Bayreuth Festspiele

König Heinrich in Bayreuth kommt aus Attendorn

Georg Zeppenfeld als König Heinrich im neuen  Lohengrin auf dem Grünen Hügel in Bayreuth.

Georg Zeppenfeld als König Heinrich im neuen Lohengrin auf dem Grünen Hügel in Bayreuth.

Foto: Enrico Nawrath Bayreuther Festspiele

Bayreuth/Attendorn.   Als König Heinrich ist Bass Georg Zeppenfeld in der Bayreuther Inszenierung des "Lohengrin" zu sehen. Warum er dort als Star gefeiert wird.

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König Heinrich kommt aus Attendorn. Der Bass Georg Zeppenfeld wird nicht nur als Publikumsliebling bei den Festspielen in Bayreuth gefeiert, sondern auch als Garant für Gesangskultur auf höchstem Niveau. Auf dem Grünen Hügel singt er in dieser Spielzeit den König Heinrich im „Lohengrin“ und in drei „Tristan“-Vorstellungen den König Marke. Warum die Bässe immer die Herrscher sein dürfen, das verrät der Sauerländer im Interview.

Sie singen bereits zum zweiten Mal den König Heinrich auf dem Grünen Hügel. In der „Lohengrin“-Inszenierung von Hans Neuenfels damals spielten Ratten die Hauptrolle, jetzt wimmelt es auf der Bühne vor Motten. Wie fühlt man sich als Motten-König?

Georg Zeppenfeld: Die Ratten waren bei Neuenfels viel prominenter als jetzt die Motten. Ich habe Flügel am Rücken hängen, aber ich bespiele die ja nicht. Gerne wäre ich beim Schlussapplaus mal eine Runde durch den Saal geflogen . . . Die Inszenierung ist noch entwicklungsfähig.

Wie spielt man überhaupt einen König?

Der König hat im „Lohengrin“ nicht wirklich Handlung zu vollziehen. Das Geschehen um den König herum macht den König, das sind ganz einfache technische Vorgänge. Figuren wie ein König werden dadurch hervorgehoben, dass immer zwei Meter Luft um ihn herum ist, um auszustellen, dass er der Besondere ist. Das kann man nicht spielen, man kann nur um sich herum ein gewisses Gravitationszentrum erzeugen.

Es handelt sich um Ihren zweiten König Heinrich in Bayreuth. Macht man da eine Strichliste?

Der Heinrich begegnet mir immer mal wieder, es ist aber nicht so, dass er meine wichtigste Partie wäre. Mit drei, vier großen Partien um die Welt zu tingeln, das vermeide ich ganz bewusst. Ich habe ihn jetzt in sechs Produktionen, davon drei Premieren, gesungen. Die Partie ist technisch sehr anspruchsvoll. Wenn man das einmal gut abgeliefert hat, wird man immer wieder gefragt.

Worin bestehen die technischen Schwierigkeiten?

Man braucht schon ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein, sich vor diese Chormassen zu stellen und denen eine Ansprache zu halten. Die Partie liegt über weite Stecken am oberen Rand meines Tonumfangs, das ist etwa so, als würde ein Tenor gleich auf dem hohen B anfangen zu singen. Sie hat eine extrem hohe Tessitura und dann auch wieder gemein tiefe Töne. Dazu kommt eine gehörige Portion Orchester, das da bläst und pfeift, weil der König halt der König ist. In seinen späteren Werken hat Wagner mehr Rücksicht darauf genommen, dass die tiefen Stimmen dazu neigen, im Orchester unterzugehen. Bei König Marke ist ja fast nichts drunter, da kann man sich besser auf die Farbigkeit und Gestaltungsnuancen konzentrieren.

Warum sind die Bässe immer die Könige?

Das war nicht immer so. Noch bei Mozart galt, dass, je höher der Rang der Figur, desto höher die Stimme ist. Tiefe Stimmen wurden oft mit komischen oder gesellschaftlich niederen Figuren verbunden. Damals waren Könige Tenöre oder sogar Countertenöre. Später wurden uns Bässen die Könige gegeben, weil die Stimmlage an Väterlichkeit, Weisheit, Würde oder einfach ein höheres Alter denken lässt. Wir Bässe singen übrigens nach meinem Eindruck am häufigsten unsere höchsten Töne, einfach aus der Notwendigkeit, über das Orchester zu kommen. Was allein in der ersten Ansprache Heinrichs an gepfefferten hohen Tönen zu singen ist, das verteilt sich oft bei Tenören auf den ganzen Abend.

Ihre musikalischen Wurzeln liegen im MGV Liederkranz Neu-Listernohl und in der Musikschule Attendorn. Wie wichtig ist die Schule für die Musikförderung?

Es ist mir völlig unbegreiflich, wie die Schule das Singen und das Thema klassische Musik weitgehend aufgeben konnte. Sie neigt heute dazu, sich dem musikalischen Breitengeschmack anzubiedern, obwohl sich der als Unterrichtsgegenstand kaum eignet. Unser musikalisches Erbe wird leichtfertig über Bord geworfen und zum Teil weiß man gar nicht mehr, was man da aufgibt. Die Orchester und Opernhäuser bemühen sich inzwischen sehr, durch musikpädagogische Programme diese Lücke zu schließen, und wo das gut gemacht wird, funktioniert es ja auch. Oft erlebt man aber auch, dass Oper durch allzu verstiegene und daher für Jugendliche nicht mehr nachvollziehbare Regiekonzepte eine Barriere zwischen sich und dem Publikum von morgen errichtet.

Worauf freuen Sie sich nach Bayreuth?

Ich singe meine erste nennenswerte französischer Partie, den König Arkel in Debussys „Pelléas et Mélisande“ in Dresden. Beim Durcharbeiten habe ich festgestellt, dass der Französischunterricht in der Schule doch nicht umsonst war. Und bei den Osterfestspielen 2019 in Salzburg gebe ich in den „Meistersingern“ mein Debüt als Hans Sachs. Der Sachs wird ja selten von Bässen gesungen, fast nur von Baritonen und Bassbaritonen. Das ist für mich eine Riesenherausforderung und ich hätte die Partie lieber in einem kleineren Rahmen ausprobiert, wo man nicht so sehr beobachtet wird. Früher ging man mit solchen Partien in die Provinz, doch die Zeiten sind vorbei. Aber ich freue mich wahnsinnig darauf, der Sachs ist eine unglaublich vielschichtige und farbenreiche Partie, außerdem dirigiert Christian Thielemann. Es ist nur einfach sehr viel und sehr hoch.

Machen Sie überhaupt noch Musik nur so für sich?

Andere Leute haben einen Knopf im Ohr, ich summe und brumme ständig irgendwas vor mich hin, meine Musik kommt nicht aus dem Kopfhörer, die mache ich mir selbst. Und ich bin natürlich immer noch Papier-Mitglied im MGV Neu-Listernohl. Sonntags in der Kirche in Dresden habe ich auch schon mal gehört: Sie haben doch so eine schöne Stimme, die sollten Sie mal ausbilden lassen.

Wegen der Semperoper leben Sie in Dresden. Vermissen Sie Ihre Heimat, das Sauerland?

Sauerländer bleibt man immer. Aber ich bin leider viel zu selten Zuhause in Attendorn. Meine Familie kommt uns eher in Dresden besuchen. In den vergangenen Jahren ist der Kalender so zugewuchert, ich bin so viel unterwegs, dass einfach keine Zeit für das Sauerland blieb. Das muss sich ändern!

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