Motorrad

Für Straße zu schnell: Motorradfahrer wechselt auf Rennstrecke

Udo Wilhelm und Andreas Brückner (rechts)

Udo Wilhelm und Andreas Brückner (rechts)

Foto: Steinbach

Attendorn / Wenden.   "Wenn man schnell ist, steht man mit einem Bein entweder im Knast oder im Grab“, sagt ein Olper Motorradfahrer. Er wechselt auf die Rennstrecke.

„Der war zu schnell für die Straße“, sagt Udo Wilhelm, „es war nicht mehr die Frage, ob es passiert, sondern wann.“

Im März hatte unsere Zeitung darüber berichtet, dass Udo Wilhelm sich Sorgen um Biker macht, die auf den Landstraßen zu schnell unterwegs sind. Für den einzelnen ist es lebensgefährlich, für alle anderen Motorradfahrer ebenfalls ein Problem, weil die „Racer“ das Image ruinieren. Seine Alternative: „Wer schnell fahren will, soll das nicht auf der Straße machen, sondern auf der Rennstrecke.“

"Wenn man schnell ist, steht man mit einem Bein entweder im Knast oder im Grab“

Der, der für die Straße schon zu schnell war, heißt Andreas Brückner, ist 33 Jahre alt und verdient seine Brötchen als Lehrer an der Musikschule Finnentrop für Schlagzeug und Elementarunterricht. Ein musischer Mensch also, mit Rhythmusgefühl und Einfühlungsvermögen.

Stimmt das? Hatte Udo Wilhelm Recht mit seiner Einschätzung? „Ja, stimmt“, sagt Andreas Brückner und zuckt mit den Schultern, „ich hab das genauso gesehen.“ Und? Was hat deine Freundin dazu gesagt?„Nix mehr, wir hatten uns gerade getrennt, war mir also ziemlich egal.“

Andreas Brückner hatte nach einer mehrjährigen Pause und der Geburt seines Sohnes wieder angefangen, Motorrad zu fahren. Meistens mit einer Suzuki GSX 1400, in Fachkreisen auch Eisenschwein genannt, mit deutlich mehr als 100 PS.

„War ja richtig“, sagt Andreas Brückner, „und irgendwann macht das auch keinen Spaß mehr. Wenn man schnell ist, steht man mit einem Bein entweder im Knast oder im Grab.“

Wie spricht man Motorradfahrer auf das Tempo an

Mit Motorradfahrern über zu schnelles Fahren zu reden, ist nicht einfach. Die Polizei, die gelegentlich versucht, außer mit der roten Kelle bei Geschwindigkeitskontrollen auch mit gutem Zureden Einfluss zu nehmen, kann ein Lied davon singen.

Bei Udo Wilhelm ist das etwas anderes. Wilhelm war 2016 Deutscher Meister im Deutschen Langstrecken Cup (DLC). „Wenn Udo sagt, du musst runter von der Straße, du hast das Potenzial für die Rennstrecke, dann zählt das!“, lacht Andreas Brückner. Das war im Winter 2017/2018.

Seine erste Frage: Was soll ich tun? Antwort: „Werde fit.“ Die Udo-Wilhelm-Faustformel: ein Kilogramm = eine Zehntelsekunde.

Das erste Training auf dem Hockenheim-Ring

Wer sein Motorrad technisch aufrüsten will, um ein Zehntel schneller zu sein, muss ordentlich investieren. Fit werden kann man kostenlos.

Andreas Brückner nahm den Hinweis ernst und trainierte nicht nur ein Zehntel, sondern eine ganze Sekunde ab: Bewusste Ernährung, dazu Laufen, Joggen, Schwimmen.

Dann das erste Training auf dem Hockenheim-Ring. Menschen mit einem starken Hang zum Spirituellen würden von einem Erweckungserlebnis sprechen:

Das erste Mal auf der Strecke. Das erste Mal Gas geben, ohne Angst vor Radarfallen. Die ganze Straßenbreite nutzen können, ohne Angst vor Gegenverkehr. Auf einem griffigen Asphalt unterwegs sein mit Slicks, die extreme Haftung aufbauen.

Tödlichen Unfall als Zeuge miterlebt

„Wer das erlebt hat“, sagt Andreas Brückner, „wer erlebt, wie man Vertrauen zu sich und der Maschine aufbaut, seine Grenzen weiter verschiebt, der will nichts anderes mehr. Dem macht das sportliche Fahren auf der Landstraße auch keinen Spaß mehr. Die Risiken sind einfach viel zu hoch.“

Andreas hat 2018 zwei schwere Unfälle als Zeuge miterlebt, einmal tödlich, einmal ein Schwerverletzter. Die beiden waren der letzte Anlass zu sagen: Auf der Straße nicht mehr schnell!

Das Risiko auf der Rennstrecke, ernsthaft verletzt zu werden, liegt nach Einschätzung von Udo Wilhelm bei ungefähr fünf Prozent im Vergleich zur Straße: „Man rutscht ins Kiesbett, steht wieder auf, und guckt sich an, wie die Maschine aussieht. Im besten Fall fährt man einfach weiter.“

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