Verlust

„Er war doch erst 7“: Die traurige Geschichte einer Mutter

Jeden zweiten Tag geht Julia auf den Friedhof. Und immer begleitet sie diese eine Frage: Warum nur? Warum mein Sohn?

Jeden zweiten Tag geht Julia auf den Friedhof. Und immer begleitet sie diese eine Frage: Warum nur? Warum mein Sohn?

Foto: Verena Hallermann

Olpe.   Julia H. hat ihren Sohn verloren. Gabriel ist sieben Jahre alt, als er stirbt. Ein Hirntumor. Warum nur? Warum das eigene Kind?

Er wäre jetzt zwölf Jahre alt. Diesen Monat hätte er seinen Geburtstag gefeiert. Vielleicht mit Freunden, seinen Geschwistern – einer Torte, auf der er die Kerzen auspusten und sich etwas wünschen kann. Doch Gabriel * ist tot. Gestorben an einem seltenen Hirntumor. Wieso nur? Eine Frage, die sich seine Mutter Julia H.* heute noch stellt. Sie sitzt in ihrem Sessel in ihrer Wohnung in Olpe, ihr jüngstes Kind schlummert friedlich in der Wiege neben ihr. Dann beginnt sie zu erzählen. Über diesen Schatten. Dieser Schatten, der in dem Kopf ihres Sohnes wuchs. Dieser Schatten, der mit seinen Klauen noch immer nach ihrer Seele greift.

Die Diagnosen

Ihre Geschichte beginnt im Jahr 2011. Drei Jahre sind vergangen, seit sie sich von ihrem Mann getrennt hat. Ihr Sohn Gabriel ist grade fünf Jahre alt. Ein aufgewecktes Kind. Doch da sind immer wieder diese Kopfschmerzen. Gabriel verhält sich seltsam. Manchmal ist er wie abwesend, kaum ansprechbar. Die 35-jährige Mutter macht sich Sorgen. Sie geht mit ihm zum Arzt. Nicht nur einmal. Etliche Untersuchungen folgen. Bestimmt 20 Mal wird dem Kind Hirnwasser entnommen. Diagnosen werden gestellt. Hirnhautentzündung heißt es, Borreliose heißt es. Ja, das CT zeigt einen Schatten am Kleinhirn. Aber das sei harmlos. „Ich sollte mir keine Sorgen machen“, sagt Julia H. „Wegen dieses Schattens sollte ich mir keine Sorgen machen.“

Eineinhalb Jahre werden Diagnosen gestellt. Gabriel bekommt Antibiotika. Doch sie helfen nicht. Jetzt wird er sogar auf tropische Krankheiten untersucht. Vergeblich. Die Abstände seiner Verhaltensauffälligkeiten werden kleiner. Es geht ihm so schlecht, dass er nicht mehr in den Kindergarten gehen kann. Als er dann ins Krankenhaus kommt, kann er nichts mehr. Nicht reden, nicht aufstehen. Julia H. ist verzweifelt. Nun wird wieder ein CT gemacht. Und ja, da ist er wieder, dieser Schatten. Eine Biopsie folgt. Das heißt, es wird dem Kind Gewebe aus dem Hirn entnommen. Und untersucht. Das Ergebnis liegt im Januar 2012 vor.

Es ist ein Montag. Julia H. erinnert sich noch gut. Die Worte des Arztes. Hirntumor. Ein sehr seltener. Grade mal bei vier Kindern in Deutschland bekannt. „Ich dachte, ich wäre im falschen Film“, sagt die Mutter. „Man hatte mir doch immer wieder gesagt, ich müsse mir keine Sorgen machen.“

So unwirklich, nicht greifbar ist die Zeit danach. Julia H. gibt die Hoffnung nicht auf. Er muss doch eine Chance bekommen, ein kleines Kind soll doch nicht sterben müssen. Die Mutter stimmt einer Chemotherapie zu. Und tatsächlich, zunächst scheint diese anzuschlagen. Der Tumor bildet sich zurück. Aber es kommt anders. November 2013 wird Gabriel entlassen. Palliativ entlassen. Der Junge darf zurück nach Hause.

Der Tod

Julia H. spricht mit ihrem Sohn nicht über seine Krankheit. Etwas hindert sie daran. Wie eine Blockade. Doch der Kleine weiß Bescheid. „Irgendwann sehen wir uns wieder“, sagt er zu seiner Mama. Manchmal hat er auch davon geredet, wie der liebe Gott ihn besucht hat und ihn mitnehmen wollte. Doch je mehr der Tumor auf den Hirnstamm drückt, desto schlechter geht es ihm. Nein, nein, das alles darf nicht sein. Julia H. erkundigt sich nach Alternativtherapien. Im Schwarzwald wird sie fündig. Ihr kleiner Schatz bekommt hochdosiertes Vitamin C. Es hilft nicht. Urlaub wird geplant. Das hat er sich gewünscht. Nochmal ans Meer. „Am letzten Tag war mir schon klar, wenn wir zuhause sind geht es bergab“, weiß die Mutter noch. Und so kam es.

Die Krampfanfälle werden schlimmer. Er isst kaum noch, erbricht, wenn er es versucht. Sieben Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus stirbt er. Zuhause bei seiner Familie. Friedlich. März 2014. Eine Junge von sieben Jahren.

Das Danach

Jeden zweiten Tag besucht Julia H. sein Grab. Wie er heute wohl aussehen würde? Was wohl aus ihm geworden wäre? Der Schmerz ist ihr ständiger Begleiter. „Je mehr Jahre vergehen, umso schlimmer wird es“, sagt die 35-Jährige. „Man funktioniert nur noch. Auch für seine Kinder. Aber man ist nicht mehr die, die man war. So wie es früher war, wird es nie wieder werden.“

Ihr Umfeld hat ihr den Abschied nicht leicht gemacht. Warum hat sie denn auch dieser Chemotherapie zugestimmt? Das Kind war doch ohnehin schon so schwach. Schuldzuweisungen.

Sie arbeitet noch immer an ihrem Weg zurück in den Alltag. Mittlerweile hat sie in einer Selbsthilfegruppe Halt gefunden. Es hilft ihr, sich mit anderen auszutauschen, die ähnliches erlebt haben. Sie ist wieder Mutter geworden. Auch, weil sich Gabriel ein Geschwisterchen gewünscht hatte. Und dennoch: Es ist ein hartnäckiger Schatten, der sich um ihre Seele gelegt hat. So wie einst in Gabriels Kopf.

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