keine belastbare Diagnose gebracht. „Mittlerweile funktionierte auch das rechte Bein nicht mehr, dann der linke Arm.“ Vor drei Monaten habe sie dann bemerkt, dass ihre Sprache verschwommen klang.

Kreisklinikum Weidenau: Diagnose ALS

Eine erneute gründliche Untersuchung vor wenigen Wochen, dieses Mal im Kreisklinikum Weidenau, u. a. erneut mit CT, MRT und der Entnahme von Nervenwasser, brachte dann schreckliche Gewissheit: Amyotrophe Lateralsklerose, kurz: ALS. Eine unheilbare Krankheit, die unter anderem durch den weltberühmten Astrophysiker Stephen Hawking bekannt wurde, der die Krankheit über 50 Jahre überlebte und 76 Jahre alt wurde. Im Durchschnitt haben Betroffene eine Lebenserwartung von drei bis fünf Jahren.

Leben nur im Wohnzimmer

Mittlerweile spielt sich das Leben von Heike Becker nur noch im Wohnzimmer ab, zwischen Krankenbett und Transporthilfen. Der Weg nach draußen ist ihr versperrt, umgekehrt allerdings auch, was zu den Drehleitereinsätzen führte. Der Grund: Der Besatzung der Krankentransporte, so Peter Becker, sei der Transport mit dem Tragetuch die schmale Treppe herauf bzw. herunter zu risikoreich gewesen. Der Rettungsdienst habe dann die Drehleiter angefordert. Was Thomas Beckmann, der Pressesprecher der Feuerwehr Kirchhundem bestätigt: „Ich kenne die drei Fälle, der Rettungsdienst hatte die Drehleiter angefordert. Und dann unterstützen wir natürlich.“

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