Bildung

Junge Pakistanerin macht Turbo-Abi in Attendorn

Naila Zafar ist auch Pakistan nach Deutschland geflüchtet. In kürzester Zeit holt sie ihr Abitur nach.

Naila Zafar ist auch Pakistan nach Deutschland geflüchtet. In kürzester Zeit holt sie ihr Abitur nach.

Foto: Jana Wehmann

Olpe/Attendorn.   Naila Zafar flüchtet 2012 nach Deutschland. Um im Kreis Olpe ihr Abitur nachholen zu können, muss die 22-Jährige kämpfen.

Mut, Zielstrebigkeit und Selbstbewusstsein haben Naila Zafar dahin gebracht, wo sie heute steht. Denn einen leichten Weg hatte die 22-Jährige nicht. Sie stammt aus Pakistan, wurde dort wegen ihrer Religion verfolgt und ist 2012 mit ihrer Familie nach Deutschland geflüchtet. Um im Kreis Olpe ihr Abitur nachholen zu können, musste Naila kämpfen.

In Pakistan besuchte die Schülerin die 10. Klasse und stand kurz vor ihrem Studium. Doch ein normales Leben war für Naila und ihre Familie kaum möglich: Weil sie Ahmadi-Muslime ist, wurde sie in Pakistan religiös verfolgt. Dieser Minderheitenreligion wurde in den 70er-Jahren offiziell der Status als Muslime aberkannt. Die Verfolgung spürte Naila sowohl in der Schule als auch im Alltag. „Sie meinten, meine Religion sei keine richtige und haben mich nicht am Religionsunterricht teilhaben lassen“, sagt Naila und fügt hinzu: „Meiner Mutter haben sie auf dem Markt die Einkäufe verweigert. Ich meine, was sollen wir machen, wenn sie uns die Grundnahrungsmittel nehmen?“

Deshalb entschied sich Familie Zafar dazu, ein Visum zu beantragen und flog im Herbst 2012 nach Deutschland. Nailas erster Gedanke: „Gott sei dank, ich bin hier raus.“ Naila und ihre Mutter – ihr Vater durfte nicht einreisen – waren zunächst in einer Asylberatung in Bielefeld und wurden anschließend in Drolshagen untergebracht.

Eigener Wunsch nach Bildung

Dort lebte die damals 16-Jährige mit ihrer Mutter in einem Asylheim. „Das war schon ein enormer Kontrast. Die Menschen, die ­Gesellschaft und die Sprache ­waren ja komplett fremd für mich“, erzählt Naila. Doch das stellte für sie kein Hindernis dar, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. „Mir war klar, ich muss was machen. Ich möchte mich ja schließlich mit den Menschen unterhalten können, hier leben und mich auch weiterbilden“, so die heute 22-Jährige.

Zunächst besuchte Naila eine Hauptschule. Dort bekam sie aber keinen Deutschunterricht. „Ich habe einfach nichts verstanden, das hat so nicht funktioniert.“ Also rief sie bei Schulen an und erkundigte sich nach weiteren Möglichkeiten.

Das Problem: Entweder hätte sie warten müssen, bis ihr Asylantrag bewilligt wird, oder sie hätte die Schule mit 300 bis 350 Euro selbst zahlen müssen. Das Geld hatte sie nicht. Doch dann fand sie einen kostengünstigen Sprachkurs, der keine Asylanerkennung voraussetzte. Ein Jahr lang belegte sie einen Deutschkurs und schloss diesen mit dem Sprachniveau B1 ab.

An mehreren Schulen abgelehnt

Da sich ihre Sprachkenntnisse verbesserten, versuchte sie es nochmals bei verschiedenen Schulen im Kreis Olpe. Doch wieder wies man sie zurück – diesmal aufgrund ihres Kopftuches, so vermutet sie zumindest. Auf Nachfrage unserer Zeitung teilen einige Schulen jedoch mit, dass Menschen aller Kulturen willkommen seien. Ein Fall, wo eine Schülerin aufgrund ihres Glaubens abgelehnte wurde, sei nicht bekannt. Außerdem besuchten aktuell Mädchen mit Kopftüchern die Schulen.

Ab 2014 wendete sich das Blatt: Über die Kommunale Integrationsstelle kam Naila an das Weiterbildungskolleg des Kreises Olpe. Dort absolvierte sie ihren Realschulabschluss und bekam im Juni 2015 die Nachricht, auf die sie lange gewartet hatte: ihr Asylantrag wurde anerkannt. Nach der mittleren Reife sollte für Naila jedoch noch nicht Schluss sein. Sie bewarb sich beim Abendgymnasium des Weiterbildungskollegs in Attendorn – doch sie stand vor der nächsten Hürde. Denn die Voraussetzung ist eine zweijährige Berufserfahrung. „Die hatte ich nicht“, erklärt die 22-Jährige. So beantragte die Schülerin bei der Bezirksregierung Arnsberg eine Sondergenehmigung und startete die Abendschule. „Jetzt mache ich mein Abi mit Sondergenehmigung“, sagt sie strahlend.

Weiterbildungskolleg ist bunt

Das Zusammenspiel aus verschiedenen Kulturen schätzt die 22-Jährige, die inzwischen mit ihrer Mutter und ihrem Vater in Olpe wohnt, sehr. Acht verschiedene Nationalitäten treffen in ihrer Schulklasse aufeinander. Ulricke Harnisch, Deutschlehrerin am Weiterbildungskolleg, ist von Nailas Eigeninitiative begeistert und sagt: „So viel Zielstrebigkeit und Engagement in einer Person sieht man selten. Naila ist wirklich eine tolle Schülerin.“ Außerdem betont die Lehrerin das Zusammenspiel der verschiedenen Nationen. Ein Grund, weshalb sich Naila nun sowohl in ihrer Klasse als auch in Deutschland sehr wohl fühlt. Was sie am Weiterbildungskolleg besonders schätzt: „Jeder hat seine Geschichte. Es ist toll, dass wir alle akzeptiert werden. Unsere Klasse ist einfach bunt.“

So ist es für die Schüler ihrer Klasse selbstverständlich, sich beim Lernen gegenseitig zu unterstützen. Schließlich beginnen im Frühjahr 2019 die ersten Prüfungen für das Zentralabitur. „Jeder Punkt zählt“, sagt Naila, die in ihrer Freizeit Mathe-Nachhilfe gibt. Ihr Tipp an junge Schüler: „Man darf das Ziel vor den Augen nicht verlieren und niemals aufgeben.“ Ihr Wunsch ist es, Medizin zu studieren. „Wenn es in Deutschland nicht klappt, dann eben im Ausland“, sagt sie, „aber ich komme auf jeden Fall wieder zurück. In Deutschland fühle ich mich heimisch.“

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