Sucht

Paul Quast aus Hünsborn kämpft um magersüchtige Tochter

Paul Quast kämpft um das Leben seiner magersüchtigen Tochter.

Paul Quast kämpft um das Leben seiner magersüchtigen Tochter.

Foto: Verena Hallermann

Hünsborn.   Sara Quast ist 25 Jahre alt und magersüchtig. Vater Paul Quast aus Hünsborn ist verzweifelt. Auch, weil die Rentenversicherung nicht zahlen will.

Sara ist eine bildhübsche Frau. Ihre Gesichtszüge sind fein, ihr Lächeln steckt an. Doch die Wangen der 25-Jährigen sind eingefallen. Die Beckenknochen stehen hervor, ihre Beine sind kaum dicker als ihre Arme. Es sind erschreckende Fotos, die uns Paul Quast aus Hünsborn zeigt. Seit Jahren dokumentiert er die Magersucht seiner Tochter, zeigt, wie sein Mädchen immer dünner wird. An ihrem Tiefpunkt wiegt sie nur noch 26,8 Kilo. Näher am Tod als am Leben. Ein Therapieplatz muss her. Ganz dringend. Und die Familie hat Glück. Endlich ein Lichtblick. Denn in der Spezialklinik geht es bergauf. Sara nimmt zu. Doch der nächste Schlag lässt nicht lange auf sich warten: Die Rentenversicherung will die Kosten nicht übernehmen. Fassungslosigkeit, Wut. Paul Quast findet kaum Worte. „Wir zahlen seit 40 Jahren lückenlos unsere Beiträge“, schimpft der Vater. „Aber im Ernstfall steht man alleine da.“

Der Teufelskreis

Es fing schleichend an, ungefähr vor zehn Jahren. Sara ist ein normales Mädchen mitten in der Pubertät. Sie verfällt dem Schönheitswahn, hungert sich ein Kilo nach dem anderen von den Rippen. Und wird immer schmaler. Anorexie (Magersucht). Eine tückische Krankheit. 2017 muss Sara das erste Mal in eine Klinik. Ihre spindeldürren Beine lassen sich mittlerweile nicht mehr kaschieren. Damals ist der Familie noch nicht bewusst, dass das der Beginn eines gefährlichen Teufelskreises ist. Ein endloses Szenario aus Intensivstation, Therapieplatz, Aufenthalte zu Hause und wieder Intensivstation. Ein Auf und Ab mit Saras Körpergewicht. Ein Auf und Ab zwischen Hoffnung und Angst.

Januar 2018 liegt Sara wieder auf der Intensivstation. Die Zeit über Weihnachten zuhause hat ihr nicht gut getan. Zu schnell ist sie wieder ihrer Sucht verfallen. Am 6. Februar klingelt das Handy von Paul Quast. Der Name seiner Tochter erscheint auf dem Display. Quast wundert sich. Sara ruft doch nie an. Der Vater ruft zurück. Keine Reaktion. Sara kann nicht mehr ans Telefon gehen. Zu dem Zeitpunkt ist sie tot. Die Ärzte finden sie regungslos auf ihrem Bett in der Intensivstation. Ein Abschiedsbrief liegt bei ihr. „Lieber Papa, liebe Mama, danke für alles“, schreibt sie. Sie hat ihn verfasst, kurz bevor ihr Herz versagt hat. Dreieinhalb Stunden ist sie klinisch tot. Die Ärzte holen sie zurück ins Leben. Es ist ein Wunder, dass sie keine Gehirnschäden davon trägt. „Ich kann nur Danke sagen“, betont Quast. „Die Ärzte haben Großes geleistet.“

Die Hoffnung

Drei Wochen später. Sara geht es kaum besser. Aber sie lebt. Das ist jetzt das Wichtigste. „Papa, ich habe das den Abend vorher schon gespürt, dass ich sterben werde“, sagt sie. Und sie erzählt weiter, redet von der plötzlichen Dunkelheit, die sie eingehüllt hat. Erzählt, wie sie sich in einer Kanalisation wiedergefunden hat, gejagt von Dämonen. Und dann ist da plötzlich Licht, das durch den Gully-Deckel scheint. Sie schiebt ihn beiseite, sieht ihre Mutter. „Sie ist insgesamt sechs Mal am Tod vorbei“, sagt Paul Quast. „2018 hat sie 40 Wochen auf der Intensivstation verbracht.“

Januar 2019 kommt sie nach Bad Wildungen.Eine weitere Spezialklinik auf einer schier unendlichen Liste. Doch dieses Mal ist es anders. Der dortige Arzt erkennt das Hauptproblem. Er setzt sich für einen nahtlosen Übergang von der Intensivstation zum Therapieplatz ein. Denn immer, wenn Sara eine Weile zuhause war, baut sie drastisch ab. Doch die Wartelisten sind lang, die Plätze stark begrenzt. Die Familie kämpft. Und dann endlich, Februar 2019 kann Sara ihre Therapie in der Lüneburger Heide Klinik in Bad Bevensen beginnen. Die noch fehlende Genehmigung seitens der Rentenversicherung ist erstmal nebensächlich. Immerhin hat die Mutter über mehrere Wochen mit unzählbaren Anrufen, Briefen und E-Mails um diese Genehmigung gekämpft. Sara muss leben. Das zählt. Und tatsächlich. Innerhalb von zwölf Wochen wiegt Sara bei einer Größe von 1,70 Meter „schon“ knapp 46 Kilo. Ein großer Erfolg.

Der Kampf

Doch die Rentenversicherung will nicht zahlen. Eben weil die Genehmigung fehlte. Knapp 13.000 Euro hat die zwölfwöchige Therapie in der Lüneburger Heide Klinik gekostet. Und Sara ist gegangen, weil sie ihre Eltern nicht noch mehr finanziell belasten möchte. „Geld ist uns egal, für unsere Tochter würden wir alles tun“, betont Quast. „Aber was sind das denn bitte für Paragrafenreiter? Hätten wir unsere Tochter zum Sterben nach Haus holen sollen? Eine lebensbedrohliche Krankheit schert sich nicht um Paragrafen.“ Die Familie wehrt sich. Der Antrag auf Kostenübernahme befindet sich im Widerspruchsverfahren. Stefan Braatz von der Rentenversicherung teilt mit: „Der Widerspruch kann nun geprüft werden. Der Vorgang wird mit höchster Priorität bearbeitet, um rasch weitere Klarheit in der Sach- und Rechtslage zu bekommen. Zur Sache selbst können wir uns erst nach erfolgter Prüfung äußern.“

Das Ziel

Familie Quast wird nicht locker lassen. Nicht, weil es ihnen ums Geld geht. Sie tun dies für all die Familien, denen das gleiche Schicksal droht. Und der Kampf um das Leben von Sara ist noch lange nicht vorbei. Das Mädchen, das einst weder vor Fallschirm- noch vor Bungee-Sprüngen zurückgeschreckt ist, muss „die Anna“ in ihrem Kopf loswerden. Diese böse Krankheit, die ihr fast das Leben gekostet hat. Damit sich die junge Frau bald wieder im Spiegel ansehen kann und stolz darauf ist, was sie dort sieht.

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