Professor Hesse zum Botschafter der Schach-Olympiade ernannt

Expedition durch die Welt der Zahlen und Zufälle

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Der aus Neu-Listernohl stammende Christian Hesse, Professor für Stochastik in Stuttgart, ist Botschafter der nächsten Schach-Olympiade.

Von Hubertus Heuel

Neu-Listernohl.Er lehrt Stochastik, die Mathematik des Zufallsgeschehens, an der Universität Stuttgart. Und er ist einer von nur fünf internationalen Botschaftern der am Ende dieses Jahres stattfindenden Schacholympiade. Für Christian Hesse (47) gehört beides ohnehin zusammen: „Zwischen Mathematik und Schach bestehen ganz enge Beziehungen.”

Dem Mathematik-Professor, der in Neu-Listernohl aufwuchs und vor gut 20 Jahren am Rivius-Gymnasium in Attendorn sein Abitur baute, liegt es am Herzen, diese Beziehungen über die Fachgrenzen von Mathematik und Schach hinaus zu tragen. Vor einem Jahr ist sein Buch „Expeditionen in die Schachwelt” erschienen, das der Wiener Standard als „eines der geistreichsten und lesenswertesten Bücher, die je über das Schachspiel verfasst wurden”, bezeichnete.

2008 ist das Jahrder Mathematik Wir schreiben 2008, das Jahr der Mathematik. Dieses vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung ausgerufene Jahr soll den Dialog zwischen Mathematik und Öffentlichkeit fördern. Ganz im Sinne von Christian Hesse, für den die Welt der Zahlen eine ästhetische Qualität besitzt: „Stochastik ist schön”, behauptet er. Der Stochastiker versucht, jenen Phänomenen, bei denen der Zufall eine große Rolle spielt, auf die Spur zu kommen: den Schwankungen der Börsenkurse, den Lottozahlen, dem Würfelspiel. Zwar kann Christian Hesse nicht vorhersagen, welche Lottozahlen am Wochenende gezogen werden oder welchen Wert der DAX in 14 Tagen einnimmt, aber: „Es gibt eine Gesetzmäßigkeit im Zufallsgeschehen. Der Zufall ist nicht regellos.” Das Gesetz der Großen Zahlen besagt zum Beispiel, dass beim Würfeln immer ein durchschnittlicher Augenwert von 3,5 herauskommt, je öfter man würfelt: „Niemand kann prophezeien, welche Zahl beim nächsten Wurf oben liegt. Aber wenn man tausend Mal würfelt, erhält man so gut wie sicher ein Mittel von 3,5.”

Schach ist Geistund Leidenschaft Wenn er genug hat von Zufällen, Zahlenreihen und Wahrscheinlichkeiten, spielt Christian Hesse Schach. Dann taucht er ab in die geregelte Welt dieses Brettspiels mit seinen schier unendlich scheinenden Kombinationen und Mustern. „Schach bedeutet Geist und Leidenschaft”, so Hesse. „Nach einer halben Stunde bin ich regeneriert.” Schon als Kind, im Haus seiner Eltern am Ahorn in Neu-Listernohl, hat ihn das Spiel gepackt. 1972 verfolgte der kleine Christian den legendären WM-Kampf zwischen dem Amerikaner Bobby Fischer und dem Russen Boris Spasski, das Match des Jahrhunderts: „Seitdem spiele ich Schach.” Heute will er seine Leidenschaft weitergeben, nicht nur an seine eigenen Kinder. Hesse begleitet an Hamburger Schulen das Projekt „Schach statt Mathe”, bei dem eine Unterrichtsstunde pro Woche mit Schachspielen ausgefüllt wird: „Schach ist ein gutes pädagogisches Hilfsmittel”, so Hesse. „Schach fördert das logische Denken, die schöpferische Phantasie und überhaupt den Intellekt.” Mathematiker sind ja fast zwangsläufig Philosophen. Der Sauerländer Christian Hesse macht da keine Ausnahme. Er weiß zwar, dass es mathematische Gesetze gibt, aber warum es sie gibt, weiß er nicht: „Das hängt mit der theoretischen Struktur unseres Universums zusammen. Eine philosophische Frage.” Und auf philosophische Fragen gibt es bekanntlich keine endgültigen Antworten.

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