Inklusion

Fast alle Gymnasien nehmen keine neuen Inklusionsschüler auf

Symbolbild.

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Foto: Holger Hollemann

Kreis Olpe.   Grund ist ein Erlass aus dem Ministerium, der Inklusion an Gymnasien einschränkt. Im Kreis Olpe ist das Rivius-Gymnasium zurzeit eine Ausnahme.

Lernbehinderte Kinder werden seit einigen Jahren auch an Regelschulen unterrichtet. Das Gesetz zur schrittweisen Inklusion wurde in NRW ab dem Schuljahr 2014/2015 umgesetzt. Doch nun gibt es einen neuen Erlass aus dem Ministerium. Demnach sollen Kinder mit geistigem Handicap (zieldifferenzierte Inklusion) in der Regel nicht mehr an Gymnasien unterrichtet werden. Aber es gibt Ausnahmen. Wie reagieren die Gymnasien im Kreis Olpe? Unsere Zeitung hat bei den Schulleitern nachgehört.

Das Städtische Gymnasium in Olpe (SGO) nimmt ab Sommer keine geistig- oder lernbehinderte Kinder mehr auf. Damit setzt die Schule den Erlass des Landes um, der die Inklusion an Gymnasien stark einschränkt. Nur Kinder mit Handicap, die tatsächlich für das Abitur in Frage kommen, sollen dort unterrichtet werden. Andere Schüler sollen an den Sekundarschulen aufgenommen werden. Zumindest, wenn diese auch ausreichend Kapazitäten haben. Und das ist im kommenden Schuljahr in Olpe der Fall. „Damit sind wir erstmal außen vor“, erklärt Holger Köster. „Aber wer weiß, wie es in zwei, drei Jahren aussieht. Wir haben mit unseren Sonderpädagogen ein gutes Konzept aufgebaut.“

Köster hat Sorge, in Zukunft wieder bei Null anfangen zu müssen, sorgt sich um die pädagogische Kontinuität. Denn Ziel des Erlasses ist es, Sonderpädagogen langfristig zu bündeln. Wenn die Sekundarschule in den nächsten Jahren nicht alle Kinder aufnehmen kann (drei Schüler pro Zug), werden diese wieder am SGO unterrichtet. Derzeit sitzen dort etwa 20 Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen in den Klassen 5 bis 8. Diese Kinder werden auch bleiben. Das heißt auch, dass die Sonderpädagogen (zunächst) bleiben. Neue Kinder werden aber erstmal nicht mehr aufgenommen. „Das ist auch eine unbefriedigende Situation für die Eltern“, fügt Köster hinzu.

Brigitta Pieters (Gymnasium der Stadt Lennestadt) macht keinen Hehl daraus, dass der Tatsache, im kommenden Schuljahr keine Inklusionsschule mehr zu sein, auch Positives abgewinnen kann: „Wir haben jetzt die Möglichkeit, Ressourcen, die durch die Inklusion gebunden worden sind, anders zu nutzen. Zum Beispiel in der Förderung der Spitzen.“

Dabei geht es ihr ausschließlich um die zieldifferente Inklusion, nicht um die zielgleiche: „Die haben wir immer betrieben, die ist überhaupt kein Problem, die haben wir ja auch immer gehabt.“ Das größte Problem aus Sicht der Schulleiterin war die Tatsache, dass die Inklusion zieldifferenter Schüler eine hohe Anzahl von Lehrerstunden gebunden hat, da die Zahl der zur Verfügung stehenden Sonderpädagogen zu gering war: „Das Land musste da eine Mangelverwaltung betreiben.“

Aber wie sieht es an den Privaten Gymnasien aus? Der neue Erlass aus dem Ministerium betrifft nur die staatlichen Schulen. Das ist aber nichts Neues.

Private Schulen haben ohnehin andere Vorgaben. So können sie sich auch im Bereich der Inklusion individuell aufstellen. „Im Gespräch wird mit den Eltern entschieden, ob man den Anforderungen und täglichen Bedarf des Kindes gerecht werden kann“, erklärt Jan Fabian Borys, Schulleiter des Gymnasiums Maria König in Lennestadt. An der katholischen Schule in freier Trägerschaft werden zurzeit zwei Sonderpädagogen beschäftigt. Seit Jahren werden dort mehrere Kinder mit sonderpädagogischem Förderungsbedarf betreut, teilt Borys mit. Ähnliches berichtet auch Friedhelm Scholl, stellvertretender Schulleiter der St.-Franziskus-Schule Olpe.

Exklusion auf hohem Niveau

Markus Ratajski (St.-Ursula-Gymnasium Attendorn) bezweifelt, dass sich die Rahmenbedingungen für einen zieldifferenten Unterricht von Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf an einem Gymnasium realisieren lassen. „Die Schule übernimmt“, so Ratajski, „eine sehr hohe Verantwortung für die Kinder, der sie nicht gerecht werden kann, wenn die Voraussetzungen nicht stimmen. Dafür müssten ganz andere personelle und auch räumliche Voraussetzungen geschaffen werden. Tut man das nicht, wäre das Exklusion auf einen sehr hohen Niveau.“

Ratajski übt in diesem Zusammenhang Kritik an der letzten Rot-Grünen Landesregierung: „Das war in diesem Zusammenhang Schulpolitik nach der Devise: Wir wissen zwar nicht wie, aber wir machen das jetzt. Das ist verantwortungslos.“ So, wie Inklusion betrieben worden sei, habe das etwas von einem Schulversuch mit Kindern: „Das ist verantwortungslos.“

Das einzige Gymnasium im Kreis Olpe, an dem auch im kommenden Schuljahr Kinder für einen zieldifferentem Unterricht aufgenommen werden, ist das Rivius-Gymnasium in Attendorn. Die dreizügige Sekundarschule der Hansestadt wird absehbar nicht den kompletten Bedarf abdecken. „Wir nehmen die Aufgabe an“, sagt Schulleiter Rudolf Hermanns, „und wir werden uns um die Kinder bemühen.“ Er verweist allerdings darauf, „dass die Schere zwischen den Ansprüchen der Kinder mit zunehmendem Alter immer dramatischer auseinander klafft. Und das merken die Kinder auch.“ Man könne darüber diskutieren, ob man ihnen damit einen gefallen tue.

Hintergrund:

Im Juli 2018 hat das Bildungsministerium NRW die Neuausrichtung der Inklusion beschrieben: „An Gymnasien wird sonderpädagogische Förderung i.d.R. zielgleich stattfinden; zieldifferente Förderung soll für ein Gymnasium eine freiwillige Entscheidung sein.“

Diese freiwillige Entscheidung wird, wie im Fall des Rivius-Gymnasiums, eingeschränkt durch die Vorgabe, dass an Schulen der Sekundarstufe I die Inklusionsformel: 25 – 3 – 1,5 gilt. Das heißt: Die Schulen nehmen so viele Schüler auf, dass sie Eingangsklassen mit 25 Schülern bilden, davon drei Inklusionskinder. Für jede dieser Klassen erhält die Schule eine halbe zusätzliche Stelle. Da die Attendorner Sekundarschule dreizügig ist, kann sie maximal neun Inklusionsschüler aufnehmen und somit den Bedarf in der Hansestadt nicht decken.

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