Geschichte

Holocaust überlebt: Zeitzeugin spricht vor Olper Schülern

Referat von Frau Dr. Michaela Vidlákovà vor den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9.

Referat von Frau Dr. Michaela Vidlákovà vor den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9.

Foto: volkher pullmann

Olpe.   Michaela Vidlákovà, Überlebende des Holocaust, berichtet, wie Hass und Fremdenfeindlichkeit dem Nationalsozialismus den Weg ebneten.

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Still war es in der Aula des Städtischen Gymnasiums Olpe. Mucksmäuschenstill. Angekündigt war eine Zeitzeugin, die den Holocaust mit ihren Eltern überlebt hat. In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland referierte die Chemikerin Dr. Michaela Vidlákovà aus Prag über das düsterste Kapitel deutscher Geschichte. Das Auditorium waren zunächst Schüler der 9. Klasse, anschließend in einem zweiten Durchgang war es die Klientel der Q1 (10. Klasse).

Es herrschte eine bedrückende Atmosphäre bei dem 90-minütigen Vortrag per Power-Point-Präsentation. Die Referentin machte am Anfang deutlich, dass Fremdenfeindlichkeit und Hass heute wieder verstärkt aufkommen. „Dagegen müsst ihr euch wehren“, forderte sie ihre Zuhörer auf.

Am Anfang unauffällig

Die 1936 geborene Prager Wissenschaftlerin blickte zurück auf die Anfänge, als die Nationalsozialisten seit gut drei Jahre mit diktatorischen Maßnahmen die deutsche Bevölkerung terrorisierten. „Ihr dürft nicht immer glauben, was man euch sagt“, rief sie den jungen Leuten zu, „auch der Holocaust war am Anfang unauffällig“.

Von den Nürnberger Gesetzen (1935), die die Grundlage für die „Ausbürgerung“ der jüdischen Bevölkerung bildeten, über das Münchner Abkommen 1938 bis hin zur Reichspogromnacht vom 9.November 1938 spannte sie den historischen Bogen, der immer mehr zur Ab- und Ausgrenzung der Juden führte. „Da waren wir nur noch Menschen zweiter Klasse, Untermenschen, und mussten den Judenstern tragen.“

Gebannt, aber auch betroffen verfolgten die Jugendlichen ihre Ausführungen. „Wir mussten alles abgeben, Schmuck, Aktien, Fotoapparate und vieles mehr. Selbst Haustiere durften wir nicht mehr halten. Und ich frage euch: Wem nutzt es, wenn ich noch nicht einmal einen Kanarienvogel behalten darf?“ Es folgten Arbeitsverbote, auch und gerade von Akademikern.

„Juden Zutritt verboten.“ „Juden werden nicht bedient.“ Zahlreiche Originalaufnahmen verdeutlichten die zunehmende Unterdrückung. Fahrten mit Bus und Bahn wurden zunehmend eingeschränkt, ja verboten. „War der Bus voll, hieß es sofort: Juden aussteigen.“

Menschenrechte, Religionsfreiheit

Menschenrechte? Gleichberechtigung? Religionsfreiheit? „Fehlanzeige. Dabei sollten doch Menschenrechte selbstverständlich sein.“

„Stellt euch vor: kein Kino, kein Theater, kein Schwimmbad.“ Die rüstige 82-jährige Frau – „Ich bin mit 76 noch Abfahrtsski gefahren, erst mit der neuen Hüfte durfte ich nicht mehr“ – führte ihrem jungen Publikum die Unterdrückung drastisch vor Augen. Sie zeigte das Bild einer Volksschulklasse, in der Mitte ihre Mutter, die Lehrerin. „Sind das Kinder, die Verbrechen begangen haben?“, fragte sie rhetorisch in die Aula hinein. 1942, nur wenig später, waren fast alle Schüler aus dem Bild gestrichen – die Zeit der „Umsiedlung“ hatte begonnen. Ziel: Theresienstadt im Protektorat Böhmen und Mähren (besetztes Gebiet der Tschechoslowakei).

„Ich hatte keine Angst gehabt. Mutti sagte nur, wir müssen Prag verlassen. Ich wusste ja nicht, was das bedeutet.“ 50 Kilogramm Gepäck durfte jeder mitnehmen. „Aber wer kann so viel tragen, das konnten weder wir Kinder noch ältere Menschen. Wir mussten ja an die Zukunft denken, kalte Winter würden uns bevorstehen.“

Anhand einer Taschenlampe demonstrierte Michaela Vidlákovà den Einfallsreichtum ihres Vaters: „Batterien konnte man ja nicht nachkaufen. Vati baute eine Lampe mit einem Dynamo, der mit dem Daumen für Strom sorgte.“ Überhaupt hörte man aus ihren Ausführungen sehr viel Liebe für ihre Eltern heraus.

Deportation nach Auschwitz

Der Deportation nach Auschwitz entging die Familie nur dank der handwerklichen Fähigkeiten ihres Vaters, einem Zimmermann. „Der Judenältestenrat hatte viel Verantwortung für das Lager“, fuhr sie fort, „er organisierte die Arbeit, die Infrastruktur, medizinische Versorgung, Hygiene und stellte die Transporte in den Osten zusammen.“

Ausgenommen waren u.a. Zimmerleute, die wurden immer dringend benötigt, „ob für Reparaturarbeiten, Bau von Doppelstockbetten, Spielgeräte für uns Kinder, Vati war unabkömmlich.“ Es war für die Referentin gerade in solchen Phasen sehr emotional.

Die Kinder lebten im Lager nicht mit den Eltern zusammen. „Da ich mit sechs Jahren zu den Jüngeren zählte, haben sich viele um mich gekümmert, ich hatte Kameraden. Wir wurden in Theresienstadt zur Kameradschaft erzogen. Und wir lernten voreinander. Wir wollten doch nicht blöd bleiben.“

Wir haben überlebt

Wie weit Schein und Sein differierten, zeigte sie sehr anschaulich, wenn eine NS-Kommission die Stadt inspizierte. „Da wurde die Stadt auf Vordermann gebracht, die Gehwege mit Bürsten gereinigt, ältere Menschen auf Bänke gesetzt, ein Musikpavillon aufgebaut. Das war alles Theater, die Wirklichkeit sah anders aus: Unterernährung, Ungeziefer, Krankheiten.“

Letzter Transport von Terezin (tschechisch für Theresienstadt) nach Auschwitz. Familie Vidlakova war nicht dabei. „Die Holzarbeiten von Papa haben uns gerettet. Im Oktober 1944 wurden wir aus dem Zug nach Auschwitz noch herausgeholt. Wir haben überlebt.“ Und erfuhren erst später von den wahren Grausamkeiten in dem Vernichtungslager. „Ausziehen – Duschen – Zyklon B – Krematorium.“ Unvorstellbar.

„Ich möchte mir nur wünschen, dass ihr so etwa niemals erleben müsst, niemals am Bösen beteiligt seid.“ Zutiefst beeindruckt waren auch Anna F. (16) und Leon S. (15), beide 9. Klasse. Anna schrieb fleißig mit („ein Bericht für den Geschichtsunterricht“) und fand es „interessant, wie die Kinder dort gespielt haben und auch glückliche Momente hatten. Ich war sehr beeindruckt.“ Ihr war Auschwitz bekannt: „Ich war mit einer Firmgruppe dort.“

Für Leon war das ziemlich neu: „Wir hatten im Unterricht noch nicht darüber gesprochen. Es war sehr mutig von ihr, dass sie hier war.“ Ob die Schüler insgesamt auch für die aktuellen Probleme sensibilisiert wurden, bliebt nur zu hoffen.

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