Politik

Junge Politiker aus dem Kreis Olpe ziehen Bilanz

Jung und politisch

Jung und politisch

Foto: Manuela Nossutta Funkegrafik NRW / WP Olpe

Kreis Olpe.  Wie sieht die Zukunft der Altparteien aus? Nach der schlechten Europawahl kommen politisch engagierte junge Menschen aus dem Kreis Olpe zu Wort.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Altparteien verlieren immer mehr Wähler. Vor allem bei Jugendlichen scheint das Vertrauen in die Politik erschüttert zu sein. Im Gespräch mit unserer Zeitung haben junge Politiker verschiedener Parteien sowie parteilose, aber politisch engagierte junge Menschen etwas über ihre Probleme und Lösungsansätze gesagt. Mike Warnecke ist 25 Jahre alt und Sprecher der Grünen Jugend im Kreis Olpe. Der 28-Jährige Max Beckmann ist Kreisverbandsvorsitzender der Jungen Union und Christin-Marie Stamm (27) Vorsitzende des Juso Kreisverbands Olpe und unter anderem SPD Ortsvereinsvorsitzende in Olpe. Noah Block kommt aus Attendorn und ist 15 Jahre alt. Er gehörte zu den ersten drei Mitgliedern der Fridays for Future-Demonstrationen der Ortsgruppe Siegen.

Was müssen die Parteien tun, um mehr junge Menschen zu erreichen?

Mike Warnecke: Alle Politiker sollten anfangen, besser zuzuhören. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass man den Posten und den Einfluss, den man erhalten hat, auch um jeden Preis behalten möchte. So etwas schreckt die Jugend ab. Für mich als jungen Politiker ist es wichtiger, dass Inhalte umgesetzt werden.

Max Beckmann: Ich glaube, dass Altparteien wie die CDU die Jugend sehr gut über Projekte anbinden könnten. Gerade bei Themen wie dem Abriss des Olper Rathauses sollte häufiger die Meinung junger Leute eingeholt und diesen auch Verantwortung übertragen werden. Ein direktes Mandat könnte junge Menschen abschrecken. Deshalb sollte nicht sofort der Fokus auf eine Mitgliedschaft in den Gremien gelegt werden.

Was müsste insgesamt besser laufen?

Christin-Marie Stamm: Leider haben viele Menschen das Vertrauen in die Politik verloren, hierzu zählen auch junge Wählerinnen und Wähler, was ich teilweise nachvollziehen kann. Es werden Versprechungen gemacht, die nicht eingehalten werden. Themen, die besonders junge Menschen betreffen, werden oft nicht genügend behandelt. Die SPD braucht ein Update, darf hierbei aber nicht die alten Werte außer acht lassen. Außerdem ist es als junger Nachwuchs-Politiker schwer, Fuß zu fassen. Wir brauchen mehr junge Politiker an der Spitze, die frischen Wind in die Partei bringen.

Warnecke: Es muss mehr überparteilich gearbeitet werden, auch mit anderen Parteien, die etwas besser machen. Wenn wir es als Grüne beispielsweise nicht schaffen, den Mindestlohn von elf Euro umzusetzen, ich aber merke, dass zum Beispiel die Linken auf einem guten Weg dorthin sind, dann sollte man versuchen, enger mit den Linken zusammenzuarbeiten. Außerdem muss die Hürde, einer Partei beizutreten, kleiner werden. Wenn ein 18-Jähriger Interesse zeigt, dann möchte er nicht erst einmal Plakate aufhängen gehen. Zudem brauchen wir mehr Jugendkonferenzen und Jugendparlamente. Politisches Interesse fängt immer bei der Kommunalpolitik an. Wenn daran gearbeitet wird, dann wird der Altersschnitt auch nicht mehr bei 50 Jahren liegen.

Beckmann: Was der CDU auch auf Bundesebene fehlt, sind klare Themen. Ich finde, dass wir uns eine einzige Botschaft auf die Fahne schreiben sollten und auch dazu stehen müssen. Außerdem sollte man versuchen, einen Partner zu finden, mit dem man eine gemeinsame Richtung einschlägt. Stichwort: Große Koalition. Die fand ich früher super, aber mittlerweile denke ich, dass das Projekt Jamaika mit der Kombination aus CDU, Grünen und FDP eine große Chance gewesen wäre.

Was sind die Gründe dafür, dass sich so wenige Wähler für Ihre Partei entschieden haben?

Beckmann: Ich habe selbst viele Jahre in Großstädten gelebt und kann deshalb sagen, dass hier im Sauerland eine ganz andere Stimmung herrscht. Wir haben mehr Stimmen erhalten als im Bundesdurchschnitt. Außerdem hat der Kreis Olpe das stärkste CDU-Ergebnis aus ganz NRW. Und das spürt man auch.

Stamm: Immer weniger Menschen fühlen sich von der SPD inspiriert und verstanden. Die Themen werden aus Sicht des Wählers nur noch oberflächlich angekratzt. Für die Wähler und Wählerinnen hebt sich die SPD zu wenig von anderen Parteien ab. Oft stehen leider personelle Entscheidungen und nicht die wichtigen inhaltlichen und sozialen Themen und Ziele im Vordergrund. Ich denke aber, dass dies nicht nur ein SPD-Problem darstellt. Es müssen neue und unverbrauchte Gesichter her, die offensiv nach vorne schreiten und unsere Forderungen verbreiten.

Wie schätzen Sie das Auftreten Ihrer Partei in den sozialen Netzwerken ein?

Warnecke: Der Facebook-Auftritt der Grünen läuft super. Das Problem ist nur, dass auf Facebook keine jungen Menschen mehr sind. Die Grüne Jugend ist auch auf Instagram und Twitter sehr aktiv, was die Grünen nicht sind. Die Grünen haben sehr gute Ideen. Das Problem ist nur: Das Personal für die Umsetzung fehlt.

Beckmann: Wir geben uns große Mühe auf Facebook und Instagram. Dabei muss man sich aber die Frage stellen, wie viele junge Menschen man heute noch über Facebook erreicht. Auf YouTube erhalten Jugendliche aktuelle Informationen, und genau da müssen wir besser werden. Wenn so ein Rezo-Video erscheint, brauchen wir uns nicht wundern, dass andere die Debatte bestimmen, wenn wir selbst nicht vertreten sind.

Stamm: Über soziale Netzwerke erreicht man viele junge Menschen, dennoch müssen die Profile auch mit Inhalten und Zielen gefüllt werden. Ich denke, Jugendliche erreicht man am besten mit Themen, die sie interessieren und aktuell betreffen. Wenn diese dann noch von jungen Politikerinnen und Politikern angepackt werden, fühlt sich die Jugend am ehesten angesprochen. Das heißt auch: Die SPD muss jünger werden.

Was würden Sie tun, wenn Sie an der Spitze der Partei wären?

Warnecke: Das ist schwer zu sagen. Unsere Demokratie ist darauf aufgebaut, Kompromisse zu finden. Wenn ich es als Grünen-Chef schaffen würde, mich einer anderen Partei anzunähern, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen, würde ich im Gegenzug – sollte dies eine Voraussetzung des Kompromisses sein – auch auf einen Posten im Parlament verzichten. Denn für mich geht es in der Politik darum, die Inhalte voranzubringen und nicht die Anzahl der Posten.

Beckmann: Ich denke, dass ich mich besser in Bezug auf Digitalisierung, Klimawandel und Generationsgerechtigkeit aufstellen würde. Ein großes Thema ist beispielsweise auch die Mütterrente. Ich würde einfach eine klare Position beziehen und dazu stehen, auch wenn ich Gegenwind erhielte. Wichtig ist im ersten Moment nämlich nicht, dass ich viele Leute für mich gewinne, sondern, dass die Investition im Nachhinein gewürdigt wird und sich die Standhaftigkeit gelohnt hat. Schneller politischer Erfolg ist zunächst nicht wichtig.

Stamm: Es gibt Vieles, was ich anpacken möchte. Als erstes würde ich mich um einen Ausstieg aus der großen Koalition bemühen. Außerdem finde ich die Idee, gemeinsam mit einem Mann die Spitze der SPD zu führen, attraktiv – eine quotierte Doppelspitze, bei der die Führung auf mehrere Schultern verteilt und die Entscheidungsgewalt für wichtige Fragen geteilt würde. Somit würde endlich wieder diskutiert und vernünftig abgewogen.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich für Fridays for Future zu engagieren?

Noah Block: Ich sehe es als meine gesellschaftliche Pflicht, an meine und an zukünftige Generationen zu denken. Mit den Fridays for Future-Demonstrationen möchte ich meine Meinung laut kundtun, um Politiker zu erreichen, damit sich etwas ändert.

Wieso sind Sie dann nicht aktives Mitglied in einer Partei?

Block: Weil ich mit keiner Partei übereinstimme. Ich habe an jeder etwas auszusetzen. Bei der CDU stört mich ihr Lobbyismus. Sie geben nicht preis, wie viel Geld sie woher bekommen und möchten das auch nicht ändern. Die SPD redet viel und hält davon so gut wie nichts. Die Grünen plädieren immer für Frieden, unterstützen aber Waffenexporte. Und die Art, wie die Linken die Wirtschaft sehen, gefällt mir auch nicht. Sollten die Politiker ihre Versprechen halten und die Ziele erreichen, könnte ich noch umgestimmt werden.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben