Industrie 4.0

Kampf um Arbeitsplätze: Mensch oder Maschine?

Zerspanungsmechaniker Marcel Hesse kann sicher sein. Die Maschine, die ihn ersetzten könnte, ist noch nicht gebaut und wird auf absehbare Zeit auch nicht gebaut werden.

Zerspanungsmechaniker Marcel Hesse kann sicher sein. Die Maschine, die ihn ersetzten könnte, ist noch nicht gebaut und wird auf absehbare Zeit auch nicht gebaut werden.

Foto: Gunnar Steinbach

Grevenbrück.   IHK-Chef Gräbener, Unternehmer Stefan Schauerte und Lewa-Chef Volprecht sind sicher - Facharbeiter sind auf absehbare Zeit nicht zu ersetzen

Wenn IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener nicht schon graue Haare hätte, die jüngste Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hätte ihn um Jahre altern lassen - optisch. Das IAB hat dem Kreis Olpe schwere Zeiten prophezeit, da eine Vielzahl der Arbeitsplätze in der hiesigen Industrie unter dem Stichwort Industrie 4.0 durch Roboter, Computer und Maschinen ersetzt würden.

„Wenn das stimmt“, staunt Gräbener, „dann hätten alle Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie in den vergangenen Jahren von Grund auf falsche Entscheidungen getroffen. Und ganz ehrlich: Ich vertraue in dieser Frage eher auf die Vernunft der Unternehmen als auf akademische Theorie.“

Die hat seiner Meinung nach in diesem Fall mit einem überhaupt nichts zu tun: „Mit dem wirklichen Leben“, so Gräbener.

Den Ärger von Klaus Gräbener teilen Stefan Schauerte, Geschäftsführer von Schauerte Präzisionsdrehtechnik, Grevenbrück, und Andreas Volprecht, Geschäftsführer der Lewa in Attendorn. Alle drei wollen einen Eindruck zurechtrücken, der durch einen Bericht in dieser Zeitung über die IAB-Studie entstanden sein könnte. „Die Entscheidung für einen Beruf wie zum Beispiel den des Zerspanungsmechanikers ist eine richtige Entscheidung“, sagt Stefan Schauerte, „und das gilt nicht nur für die Gegenwart.“

Ein Satz, dener am Tag nach der Veröffentlichung der Studie schon einmal gesagt hat. Damals meldete sich eine aufgeregte Mutter, deren Sohn bei der Firma Schauerte eine Lehre beginnen wird. Sie fürchtete, damit eine Entscheidung für programmierte Arbeitslosigkeit getroffen zu haben. Stefan Schauerte konnte sie beruhigen: „Das Wissen und Können der Facharbeiter wird man durch Maschinen nicht ersetzen können. Es gibt nicht für alles eine App!“

„Alles richtig“, sagt auch Andreas Volprecht, „mit dem Vorbehalt, dass heute niemand mehr eine Lehre macht und dann so durchs Berufsleben kommt. Im Grunde muss man sich alle drei Jahre neu erfinden, Fortbildung ist ungeheuer wichtig.“

Schwammige Vorstellungen

Wenn man es ein wenig überspitzt, dann erklärt sich die Diskrepanz zwischen einem Rechenmodell aus dem akademischen Elfenbeinturm und dem, was Klaus Gräbener „das richtige Leben“ nennt, durch schwammige Vorstellungen von der Praxis. Der Zerspanungsmechaniker ist nicht der Mann an der Maschine, der stereotyp Klötze in einen Automaten packt und Drehteile wieder herausnimmt.

„Das fängt bei der Konstruktion an“, sagt Stefan Schauerte, „geht über Simulation, Programmierung und folgt dem gesamten Prozess. So einen Prozess muss man führen können, man muss frühzeitig erkennen, wenn es Abweichungen oder Toleranzen gibt und dafür braucht man Fachwissen. Ein Computer kann Metallspäne nicht lesen, ein Zerspanungsmechaniker schon.“ In einer Situation, in der Betriebe händeringend junge Leute suchen, die sich für einen Beruf in der Metall- und Elektroindustrie ausbilden lassen, wird ein pessimistisches Bild von der Branche gemalt. „Das ist absurd“, sagt Klaus Gräbener, „das ist lediglich das Geschäft mit der Angst, das geht in Deutschland gut.“

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