Kirchenmusik

Nachwuchs an der Orgel und in den Chören dringend gesucht

Michael Baumhöver, hauptamtlicher Diplom-Kirchenmusiker im Pastoralen Raum Lennestadt

Michael Baumhöver, hauptamtlicher Diplom-Kirchenmusiker im Pastoralen Raum Lennestadt

Foto: Volker Eberts

Altenhundem.   Kirchenmusiker Michael Baumhöver arbeitet seit zehn Jahren im Pastoralen Raum Lennestadt und wagt einen Blick in die Zukunft.

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Eine Heilige Messe in der Kirche ohne Orgelbegleitung. Für viele Gottesdienstbesucher ist dies unvorstellbar, aber in der Realität längst nicht mehr selbstverständlich. Dass die Kirchenmusik in vielen Kirchen im Kreis Olpe nicht vollends verstummt, dafür sorgen hauptamtliche Kirchenmusiker wie Michael Baumhöver.

Der 39-Jährige arbeitet seit zehn Jahren, davon drei hauptamtlich im Pastoralen Raum Lennestadt. Wir sprechen mit ihm über seinen ungewöhnlichen Job und die Zukunft der Kirchenmusik im ländlichen Raum.


Wir wird man Kirchenmusiker?
Michael Baumhöver: Ich war in meiner Heimatgemeinde Messdiener, hatte Klavierunterricht bei dem damaligen Organisten und hatte irgendwann den Wunsch auch mal auf der Orgel zu spielen. So reifte die Begeisterung für Orgelspiel und Orgelklang. Mein Klavierlehrer hat mich dann weitergereicht an den jetzigen Referenten für Kirchenmusik im Bistum Münster Ulrich Grimpe. Ich hab dann vor dem Studium das C-Examen gemacht. Bei mir ist es also der klassische Weg gewesen.


Was bedeutet C-Examen?
Das ist eine nebenberufliche Ausbildung für Leute, die in einer Gemeinde die Orgel spielen oder einen Chor leiten.


Das heißt, viele von den Organisten, die hier bei uns in den Kirchen die Heilige Messe begleiten...
...die haben dieses C-Examen, genau!


Was lernt man im Studium der Kirchenmusik?
Oh, das sind mehr als 30 Fächer. Die Hauptfächer sind Chorleitung und zwei Orgelfächer. Es gibt liturgisches Orgelspiel, sprich Improvisation, und das Literaturspiel, also Orgelwerke bis hin zu Orgelkonzerten. Dazu kommen Gesang und viele theoretische Fächer bis hin zu Musikpsychologie und Akustik.


Wie sieht ihr Job als hauptamtlicher Kirchenmusiker in der Woche aus?
Ich habe als Kirchenmusiker naturgemäß immer an Feiertagen und am Wochenende Dienst. Am Samstag und Sonntag begleite ich mindestens zwei Messen an jedem Tag. An den Werktagen spiele ich neben einer Abendmesse an mehreren Tagen zusätzlich eine Schulmesse und bei Bedarf Beerdigungsmessen in den verschiedenen Orten. Dazu kommen Orgelkonzerte und die Leitung verschiedener Chorgruppen. Ich bin als Organist vor allem in Altenhundem, Langenei, Saalhausen und Milchenbach tätig und auch für die Einteilung der Organisten in den anderen Gemeinde zuständig, besonders an den Hochfesten. Und natürlich muss ich auch für die Konzerte üben.


Wie viele Hauptamtler gibt es eigentlich im Kreis Olpe?
Ich bin einer von dreien, neben Martin Nyquist in Attendorn und dem Dekanatskirchenmusiker Dr. Jürgen Seuffert in Olpe.
Wie ist die Lage der Kirchenmusik im ländlichen Raum?
Anders als in den großen Domkirchen. Die traditionellen Kirchenchöre sterben zunehmend aus, weil der Altersdurchschnitt in diesen Chören immer höher wird. Es fehlt halt der Nachwuchs. Bei den Männerchören ist das ja ähnlich.


Hat das vielleicht hier in Lennestadt bei uns auch mit der immensen Chordichte zu tun?
Ja, besonders das Angebot an jüngeren Chorgruppen ist hier groß. Jüngere Chormitglieder möchten gern moderneres Liedgut mit poppigen Rhythmen und so weiter singen. Ein Kirchenchor muss sich immer auch am Kirchenjahr orientieren, was den Chören leider nicht immer gedankt wird. Es ist auch eine Leistung, wenn man das ganze Jahr über unterschiedliche Stücke singt. Viele Leute können die Arbeit, die dahinter steckt, gar nicht richtig einschätzen.


Wie kann man Kirchenmusik populärer machen?
Mein Ziel ist ein breit gefächertes Programm anzubieten, vom klassischen Kirchenchor, über Chorgruppen wie die Gruppe „ANYWAY“ im unterschwelligen Bereich bis hin zu bestimmten Projekten. Man muss den Sängerinnen und Sängern und ihrem verfügbaren Zeitrahmen entgegenkommen.


Wie meinen Sie das, wie funktioniert das konkret?
Es gibt Leute, die Lust haben zu singen, die sich aber auch aus beruflichen Gründen nicht binden wollen, einmal in der Woche abends und noch am Wochenende zum Chor zu gehen. Die Chorgruppe ANYWAY in der Katholischen Kirchengemeinde Altenhundem zum Beispiel, die im Gegensatz zum vierstimmigen Kirchenchor zwei- oder dreistimmig singt, holt die Leute da ab, wo sie stehen. Die jüngeren Mitglieder haben noch keine große Chorerfahrung, kennen sich aber mit poppigen Rhythmen besser aus als ältere, ebenso mit englischen Texten. Der Plan ist, den Chor Stück für Stück weiterzuentwickeln und in der Gemeinde zu verankern.


Wie sieht es im Orgelbereich aus? Hier stehen die Bewerber sicher auch nicht Schlange, oder?
Das stimmt. Es wird immer schwerer. Wir suchen händeringend Nachwuchs. Die Jugendlichen haben heute andere Interessen. In kleineren Orten gibt es oft keine festangestellten Organisten mehr. Das ist schade. Die Orgel ist nach wie vor ein faszinierendes Instrument. Und man hat heute Möglichkeiten, die ich früher nicht hatte. Man kann jedes Werk auf YouTube im Internet anhören, auch aus der Chormusik.


Viele Kirchgänger haben den Ernst der Lage noch nicht begriffen, oder?
Ja, die Leute sehen nur, dass es irgendwie immer weiterläuft. Wenn in der Christmette ein Organist spielt, dann sehen die Leute nicht, dass man wochenlang nach einer Aushilfe gesucht hat. Da wird sich in Zukunft manche Gemeinde umstellen müssen.


Gibt es neue Trends in der Kirchenmusik?
Nein, das würde ich nicht sagen, weil alle Bereiche im 20. Jahrhundert abgesteckt worden sind. Es gibt Komponisten aus dem neuen englischsprachigen Bereich wie John Rutter oder Christopher Tambling, die Chormusik geschrieben haben, die viele als sehr schön empfinden, eine Mischung aus Spätromantik und Popeinflüssen.

Solche Stücke gibt es auch für Orgel, aber auch schon seit 30 Jahren. Im 20. Jahrhundert gab es einen enormen Stilpluralismus. Zum Beispiel werden heute mehr denn je Instrumente aus dem Barockzeitalter restauriert oder nachgebaut. Auf der anderen Seite gibt es die große französische Tradition mit großen Instrumenten in Kathedralen oder die amerikanische Tradition, die sehr einschmeichelnd im Ohr ist bis hin zu Jazzstücken für Orgel. Das gibt es aber alles schon seit Jahrzehnten. Es gibt immer wieder neue Stücke, aber keine völlig neuen Trends.

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