Beziehungskrise

Eheberatung in Olpe: Es geht mehr ums persönliche Glück

Karin Wolf, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin.

Karin Wolf, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin.

Foto: Verena Hallermann

Kreis Olpe.   Karin Wolf ist Ehe-, Familien- und Lebensberaterin. Sie erklärt, mit welchen Problemen Paare heute kämpfen

Dass sich zwei Menschen trennen ist heute keine Seltenheit mehr. Sei es nach einer langen Partnerschaft oder einer Ehe – irgendwann kommt der Punkt, wo die Beziehung hinterfragt wird. Bin ich wirklich glücklich? Ist es das, was ich mir für mein Leben brauche? Die Katholische Ehe-, Familien-Lebensberatung Siegen/Olpe berät Menschen in solchen Situationen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Ehe-, Familien- und Lebensberaterin Karin Wolf, warum das Streben nach dem persönlichen Glück immer wichtiger wird.

Mit welchen Problemen wenden sich Paare an Sie?

Karin Wolf: Das sind ganz klassische Beziehungsprobleme. Uneinigkeit beim Thema Kindererziehung oder Probleme in der Kommunikation zum Beispiel. Manchmal hat einer der beiden auch das Gefühl, dass sein Partner ihn im Kontakt mit der Ursprungsfamilie nicht gut vertritt. Oder wenn ein Kind kommt, das stellt die Welt auf den Kopf. Wenn das Paar merkt, dass seine Vorstellungen doch nicht so gut zusammenpassen, wenn zu viele Unterschiedlichkeiten auftauchen, der eine den anderen vielleicht nicht ernst genug nimmt. Aber auch alles, was mit Übergängen zu tun hat und dementsprechend Veränderungen mitbringt wie Hausbau, Umzug oder Krankheit.

Aber hat sich das verändert? Also sind die Probleme bei Paaren heute anders als damals?

Die Arbeitswelt hat sich verändert. In der Regel sind beide Partner erwerbstätig. Vieles muss erledigt werden. Das hat natürlich auch Einfluss auf den Alltag der Paare und sorgt für andere Probleme. Auch die Digitalisierung spielt eine Rolle. Zum Beispiel in der Kommunikation. Ständige Erreichbarkeit ist ein Aspekt. Aber es wird heute auch viel weniger in einer Face-to-Face-Situation besprochen. Viel läuft über Messengerdiensten wie WhatsApp.

Ist das denn schlecht?

Das funktioniert natürlich auch. Aber das kann zwischen den Zeilen zu Missverständnissen führen, die nicht geklärt werden, weil man sich in der Situation nicht gegenüber sitzt.

Nehmen wir mal an, ich komme mit meinem Partner und meinen Problemen zu Ihnen. Wie können Sie mir helfen?

Das ist sehr individuell. Als erstes geht es darum, einen Raum zu öffnen. Die Dinge beim Namen nennen, herausfinden, was wirklich das Problem ist. Paare, die zu mir kommen, haben häufig schon über einen langen Zeitraum selbst versucht, eine Lösung zu finden und sind aber an einem Punkt, wo sie merken, jetzt braucht es Hilfe von außen. Dann ist es gut, wenn es einen Raum gibt, wo im Beisein eines Dritten, das Problem beschrieben werden kann. Jeder der Partner kann in diesem Moment seine Sicht der Dinge schildern, ohne das eine Wertung erfolgt. Und beide bekommen die gleiche Aufmerksamkeit.

Das heißt, sie schlüpfen in die Rolle einer Moderatorin?

Der Begriff gefällt mir an dieser Stelle nicht. Ich sehe mich eher als Gesprächsbegleiterin. Das Paar bringt die Themen ein und ich nehme, zumindest am Anfang, die Fäden in die Hand, weil ich ja die Thematik erstmal verstehen möchte . Ich höre mir die Paargeschichte an. Wie sind sie überhaupt ein Paar geworden? Die Menschen sind geprägt durch die Erfahrungen, die sie miteinander gemacht haben. Es ist ganz gut, wenn man sich an den Anfang erinnert und sich fragt, was hat uns eigentlich zusammengeführt? Es geht darum, die Geschichte des Paares zu verstehen.

Und auch darum, das Paar an ihre positiven Erlebnisse zu erinnern. Oder verstehe ich das falsch?

Ja, genau.Das Paar soll sich damit auseinandersetzten, was sie gut meistern oder gut gemeistert haben. Was sind die Dinge, die sie verbinden? Wo machen sie positive Erfahrungen miteinander? Letzteres ist ein ganz kritischer Punkt. Wenn das nicht mehr funktioniert wird vieles infrage gestellt.

Und dann? Wie können Sie dem Paar dann noch helfen?

Wir beraten natürlich ergebnisoffen. Manchmal ist eben eine Trennung die beste Lösung. Ansonsten besprechen wir mit den Paaren, was hilfreich ist in so einer Situation. Beispielsweise Gelegenheiten schaffen, um gemeinsam positive Erfahrungen zu machen. Wenn das möglich ist, das hängt aber von der Situation ab, in der das Paar steckt. Bei einem hoch strittigen Paar wird erstmal geschaut, warum sie überhaupt streiten, damit sie das verstehen. Wenn viel Streit da ist, muss dieser entschärft werden, damit wieder ein Gespräch möglich ist. Man muss den Kreislauf verstehen. An welcher Stelle entsteht die Eskalation und warum, das muss geklärt werden. Vielleicht, weil der eine nicht mehr zuhört. Oder sich immer zurückzieht und schweigt, sobald ein Konflikt auftaucht.

Also zurückziehen ist eine ganz schlechte Idee?

Wir bewerten das nicht. Klassische „No Gos“ gibt es nicht. Manchmal ist es einfach notwendig, sich zurückzuziehen. Aber die Gründe müssen eben geklärt werden. Denn das wird einen guten Grund haben. Mir fällt ein Paar ein, das ganz klar definiert hat, was es braucht. Die beiden sagen, dass eine Beziehung Vertrauen, Gespräche, Emotionen und Sexualität braucht. Doch es gelingt ihnen nicht, das ihrer Vorstellung gemäß zu leben. Nun geht es in der Beratung darum, ihre eigene Beziehung in den Blick zu nehmen und eine Bestandsaufnahme zu machen und eine eigene Beschreibung zu finden. Eben die eigene Beziehung zu betrachten und zu merken, dass manche Idealvorstellung existiert, die dem Paar und den Einzelnen nicht entspricht. So kommen sie zu ihrem eigenen Bild ihrer Beziehung.

Das heißt, Ziel ist es, sich als Paar neu zu erfinden?

Es geht um jeden einzelnen und seine Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Paarbeziehung. Wir Menschen sind auf Beziehung und Bindung angewiesen. Von klein auf. Daran ändert sich im Erwachsenenalter nichts.

Aber ist nicht grade dieses Bedürfnis nach Bindung irgendwie ins Wanken geraten?

Heutzutage existiert ein Bild, das sagt, ich darf mich bloß nicht in eine Abhängigkeit begeben. Es wird uns eingeredet, dass man ganz individualistisch alleine klar kommt. So sind wir Menschen aber nicht gestrickt. Wir sind auf Bindung und Beziehung angewiesen. Aber wir suggerieren uns manchmal, das wir das nicht brauchen. Und wenn ich mich genug anstrenge, komme ich auch klar. Aber im Grunde stimmt das nicht.

Es gibt aber Menschen, die ganz klar sagen, dass sie zu einer Beziehung nicht fähig seien...

Es gibt natürlich auch sowas wie Bindungsangst. Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass nicht jeder die gleiche Bindungserfahrung mitbringt. Vielleicht habe ich in meinen früheren Beziehungen die Erfahrung gemacht, dass ich enttäuscht werde, wenn ich mich auf Nähe und Bindung einlasse. Und wenn ich diese Erfahrung häufig gemacht habe, werde ich erstmal wenig Vertrauen aufbringen können.

Würden Sie denn sagen, dass sich Paare heute schneller trennen?

Nein, das würde ich nicht sagen. Die Beziehung wird nur stärker mit dem eigenen Glück verknüpft. Das hat sich im Vergleich zu früheren Generationen verändert. Früher war Beziehung wesentlich stärker mit dem Aspekt der Versorgung verknüpft. Heute geht es um die Sorge, wenn ich bei meinem Partner bleibe, reicht das für mein Glück wirklich aus?

Das heißt, wir hinterfragen mehr?

Genau, wir hinterfragen mehr. Dabei geht es um die Idealvorstellungen. Klein-Familie, glücklich sein, toller Job, Familie und Beruf unter einen Hut bringen, tolle Kinder. Und wenn da was nicht ganz stimmt, fragt man sich, was mache ich bloß falsch, dass mir das nicht gelingt.

Aber ist das denn jetzt falsch, das eigene Glück in den Fokus zu nehmen?

Es ist gut, wenn man sein eigenes Glück ernst nimmt. Ich möchte das gar nicht bewerten, sondern verstehen, warum dieses Glücksstreben grade da ist. Man muss aufpassen, dass man sich da nicht selbst zu sehr einengt.

Wer sind die Leute, die zu Ihnen kommen?

Die meisten, die hier hinkommen, sind so zwischen 40 und 50 Jahren alt. Uns ist auch ganz wichtig, dass junge Familien zu uns kommen, die Kinder haben. Denn Probleme in der Beziehung wirken sich stark auf die Kinder aus. Es ist ein kostenfreies Angebot, das jedem zugänglich ist, unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Und das wird stark genutzt. 2018 haben 1905 Beratungsstunden stattgefunden, 792 in der Außenstelle in Olpe. Rund 900 Paargespräche haben stattgefunden. Weitere Stunden waren Einzelberatungen, Familiengespräche und Gruppenarbeit.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten bei der katholischen Ehe-, Familien-Lebensberatung?

Wir sind vier Beraterinnen, eine Beraterin in der Weiterbildung und eine Sekretärin an den Standorten Siegen und Olpe. Alle haben ein pädagogisches Grundstudium und die Weiterbildung zur Ehe-, Familien- und Lebensberaterin absolviert.


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