Hausarzt

Praxis schließt – Ärztemangel in Attendorn spitzt sich zu

Dr. Bernhard Horten, Hausarzt im Schwalbenohl, wird Ende dieses Jahres in den Ruhestand gehen. Einen Nachfolger für seine Praxis hat er nicht gefunden.

Dr. Bernhard Horten, Hausarzt im Schwalbenohl, wird Ende dieses Jahres in den Ruhestand gehen. Einen Nachfolger für seine Praxis hat er nicht gefunden.

Foto: Flemming Krause

Attendorn.  Der nächste Hausarzt in Attendorn geht in Rente – ohne Nachfolger. In den nächsten vier Jahren droht aber noch Schlimmeres, fürchtet Dr. Horten.

Nach mehr als 36 Jahren im Schwalbenohl und kurz vor seinem 68. Geburtstag wird Hausarzt Dr. Bernhard Horten Ende dieses Jahres aus Altersgründen in den Ruhestand gehen. Einen Nachfolger hat der gebürtige Rheinländer trotz intensiver Suche nicht gefunden. Die Konsequenz: Seinen fünf Mitarbeiterinnen, die er selbst ausgebildet hat, musste der Attendorner Allgemeinmediziner schweren Herzens die Kündigung in die Hand drücken. Die Damen suchen nun nach einer neuen Anstellung. Seine Patienten werden ab Anfang nächsten Jahres nicht mehr in der Praxis an der Lübecker Straße behandelt.

Mehr als drei Jahre hat Bernhard Horten intensiv nach einem Praxis-Nachfolger gefahndet. Doch die Resonanz blieb gleich Null – da halfen weder Anzeigen noch die Möglichkeit, eine zweijährige Ausbildung bei Horten zu durchlaufen.

Die Gründe, warum seine Suche im Sande verlief, kennt der erfahrene Allgemeinmediziner nur zu gut. Erstens: Seit dem ersten Tag ist Horten Einzelkämpfer, einer Gemeinschaftspraxis hat er nie angehört. „Dieses Risiko wird heute gescheut. Wenn ich mal selber krank bin, dann steht der Laden“, betont er.

Noch nicht im roten Bereich

Zweitens: der Standort. Das ländliche Attendorn befinde sich eben nicht im Speckgürtel einer Universitätsstadt und sei daher nicht so attraktiv. Dritter Grund: Ein Großteil der Medizinabsolventen ist heute weiblich und hat andere Vorstellungen als die Übernahme einer Praxis wie die von Horten. Und viertens: „Die Work-Life-Balance stimmt in einer Einzelpraxis einfach nicht. Man fängt morgens an und geht erst abends aus der Praxis.“

Ähnlich äußert sich auch eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL): „Die Gründe der jungen Ärzte gegen eine Niederlassung sind zum Beispiel die Angst vor finanziellen Risiken und Verantwortung und der Wunsch nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance.“ Aufgrund des demografischen Wandels wachse jedoch der Bedarf nach hausärztlichen Leistungen stetig an, auch wenn die Versorgung aktuell in Attendorn noch nicht im roten Bereich ist. Hier liegt der Versorgungsgrad, also das Verhältnis von Einwohnern zu Arzt, laut KVWL bei über 90 Prozent.

Noch. Denn die Entwicklung kann in Attendorn zu einem ernsthaften Problem werden. Laut aktueller Zahlen der KVWL von Mai dieses Jahres sind nämlich mehr als die Hälfte (57 Prozent) aller Hausärzte in der Hansestadt älter als 60 Jahre und scheiden somit in den nächsten Jahren aus dem aktiven Dienst aus.

Dr. Bernhard Horten geht davon aus, dass in den kommenden vier Jahren rund 7000 Patienten aus Attendorn verteilt werden müssen auf die bestehenden Praxen – eine nicht zu leistende Aufgabe. Auch die Sprecherin der KVWL weiß: „Aufgrund des hohen Altersdurchschnitts – gerade in Attendorn – kann sich die derzeit stabile Versorgungslage stark verändern, wenn die derzeitigen Praxisinhaber tatsächlich keine Nachfolger finden sollten.“

Aus einem MVZ wird nichts

Aus diesem Grunde hatte der 67-Jährige bereits vor geraumer Zeit angeregt, ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in kommunaler Trägerschaft aufzubauen – so ein Projekt gibt es beispielsweise in Neuenrade. Das hätte zumindest die Hürde der finanziellen Verantwortung und der Bürokratie herunterschraubt. Doch aus dieser Idee ist nichts geworden.

Christian Pospischil bestätigte auf Nachfrage, dass es im Rahmen des Zukunftsforums Gesundheit in Attendorn zu solchen Gesprächen gekommen ist. Allerdings hält der Bürgermeister von dieser Idee nicht so viel: „Wir würden in einem solchen Fall als Kommune in unmittelbare Konkurrenz zu den bestehenden Hausärzten treten. Eine Kommune hat auch gar nicht das Know-how, eine Arztpraxis zu führen. Der Hausarzt sollte schon ein freier Beruf bleiben.“

Komplett verschließen wolle sich die Verwaltung dieser Idee aber nicht. Pospischil beruhigt: „Noch ist die hausärztliche Versorgung gewährleistet und wir verlieren nicht unseren letzten Arzt.“

Trotzdem: Die Zukunft sieht laut aktueller Zahlen nicht rosig aus.

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