Interview

Johannes Schröder: „Das Klassenzimmer ist gar nicht so weit“

Seinen Job als Lehrer hat Johannes Schröder erstmal an den Nagel gehängt. Obwohl, auch in seiner neuen beruflichen Welt ist er nah dran am Lehrersein.

Seinen Job als Lehrer hat Johannes Schröder erstmal an den Nagel gehängt. Obwohl, auch in seiner neuen beruflichen Welt ist er nah dran am Lehrersein.

Foto: Robert Maschke

Attendorn.   Der Kabarettist Johannes Schröder alias „Herr Schröder“ gastiert am 25. Januar in der Attendorner Stadthalle. Was die Zuschauer erwartet:

Johannes Schröder ist in Berlin geboren, lebt in Köln und hat Lehramt studiert. So weit, so ungewöhnlich. Doch Insider werden wissen, dass dieser Johannes längst nicht mehr seine Schüler im Fach Deutsch unterrichtet, sondern sich dem Kabarett verschrieben hat. Als „Herr Schröder“ ist der gebürtige Hauptstädter mittlerweile auf den großen Bühnen in Deutschland zuhause. Am Freitag, 25. Januar, gastiert der Comedian mit seinem Programm „World of Lehrkraft – ein Trauma geht in Erfüllung“ in der Attendorner Stadthalle (20 Uhr). Wir haben vorab mit ihm über das, was die Zuschauer erwartet, gesprochen.

Die Stadthalle verwandelt sich in einen großen Klassenraum: Worauf müssen sich die „Schüler“ gefasst machen?

Johannes Schröder: Wir werden gemeinsam nochmal in die Schulzeit gehen und sie in all ihre Facetten beleuchten. Wir schauen auf die Schulhof-Lebenserwartung heutiger Pubertiere, es geht um Goethe und Schiller, um den neuen und so beliebten Sportlehrer, es geht um ein gefundenes Tagebuch einer Zehntklässlerin, die Aussagekraft der Sitzordnung, die Klassenfahrt nach Amsterdam, die Sprache des Schulhofs und um den immer kaputten Kopierer.

Ihr Programm trägt den Titel: „World of Lehrkraft – ein Trauma geht in Erfüllung“. Was steckt hinter diesem Trauma?

Alle Schul-Traumata sind nach dem Besuch meines Programms kuriert: Sie träumen nicht mehr von den Lehrern, die in ihren Mundwinkeln immer gerne so weißen Speichel angesammelt haben, sie blicken mit einem versöhnten Lächeln in den Notenspiegel nach der Mathe-Klausur, bis dieser zurücklächelt, setzen die Kommas endlich wieder nach Gefühl. Sie schließen Frieden mit „Inhaltsangabe“ und „Gedichtinterpretation“ und umarmen liebevoll ihr „lyrisches Ich“.

Welche Zielgruppe sprechen Sie mit Ihrem Programm an?

Alle, die mal auf die Schule gegangen sind. Ich habe Schüler in meinem Publikum, genauso wie pensionierte Lehrer. Generationenübergreifend. Auch viele, die mit Lehrer-Sein nichts zu tun haben. Das ist das Spannende an jedem Abend: es ist immer anders, weil das Publikum immer anders ist.

Vermissen Sie die tägliche Arbeit als Lehrer an der „echten“ Schule?

Nein, es ist ja ähnlich, wie im Klassenzimmer: Jeden Tag steht man vor mehr oder weniger aufmerksamem Publikum, notorische Zuspätkommer, klingelnde Handys, Zwischenrufe, laute Privatgespräche. Meistens eine hochbegabte erste Reihe und die Problemschüler ganz hinten. Was ich jetzt nicht mehr machen kann, ist Stillarbeit oder einfach einen Film einlegen.

Wie unterscheidet sich ihr Lehrerdasein auf der Bühne von dem in der Schule?

Auf der Bühne lachen wir gemeinsam und über am Schulleben Beteiligten. Natürlich über die Eltern von heute, wenn sie beim Elternsprechtag Besorgnis äußerten, ihr Sohn hätte höchstwahrscheinlich „ADAC“. Oder über die Mutter mit ihren drei hochbegabten Kindern: Caspar, David, Friedrich. Wir lachen auch mal über die Zauberwürfelrekordhalter und Brustbeutel-Träger und über die Schüler, die mein fehlerhaftes Tafelbild korrigieren. Neulich fragte ich einen Schüler, ob er in der nächsten Stunde Chemie hätte und er antwortete: „Na Chlor!“ Aber am meisten lachen wir natürlich über das Cholerikum: über die Lehrerin, die immer weißen Speichel in den Mundwinkeln hatte: Raclette-Rita; oder über den neuen Sportlehrer: die bildungsferne Spaßgurke aus der Turnhalle.

Was gab den Ausschlag, das Lehrerzimmer mit den großen Bühnen in Deutschland zu tauschen?

Ich wollte eine Auszeit vom Leben am Korrekturrand der Gesellschaft, um auf diese Weise meinen Traum umzusetzen: ein eigenes Comedy-Programm auf die Bühne zu bringen. Und da das Klassenzimmer ja eigentlich bereits wie eine alltägliche Bühne ist, nur ohne Applaus und mit unfreiwilligem Publikum, ist der Schritt auf die richtige Bühne auch gar nicht so weit. Angefangen habe ich fernab vom gewohnten Alltag: In Kanada, in den kleinen Comedy-Clubs und offenen Bühnen von Toronto bin ich gescheitert, um dann trotzdem weiterzumachen. Damals ging es aber noch gar nicht um „Lehrer-Sein“, es reichte als Deutscher zu sagen „Ich bin Comedian“ und die Leute haben schon gelacht. Zurück in Deutschland habe ich festgestellt, wie unendlich viel ich über meine 12 Jahre „Genasium“ zu erzählen hatte.

Wie haben eigentlich Ihre ehemaligen Kollegen und Schüler reagiert, als Sie Ihnen sagten: Ich werde jetzt Comedian?

(Lacht). Sie tragen es mit Fassung. Die Schüler schreiben lustige Kommentare in die sozialen Medien und tauchen hier und da bei den Veranstaltungen auf. Das freut mich immer sehr und dann reden wir über alte Zeiten und ich habe sofort neuen Stoff für mein Programm. Die Kollegen unterstützen mich auch und schicken mir die jüngsten Protokolle der Lehrerkonferenzen.

Wie verbringen Sie ihre Zeit, wenn Sie mal nicht als Lehrer auftreten?

Ich koche gerne, sehr gerne. Und dabei denke ich mir neue Geschichten aus. Das gleiche geht gut beim Wandern, was ich auch sehr gerne tue: mit Rucksack durch Schweden oder Korsika. Natürlich verfolge ich die Geschehnisse der Welt in der Zeitung. Oft mischt sich Privates und Berufliches dabei.

Wie viele Auftritte haben Sie pro Jahr und wie viele Zuschauer kommen zu Ihren Shows?

Es sind etwa 250 Auftritte im letzten Jahr gewesen, wobei da alles mitgezählt ist: Solo-Abende, gemischte Abende mit anderen Kollegen, TV-Aufzeichnungen, Talk-Shows. Zu meinen Solo-Abenden sitzen zwischen 250 und 600 Leute im pädagogischen Stuhlkreis.

Kennen Sie das Sauerland und explizit den Attendorner?

Der Sauerländer hat Humor und kann vor allem über sich selbst lachen. Darauf freu ich mich. Das Publikum ist das Wichtigste. Die Menschen, mit denen der Abend dann live und unwiederholbar so passiert. Ich freue mich auf Schüler im Publikum, Referendare, Lehramtsstudenten und ganz besonders auch auf die Nicht-Lehrer. Ich freue mich auf das Miteinander, auf das eine oder andere spontane Impuls-Referat, Reinrufer und sogar auf die Schulmilch-Ausgabe in der Pause. Jeden Abend passieren Dinge, die nicht vorhersehbar sind. Jeder Abend ist anders.

Spielen Sie mit dem Gedanken, eines Tages das Mikrofon gegen die Tafelkreide zu tauschen?

Eigentlich nicht. Es ist faszinierend, ständig neue Menschen kennen zu lernen, die eben nicht den sicheren Beamtenstatus im Rücken haben. Es ist anregend zu sehen, wie diese Menschen ihr Leben gestalten, Risiken eingehen, Projekte in die Welt setzen und daran glauben. Ich treffe viele Künstler, Produzenten, Autoren, Agenten, Musiker, Veranstalter aus den Bereichen Bühne, TV und Radio. Das ist sehr inspirierend und dafür bin ich unendlich dankbar.

Zusätzliche Info:

  • Karten für 24,65 Euro gibt es noch im Attendorner Bürgerbüro, bei der Touristen-Info und in der Buchhandlung Frey

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