Polizei

Olpes Polizeidirektor zieht Bilanz

Diethard Jungermann packt in seinem Büro ein Bild von Wassily Kandinsky ein. Es ist sein Lieblingsmaler, „wegen der schönen Farben“. 

Diethard Jungermann packt in seinem Büro ein Bild von Wassily Kandinsky ein. Es ist sein Lieblingsmaler, „wegen der schönen Farben“. 

Foto: Roland Vossel / WP

Kreis Olpe.  Nach 42 Dienstjahren geht der Olper Polizeidirektor Diethard Jungermann in den Ruhestand. Das waren seine spannendsten Einsätze.

Eine Ära geht zu Ende. Fast 42 Jahre war Diethard Jungermann im Polizeidienst tätig, in unterschiedlichsten Funktionen, unter anderem in Köln und im Ruhrgebiet. Die letzten 14 Jahre gab er als Polizeidirektor in Olpe den Ton an. Am heutigen Donnerstag wird Jungermann 62 - das Alter, in dem Ordnungshüter in den Ruhestand gehen. Für den immer noch in seinem Geburtsort Ihne bei Meinerzhagen lebenden Jungermann ist am kommenden Montag sein letzter Arbeitstag in Olpe. „In der Zeit in der Kölner Innenstadt wurde es zum Traumjob. Es war eine tolle Zeit auf dem Streifenwagen im Friesenviertel. Ich bin froh und dankbar, dass ich das gemacht habe“, bilanziert er.

Beim Besuch dieser Zeitung in seinem Büro im Olper Polizeigebäude erzählt Jungermann, wie er wirklich zur Polizei kam: „Das war kein Kindheitstraum oder so etwas. Ich wollte eigentlich Maschinenbau studieren. Ich hatte mir damals ein Motorrad gekauft und hätte zur Bundeswehr gemusst. Dort hätte ich mit 150 Mark im Monat mein Krad nicht finanzieren können. Bei der Polizei gab es damals 1000 Mark. Da habe ich gesagt: Dann machst du lieber zwei Jahre bei der Polizei für 1000 Mark, als 18 Monate Bundeswehr für 150 Mark. Und nach zwei Jahren bei der Polizei musste man ja auch nicht mehr zum Bund.“ Doch bei den zwei Jahren blieb es nicht. Es folgten 40 weitere bei der Polizei. „Mir wurde damals schnell klar, dass mir das gefiel“, so der 62-Jährige.

Tödlichen Schuss freigegeben

1995 wurde Diethard Jungermann Polizeirat in Dortmund, von 1999 bis 2005 war er Leiter der Polizeiinspektion Dortmund-West. Im Jahr 2002 folgte die Ausbildung zum Polizeiführer für besondere Lagen, von denen es etwa nur 25 Polizisten in NRW gibt. Aufgabengebiete waren unter anderem Geiselnahmen und Bedrohungen: „Das war spannend. Ich habe auch einmal den tödlichen Schuss freigegeben, aber die Kollegen brauchten nicht schießen. Es war am Ende beruhigend, dass das Spezialeinsatzkommando es anders geschafft hat, die Lage zu bereinigen. Das waren schon sehr komplexe Sachverhalte.“

Auch bei Castor-Transporte sowie Demonstrationen Rechter und Linker war er im Einsatz.

Als „einen in der Rückschau herausragenden Einsatz“ bezeichnet Jungermann die sogenannten „Chaos-Tage“, die nach Hannover 2001 auch in Dortmund mit randalierenden Punks stattfanden: „Wir waren mit Tages-und Nachtdienst darauf eingestellt. Schon am ersten Tag gab es Ausschreitungen. Mittags hatten wir 200 Personen in Gewahrsam. Mein Kollege nahm in der Nacht weitere 300 fest. Das war nicht alltäglich. Im Gegensatz zu Hannover hatten wir es geschafft, dass die Innenstadt heil geblieben ist.“

Mann mit Handgranate

Vom Ruhrgebiet aus ging es für Jungermann in den ländlichen Kreis Olpe. Was die Polizeiarbeit angeht, ist es eine andere Welt. Der Polizeidirektor plaudert aus dem Nähkästchen und erzählt von einem Einsatz damals nach seinem Wechsel nach Olpe, von dem die Öffentlichkeit nichts mitbekam. Es war ein Fall im Raum Drolshagen, bei dem sich ein Mann mit einer Handgranate in seiner Wohnung eingeschlossen hatte. „Wir gingen von einer Gefährdung aus. Mit dem SEK haben wir nachts den Mann festgenommen.“ Man habe Baupläne für das Objekt gebraucht. Jungermann rief seinen Kollegen Georg Melcher an: „Der war im Drolshagener Stadtrat. Er hat die Pläne mal eben am Wochenende besorgt und kopiert. Da konnte ich mit dem Einsatzführer des SEK die Taktik besprechen. Das werde ich nie vergessen. Es war beeindruckend, was

in einer kleinen Behörde möglich ist.“

Ein herausragender Fall in seiner Zeit in Olpe sei auch der „Kampf der Nibelungen“, ein rechtsextremes Kampfsport-Event in Kirchhundem, vor eineinhalb Jahren gewesen: „Wir haben mit 300 Beamten dafür gesorgt, dass es aufhört. Feuerwehr und Verwaltung haben mitgewirkt. Kleine Behörde, kurze Wege. Dafür gab es eine positive Rückmeldung von höherer Stelle. Das würden manche größere Behörden nicht besser machen, vielleicht sogar daran scheitern.“

Sein Leben lang sei er in Ihne, wo er in einem kleinen Bauernhaus seiner Eltern aufgewachsen war, „hängengeblieben. Ich habe immer hier gewohnt. Ich hatte damals eine Zweitwohnung in Köln.“ In seiner Olper Zeit hebt Diethard Jungermann das Vertrauensverhältnis zum Landrat hervor. Auch die Zusammenarbeit mit Feuerwehren, Kommunen und Bürgermeistern habe Spaß gemacht. „Wir waren nicht immer einer Meinung, aber es gab immer das Bestreben nach einer vernünftigen Lösung“, betont Jungermann.

Pietätlos bei Badeunfall

Was hat sich geändert in den vielen Jahren? „Die Gesellschaft. Umgang und Respekt mit Behörden haben sich deutlich gewandelt. Das macht es für uns und die Feuerwehr auch an Einsatzstellen schwieriger“, sagt Jungermann und nennt als Beispiel den tödlichen Badeunfall am Schnütgenhof vor zwei Wochen: „Da werde ich gefragt, ob man denn wirklich so einen Aufwand machen und die Badestelle schließen müsse. Was für ein Denken. Es ist doch schon eine Frage der Pietät, wenn da ein Toter liegt, dass daneben keine Leute baden.“

Die Polizei werde heute viel kritischer gesehen als früher, so Jungermann, der betont: „Dass wir uns sauber und anständig verhalten, ist selbstverständlich.“ Gewandelt habe sich bei der Kreispolizeibehörde Olpe, dass heute viele Kollegen in Köln wohnen und jeden Tag pendeln: „Die Heimatverbundenheit war früher deutlich ausgeprägter, als die Kollegen auch hier wohnten.“ Deutlich verbessert habe sich Ausrüstung und Ausbildungsstand der Kollegen: „Da haben wir einen Riesenqualitätssprung gemacht. Heute muss man auf Terroranschläge vorbereitet sein.“

Mit Traktor in den Wald

Das Kapitel Polizei schließt sich für Diethard Jungermann. Einzige Ausnahme: Er wird weiterhin noch zweimal in der Woche tätig sein als Lehrbeauftragter im Fachbereich Polizei an der Fachhochschule in Hagen. Und am zweimal jährlich stattfindenden Pensionärstreffen in Olpe will er künftig teilnehmen. Darüber hinaus wird der Fan von Borussia Mönchengladbach in Zukunft häufiger im Wald anzutreffen sein: „Mein Hobby ist Holz. Mein Bruder und ich haben alte Traktoren. Die werden wir auf Vordermann bringen. Ich habe ein bisschen Wald und wir machen Brennholz.“ Auch Jungermanns Frau kann sich auf den Pensionär freuen: „Ich werde mit ihr mehr Kurztrips machen.“

Bleibt zum Schluss die Frage, ob er den Schritt vom Ruhrgebiet in den ländlichen Kreis Olpe jemals bereut hat. Die Antwort des Polizeidirektors kommt wie aus der Pistole geschossen: „Nein, niemals. Es passte hier alles. Es gab ein Vertrauensverhältnis. Ich hatte Gestaltungsspielräume und war heimatnah. Ich hatte nicht einmal den Wunsch, ins Ruhrgebiet zurückzugehen.“

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