Arbeitswelt

Menschen ab 60 fühlen sich auf der Arbeit diskriminiert

Des Wahnsinns Fette Beute: Hartmut Röbke, Maria Sibylla Kalverkämper, Jörg Hesse und Ruth Schulz-Wiemann

Des Wahnsinns Fette Beute: Hartmut Röbke, Maria Sibylla Kalverkämper, Jörg Hesse und Ruth Schulz-Wiemann

Foto: Jana Wehmann

Attendorn.   Gut ausgebildet, erfahren – dennoch finden sie keinen Job. Die Alterablehnung war eins der Themen des zweiten BeuteBarCamps in Attendorn.

Nur noch fünf statt acht Stunden am Tag arbeiten und in der Mittagspause mit einer Konsole spielen – Das klingt für viele nach einem Traum, für andere sind es neue Arbeitsformen. Hinter „New Work“ (zu Deutsch Zukunft der Arbeit) verbirgt sich ein grundlegender und struktureller Wandel der Arbeitswelt. Wie sieht „New Work“ im Unternehmensalltag aus? Und ist diese Form für jeden Arbeitgeber etwas? Mit diesen Fragen hat sich die Agentur „Des Wahnsinns Fette Beute“ aus Attendorn beschäftigt und das zweite BeuteBarCamp veranstaltet.

Wer sich mit neuen Arbeitsformen auseinandersetzt, weiß, da gibt es viele. Oft bringen die neuen Arbeitsweisen auch Probleme oder Hürden mit sich. Um sich einen Überblick zu verschaffen und sich über Themen auszutauschen, ist ein BarCamp ideal. Dabei schlagen einzelne Personen Themen vor, halten jedoch keinen Vortrag. Jeder, der Interesse hat, nimmt an der Session teil, tauscht seine Gedanken mit der Gruppe aus. „Raus aus der Komfortzone“, „Diskriminierung ab 60 plus“ oder auch „New Work für alle“ sind einige der elf Sessions beim zweiten und auch einzigen Bar Camp im Sauerland.

Individuelle Umsetzung ist gefragt

Eine genaue Definition von „New Work“ gibt es jedoch nicht, da sind sich die Teilnehmer einig. Zwar habe jeder ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn er an „New Work“ denke, doch das sei falsch. „Man muss sich von diesem Denken lösen. New Work ist etwas Individuelles. Da gibt es keine Studien für“, erörtert die Gruppe „New Work für alle“. Die Frage sollte nicht sein, ob ein Unternehmen „New Work“ umsetzen möchte, sondern in welcher Art und Weise.

Wichtig: Bei den neuen Arbeitsformen sollten ältere Generationen nicht vergessen werden – was viele Teilnehmer bereits anders erlebten: „Nur weil ich über 60 Jahre alt bin, werde ich in der Arbeitswelt diskriminiert. Seien es Banken oder Behörden“, sagt Hartmut Röbke aus Attendorn, der das Thema Diskriminierung im Alter vorschlägt. Röbke ist Gründer von SYSTM SHCK, eine Firma für E-Zigaretten. Für seine Firma bekam er keinen Kredit. Er sei zu alt, habe man ihm gesagt. „Das einzige was mich noch am Leben hält, ist, dass ich denen zeigen möchte, dass man auch mit 60 Jahren noch etwas machen kann“, sagt Röbke selbstbewusst.

Auch Ruth Schulz-Wiemann von „Des Wahnsinns Fette Beute“ erlebte die Altersdiskriminierung. Nachdem ihr letzter Arbeitgeber insolvent ging, bewarb sie sich bei unzähligen Firmen – doch bekam nur Absagen. „Ich hatte einfach keine Lust mehr, mich für mein Geburtsdatum entschuldigen zu müssen“, sagt die 60-Jährige. Sie änderte ihre Bewerbungsanschreiben: „Ja, ich bin zwar 60 Jahre alt, aber ich gehöre nicht zum Club der alten Schachteln. Ich habe noch genug Energie, und möchte etwas machen“, erzählt Schulz-Wiemann. In ihren neuen Job bei der Agentur ist Schulz-Wiemann glücklich.

Zwiespalt mit Fachkräftemangel

Was viele nicht verstehen: Die Altersablehnung passt nicht mit dem aktuellen Problem zusammen: Der Fach- und Führungskräftemangel. „Im höheren Alter wollen die Firmen einen Arbeiter nicht und unter den Jüngeren gibt es keine“, so Röbke.

Ein weiteres Problem sei außerdem, dass viele Unternehmen ihre älteren Mitarbeiter nicht genug wertschätzen. Firmen würden sie einfach gehen lassen. „Aber die Grundschüler machen es uns doch vor. Patenschaften müsste es auch in Unternehmen geben“, sagt eine Teilnehmerin.

Zwei Jahre vor dem Austritt sollten ältere Mitarbeiter eine Patenschaft für junge, neue Kollegen übernehmen und ihnen ihr Wissen weitergeben. Ein Know-How-Transfer für Newcomer sozusagen. „Viele Unternehmen wissen eben gar nicht, wie viel Wissen sie verlieren“, sagt Schulz-Wiemann.

Die Gruppe ist sich einig: „Altersdiskriminierung betrifft jeden.“ Ihr Lösungsansatz? „Der Fachkräftemangel ist ein guter Einstieg für das Thema. Es müssen neue Role Models geschaffen werden“, sagt Maria Sibylla Kalverkämper, Geschäftsführerin der Agentur. Wichtig sei, dass sich das Bewusstsein ändere und große Unternehmen Vorbilder seien. „Man muss die Unternehmen mit an die Hand nehmen“, sagt die Geschäftsführerin.

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