Ausbildungsserie

Firma Viega Attendorn: Ausbildung zum Oberflächenbeschichter

Ricarda Weilandt macht eine Ausbildung zur Oberflächenbeschichterin bei der Firma Viega.

Ricarda Weilandt macht eine Ausbildung zur Oberflächenbeschichterin bei der Firma Viega.

Foto: Riem Karsoua / WP

Attendorn.  Ricarda Weilandt ist 24 Jahre alt und macht bei der Firma Viega eine Ausbildung zur Oberflächenbeschichterin. So sieht ihre Arbeit aus.

Von der Leiharbeiterin zur Auszubildenden: Ricarda Weilandt ist 24 Jahre alt und hat einen außergewöhnlichen Berufsstart hinter sich: Nach ihrem Realschulabschluss ging sie als Leiharbeiterin zur Firma Viega. Ihre Aufgabe: zu verchromende Gegenstände zum Beschichten auf Gestelle hängen und nach dem Beschichtungsvorgang wieder abnehmen. Eine Ausbildung in dieser Firma zu beginnen, war eigentlich nicht Teil ihres Plans. „Während meiner Arbeit habe ich mich jedes Mal gefragt, was genau mit den Teilen, die als Chromteile wiederkamen, passiert“, erzählt die 24-Jährige. Das Interesse war so groß, dass sie sich dafür entschieden hat, auch einmal hinter die Kulissen zu blicken.

Nach einem Praktikum begann die 24-Jährige eine Ausbildung zur Oberflächenbeschichterin. Heute ist sie in ihrem zweiten Ausbildungsjahr. Für Weilandt, aber auch für viele andere Schüler, ist diese Berufsbezeichnung nahezu nichtssagend. „Ich glaube, ich wäre niemals auf diesen Beruf gekommen, wenn meine Tätigkeit als Leiharbeiterin nicht meine Neugier geweckt hätte“, gesteht sie.

Die Aufgaben

Ricarda Weilandt beginnt ihre Arbeit bereits morgens um 6 Uhr. Dann steht für sie zunächst die Schichtübergabe auf der Tagesordnung. Ihre Hauptaufgabe ist es, die Bäder, die für den Beschichtungsprozess erforderlich sind, instandzuhalten und zu kontrollieren. In der großen Produktionshalle bei Viega in Elspe stehen mehrere Beschichtungsanlagen. Eine Metalltreppe führt nach oben zu diesen Anlagen. Hier ist der Arbeitsplatz der Auszubildenden. Doch bevor es nach oben geht, muss sich Weilandt gut schützen. Aus ihrer Hosentasche nimmt sie eine Schutzbrille anschließend geht sie am Geländer entlang zu den Chrom-Bädern.

„Die Kunststoffteile, die wir herstellen, sind nicht elektrisch leitfähig. Das heißt, dass sie erst einmal mit verschiedenen Elektrolyten vorbehandelt werden müssen, um die Leitfähigkeit herzustellen.“

Die erste Beschichtung erfolgt im Kupferbad. Dort muss Ricarda Weilandt überprüfen, ob die Konzentration der Chemikalien stimmt. Gerade bei den Nickelbädern muss sie stets die pH-Werte sowie die Temperaturen im Blick behalten. „Wenn sich Fehler an den Anlagen ergeben, sind wir dafür zuständig, diese zu beheben“, erklärt sie. Schleichen sich Fehlerbilder wie zum Beispiel „kleine Pickel“ ein, ist es ihre Aufgabe, den Fehler zu finden. „Zuerst schaue ich, woher dieser Fehler kommen könnte. Danach schließe ich mögliche Ursachen aus, um am Ende das Problem zu finden.“

Diese Rückverfolgung verläuft meist am Computer. Liegen größere Fehler vor, ist dann aber doch Handarbeit gefragt: „Wenn der Kupferanteil zu gering ist, dosieren wir die Menge manuell nach.“ Für sie eine Aufgabe, die jeden Arbeitstag anders macht. „Das Besondere an diesem Beruf ist, dass er sehr abwechslungsreich ist. Ich liebe es, den Sachen auf den Grund zu gehen und zu schauen, was gerade nicht richtig läuft“, sagt die 24-Jährige.

Am Montag steht nach der Schichtübergabe das Reinigen der Beizen an. „Das garantiert, dass die Beize – eine verstärkte Chromsäure – auch richtig funktioniert. Dienstag geht es dann an den Chromgehalt. Da wird überprüft, ob noch genügend Chemikalien für den Beschichtungsprozess enthalten sind. „Anschließend schauen wir, welche Gestelle noch gut sind, welche beschädigt sind und ersetzt werden müssen“, erklärt sie. Am Mittwoch kommt ein Lieferant, der die beschädigten Gestelle mitnimmt und neue liefert.

Weilandt sagt ganz klar: „Wer Spaß an Chemie hat und sich dafür interessiert, wie etwas miteinander reagiert, ist hier genau richtig. Wer schon früher in der Schule das Fach Chemie gemocht hat, der kann hier das theoretisch Erlernte praktisch umsetzen.“

Der schulische Teil

Zweimal im Jahr geht es für die Auszubildende für sieben Wochen in die Schule nach Solingen. Dort hat sie zwar auch Fächer wie Deutsch, Mathe, Englisch und Sport, aber auch berufsspezifische Fächer, in denen sie lernt, wie man die Parameter richtig einstellt und berechnet. Gerade Mathe sei in diesem Berufsfeld besonders wichtig, da es viel mit Oberflächenberechnung zu tun hat. In den letzten beiden Wochen wird das erlernte Wissen schriftlich geprüft. Für Auszubildende im zweiten Lehrjahr stehen dann die Zwischenprüfungen an.

Am Ende der dreijährigen Ausbildung erstellen die Auszubildenden ein Prüfungsstück, das sie händisch galvanisieren müssen. Da es bei Viega nur maschinelle Beschichtungsanlagen gibt, ist Viega mit der Firma Dornbracht eine Kooperation eingegangen. „Die Auszubildende geht für knapp drei Wochen zu Dornbracht und lernt dort die händische Beschichtung, um auf ihre Abschlussprüfung vorbereitet zu werden“, erklärt der Ausbildungsverantwortliche Robin Bloeink.

Beruf im Wandel

„Der Beruf ist nicht von der Digitalisierung bedroht“, macht Bloeink deutlich. „Die Funktionen und die Überwachung der Bäder werden durch Digitalisierung lediglich unterstützt.“ Sobald es in den Bädern Schwankungen gibt, könne man diese direkt nachvollziehen, erklärt er weiter. Wieviel und vor allem welche Zusätze bei Abweichungen hinzugefügt werden müssen, basiert jedoch ausschließlich auf dem Fachwissen der Mitarbeiter und dieses könnte auch in naher Zukunft nicht durch eine Maschine ersetzt werden. „Selbst das Beladen der Träger muss von Hand gemacht werden, weil es aktuell keinen Roboter gibt, der in der Lage ist, die Teile so zu stecken, dass die Kontaktstelle richtig ist“, erklärt Bloeink. Dass es irgendwann einmal einen Fortschritt geben wird, bezweifelt er aber nicht. „Die Facharbeiter, die auf die Zusätze der Chemikalien achten und die Analysen im Labor machen, sind trotzdem nicht so einfach zu ersetzen.“ Ausbildungsleiter Ulrich Schmidt ergänzt: „Ein Computer kann zwar sagen, dass beispielsweise ein pH-Wert falsch ist, woran es letztendlich liegt, müssen aber die Mitarbeiter selbst herausfinden.“

„Früher hieß der Beruf Galvaniseur“, erklärt Schmidt. „Heute heißt er Oberflächenbeschichter, weil auch andere Verfahren hinzugekommen sind.“ Damals ging es überwiegend um die chemische Oberflächenveredelung. Dadurch, dass weitere Verfahren hinzugekommen seien und man heutzutage unter anderem auch Kunststoffe beschichtet, habe sich das Berufsfeld erweitert und decke damit ein breiteres Spektrum ab, erklärt der Ausbildungsleiter. „Früher gab es nicht so viele Teile aus Kunststoff, heute hingegen wird fast alles aus diesem Material gemacht“, erklärt Bloeink.

„Die Arbeitswelt wandelt sich ja generell. Es geht um Unterstützung und Entlastung, aber nicht um einen totalen Austausch, wie es oftmals beschrieben wird“, erzählt Schmidt. Bloeink fügt hinzu: „Durch die Digitalisierung werden immer mehr Daten erfasst. Das geht schon so weit, dass man Uhrzeit, Witterungsbedingungen und Temperatur in der Halle feststellen kann, um herauszufinden, wann welcher Fehler vermehrt auftritt.“ Und genau da sieht Bloeink den großen Wandel in der Zukunft: „Je mehr Digitalisierung, desto mehr Zahlen, Daten und Fakten, die man in alle Arbeitsschritte miteinfließen lassen kann. Noch sind es die erfahrenen Mitarbeiter, die ganz genau wissen, welche Auswirkungen bestimmte Faktoren haben. Und das ist es, was sie unersetzbar macht.“

Nach ihrer Ausbildung hat Ricarda Weilandt die Möglichkeit ihren Techniker oder Meister zu machen.

Um jedoch eine Ausbildung bei der Firma Viega antreten zu können, sei es wichtig, die richtige Einstellung zur Ausbildung, zur Firma und zum Leben mitzubringen. „Nur damit kann man die beruflichen Anforderungen auch erfüllen. Man sollte das nötige Interesse mitbringen und auch gewillt sein, etwas zu lernen“, erklärt der Ausbildungsleiter. Gute Noten in den Fächern Chemie und Mathe seien sehr von Vorteil. „Das ist der Vorteil unseres dualen Ausbildungssystems: Die Schule unterstützt dabei, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden.“ Für den Ausbildungsverantwortlichen spielen Noten deshalb nur eine Nebenrolle. „Wir versuchen in den Bewerbungsgesprächen herauszufinden, ob die Bewerber für diesen Beruf geeignet sind“, so Bloeink. „Offenheit und eine positive Grundeinstellung sind bei den Bewerbern entscheidend. Dabei ist das Geschlecht unerheblich. Auch Frauen können technische Berufe sehr gut erlernen. Die Bewerber müssen insgesamt einfach zur Firma Viega passen“, erklärt Schmidt.

Ein Vorzeigebeispiel

Ein Vorzeigebeispiel sei auch die 24-Jährige. An ihrem Werdegang erkenne man, dass sie sich bewusst für diese Ausbildung entschieden habe. „Wenn wir merken, dass sich die Kandidaten mit der Arbeit identifizieren, dann sagt die Einstellung meist mehr aus als die Schulnoten“, findet Bloeink.

Ricarda Weilandt ergänzt: „Das Gute ist, dass man in der Schule bei Null anfängt. Gerade in der Chemie werden keine Vorkenntnisse erwartet.“ „Wer Lust auf Chemie und Experimente hat, ist in diesem Beruf genau richtig“, erzählt Robin Bloeink. Doch gerade bei Frauen scheint der Beruf nicht sehr beliebt zu sein. Ricarda Weilandt ist sowohl in der Schule als auch in der Firma die einzige weibliche Auszubildende in diesem Beruf. Woran das liegt, weiß sie nicht genau. Sie beweist jedoch: „Den Beruf schaffen auch Frauen!“

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