Interview

Paul Ohm: „Bin nicht angetreten, um Verwalter zu sein“

Paul Ohm: Mit 32 bereits auf der Kommandobrücke eines großen mittelständischen Unternehmens.

Paul Ohm: Mit 32 bereits auf der Kommandobrücke eines großen mittelständischen Unternehmens.

Foto: Foto: Josef Schmidt / WP

Olpe/Drolshagen.  Beim Olper Familienunternehmen Ohm & Häner übernimmt der 32-jährige Paul Ohm Verantwortung. Uns steht er im Interview Rede und Antwort.

Für viele mittelständische Familienunternehmer auch aus dem Sauerland ist es eine der wichtigsten Zukunftsfragen überhaupt: Wer führt meine Firma einmal, wenn ich nicht mehr kann oder will, wenn das fortgeschrittene Alter rät, das Schicksal vieler hundert Beschäftigter in jüngere Hände zu legen: Die Nachfolgerfrage. Die Gießer und Metallbauer von Ohm & Häner haben die Frage dieser Tage beantwortet, zumindest, was den Teil der Familie Ohm betrifft: Dr. Ludger Ohm durfte bei der Einweihung der neuen Formanlage in Germinghausen seinen Sohn Paul (32) offiziell in der Geschäftsführung begrüßen. Warum ein 32-Jähriger nicht den bequemen „Beruf Sohn“ ergreift, sondern sich der großen Verantwortung stellt und wie er sich seine und die Zukunft des Unternehmens vorstellt, sagte uns Paul Ohm im Interview.

Herr Ohm, Sie sind gerade einmal 32 Jahre alt. Ganz ehrlich, Sind Sie nachts schon mal schweißgebadet aufgewacht angesichts der großen Verantwortung, die auf Sie
zukommt?

Paul Ohm: Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde: Nein. Das ist wahnsinnig viel Verantwortung.

Wann reifte die Idee, ins Familienunternehmen einzusteigen und es mit zu führen?

In der Familie ist das ein Thema, seitdem ich denken kann. Wirklich bewusst darüber nachgedacht, was ich eigentlich mal machen will, habe ich aber erst nach meinem Grundwehrdienst. Mit 20 Jahren. Und mit der Frage der möglichen Betriebs-Nachfolge muss ja dann auch die nach dem Studium beantwortet werden.

Warum ist die Betriebsnachfolge manchmal so schwierig?

Ich habe durchaus Verständnis dafür, wenn sich junge Menschen so etwas zweimal überlegen. Irgendwann wird einem plötzlich klar: Das bin ja nicht nur ich, um den es da geht, sondern um viele hundert Menschen und Familien, deren Existenz davon abhängt. Und da sind wir wieder bei dem Thema „schweißgebadet aufwachen“. Es wächst eine Druck- und Erwartungshaltung, die man schon spürt. Obwohl meine Familie nie Druck auf mich ausgeübt, sondern mir zu verstehen gegeben hat, dass ich auch etwas ganz anderes machen könne.

Und dann heißen Sie auch noch Paul wie der Großvater, fast ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Diese Firma ist für meinen Großvater alles gewesen, und für meinen Vater ist sie das auch. Und allein daraus erwächst eine gewisse Erwartungshaltung. Aber nochmal. Mein Vater hat ganz klar gesagt: Du kannst was anderes machen, du musst es nur sagen.

Ein Vorteil dürfte es sein, dass das Unternehmen ja auf zwei familiären Schultern lastet.

Bei uns gibt es immer nur zwei Gesellschafter. Ohm und Häner. Das ist in meinen Augen eine sehr gute Lösung. Man ist ein Team, aber das Team wird nicht so unendlich groß, dass es schwierig wird, Entscheidungen zu treffen.

Da, wo Ohm und Häner draufsteht, ist auch Ohm und Häner drin.

Absolut. Man ist sich zwar auch in einem Team nicht immer völlig einig. Aber grundsätzlich bringt eine solche Aufteilung Vorteile. Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass mit Jürgen Alfes, unserem Prokuristen, noch ein Dritter im Bunde seit vielen Jahren zur Geschäftsleitung gehört. Es gibt aktuell also drei Personen, die in der Firma Entscheidungen treffen.

Wo sehen Sie Ohm & Häner im Jahr 2030?

Das Geschäft der Gießer ist manchmal sehr volatil. Soll heißen: Es geht stark auf und ab. Es gibt Branchen, da ist die Entwicklung stetiger, beispielsweise der Maschinenbau oder die Bahntechnik. In der Automobilbranche weiß momentan keiner, wohin die Reise geht. Vor dem Hintergrund ist es schwierig zu sagen, was in zehn oder 15 Jahren sein wird.

Gibt es denn für sie eine Art
Zielvorstellung?

Wir sind heute ein technologisch führendes Gießerei-Unternehmen. Das liegt am innovativen Denken. Neues wurde bei uns immer aufgenommen und wir haben investiert in diese neuen Entwicklungen.

Ist die prozentuale Verteilung ihres Umsatzes – etwa 40 Prozent Automobilbranche, 60 Prozent nicht automobil – gut oder würden Sie das lieber verschieben?

40 Prozent für die Autobranche ist schon das Maximum für uns. Wir möchten Kundengießer bleiben. Und ein Kundengießer definiert sich darüber, dass er sich jede Anfrage aus allen Branchen anschaut. Wir sind schon stark im Schienenverkehr, im Baumaschinenbereich, in der Medizintechnik, der Elektrotechnik, im Maschinenbau. Wir müssen und wollen einen breitgefächerten Kundenmix haben und ausbauen.

Gibt es eine Sparte, die Sie ganz neu bei Ohm & Häner vorantreiben möchten?

Es gibt eine Technologie, in die wir als Gießerei einsteigen müssen, da sie vermutlich andernfalls zur starken Konkurrenz wird. Das ist die 3- D-Technologie. Ich hatte das Privileg, bei meinem vorherigen Arbeitgeber, der Nemak in Dillingen, in der Forschungsabteilung mit 3-D-Druck zu arbeiten. Und das ist definitiv etwas, was wir uns anschauen müssen und werden.

Was kostet ein 3-D-Drucker für Ihr Einsatzfeld?

Die sind noch sehr teuer. Es kommt natürlich darauf an, was man will. Ob man die Sandform druckt oder aber direkt Metall.

Dann braucht ja keiner mehr zu
gießen?

So einfach ist es nicht.

Dann stellt sich die Frage: Werden solche zukunftsweisenden Maschinen eher in Germinghausen stehen, am Stammsitz in Friedrichsthal oder ganz woanders?

Soweit wollen wir jetzt noch nicht denken. Diese Technik ist noch eine reine Prototypen-Technologie.

Anders gefragt: Bleibt der Standort Friedrichsthal für Ohm & Häner
erste Wahl?

Der Standort Friedrichsthal ist nach wie vor ein Standort, an dem wir viele, viele Produkte realisieren. Friedrichsthal ist unser flexibler Standort. Dort machen wir viele Klein-Serien und großformatige Gussteile. Dort werden Produkte gefertigt von unter einem Kilogramm bis zu einer Tonne Gussgewicht. In Germinghausen geht es eher um kleine bis mittlere Serien in Großserientechnologie. Solche Produkte stehen unter einem größeren Preisdruck, und den kann ich nur in den Griff bekommen, indem ich über Automatisierung große Stückzahlen produziere.

Mir ging es eher um die Frage, ob Sie Ohm & Häner in ferner Zukunft eher in Osteuropa, China, USA oder Indien aktiv sehen?

Nein. Das ist nicht geplant, auch nicht in einem größeren Zeitfenster von vielleicht 15 Jahren. Wir fühlen uns hier zu Hause.

Macht Ihnen die weltpolitische Großwetterlage Sorge?

Auch wir spüren den Handelskrieg, über den wir jeden Morgen staunend in der Zeitung lesen. Der drückt auf die Wirtschaft, das merken wir.

Welche Probleme haben Sie für sich, was das Unternehmen angeht, als die gravierendsten
ausgemacht?

Fernost müssen wir im Auge behalten. Es gibt Marktsegmente, aus denen heraus Gussteile dort bereits jetzt eingekauft werden. Teile für Nutzfahrzeuge sind ein hart umkämpfter Markt. Unsere einzige Chance ist, auf Qualität zu setzen. Wir sind sicherlich teurer als die Konkurrenz aus dem Osten. Aber wir können Dinge, die die nicht können.

Kann Politik kreativ helfen?

Es ist schwierig. Einmischung der Politik hilft selten.

Wie viele Mitarbeiter hat
Ohm & Häner 2025?

Aktuell sind es 650. 2025 vielleicht über 750. Klar ist: Wir wollen wachsen. Ich bin nicht angetreten, um Verwalter zu werden. Ich möchte die Firma fortführen im Sinne meines Vaters und Großvaters. Und das heißt: Innovation und Wachstum.

Eher in Germinghausen
oder in Friedrichsthal?

Die beiden Werke ergänzen sich. Bildlich gesprochen schlägt das Herz der Firma in Friedrichsthal, starke Gliedmaßen stehen in Germinghausen im Industriegebiet Buchholz. Dort haben wir mehr Platz. Der Standort Buchholz wird demzufolge auch einer unserer Wachstumsstandorte sein. Friedrichsthal ist von der Lage und der Nähe zum Dorf begrenzt, aber es ist unsere Keimzelle. Die Idee ist, die beiden Werke weitestgehend zu verzahnen.

Wenn die Gute Fee Ihnen drei
Wünsche erfüllen würde,
welche hätten Sie?

Bezogen auf die Firma, dass wir mit unseren Kunden und unserem innovativen, qualitativen Ansatz weiter so erfolgreich sind.

Zwischenfrage: Wie viele Kunden haben Sie denn derzeit?

Über 300.

Sie haben noch zwei Wünsche.

Der Klassiker: Gesundheit für mich und meine Familie, aber auch, dass ich stets die richtigen Entscheidungen treffe. Mein Opa hat immer gesagt: Wenn acht von zehn Entscheidungen richtig sind, ist man auf dem richtigen Weg.

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