Serie: Familienbande

Sebastian, Lea und Abdullah: Über das Josefshaus in die WG

Lea Herfurth, Abdullah Al-Rajeh und Sebastian Frank (von links) kennen sich aus dem Josefshaus und leben seit Ostern 2017 in einer WG an der Günsestraße in Olpe

Lea Herfurth, Abdullah Al-Rajeh und Sebastian Frank (von links) kennen sich aus dem Josefshaus und leben seit Ostern 2017 in einer WG an der Günsestraße in Olpe

Foto: Flemming Krause

Olpe.  Sebastian, Lea und Abdullah haben sich in der Wohngruppe Martin kennengelernt. Nun leben die Drei in ihren eigenen vier Wänden in Olpe.

Wie in einer typischen Studenten-WG, in der sich das dreckige Geschirr vom Vorabend noch stapelt, leben Lea (17), Sebastian (17) und Abdullah (18) mitnichten. Sauber und aufgeräumt kommt das kleine Haus an der Günsestraße, in der die drei Jugendlichen seit Ostern gemeinsam wohnen, daher.

Sie kennen sich aus der Gruppe Martin, einer Wohneinrichtung des Josefshaus’ für Kinder, Jugendliche oder minderjährige Flüchtlinge, die zuhause nicht mehr leben können. Mittlerweile führen die Drei im Rahmen eines sozialpädagogisch betreuten Wohnens ein normales und selbstständiges Leben – mit Unterstützung von Erzieherin Christin Breuer, die mindestens zwei Mal pro Woche nach dem Rechten sieht. Lange Zeit schien diese Konstellation kaum möglich.

Sebastian, der Klassenclown

Im Sommer 2006, mit gerade einmal fünf Jahren, kam Sebastian ins Josefshaus. Der Grund: Seine Eltern, zu denen er heute ein gutes Verhältnis pflegt, hatten Suchtprobleme. Das Jugendamt schaltete sich ein, und vereinbarte mit den überforderten Eltern einvernehmlich, dass der heute 17-Jährige besser in einer Wohngruppe aufgehoben sei. „Seine Eltern standen von Beginn an hinter unserer Einrichtung, das war nicht selbstverständlich“, lobt Breuer die Einsicht.

An die ersten Tage in der neuen Umgebung hat der junge Mann noch beste Erinnerungen: „Ich bin herzlich aufgenommen worden und habe die Zeit bekommen, mich zurecht zu finden.“ Bei der Eingewöhnung halfen ihm nicht nur die Erzieher, sondern auch die anderen Kindern, mit denen er Sandburgen baute oder auf dem Wasserspielplatz tobte. Und dennoch war es für Sebastian schwierig, auf seine Eltern zu verzichten, die er anfangs nur selten zu Gesicht bekam. „Ich hatte häufig Heimweh.“ Doch je länger er in der Gruppe blieb, desto heimischer fühlte er sich. Sebastian baute sich ein soziales Umfeld auf, fand Freunde und ging in Rüblinghausen zur Grundschule. Dort hatte er allerdings, wie andere in seinem Alter auch, wenig Lust auf Unterricht, sondern vertrieb sich die Zeit mit anderen Dingen. „Ich war ein kleiner Draufgänger, Regelbrecher und Klassenclown“, erinnert sich der 17-Jährige, „ich habe Unterschriften gefälscht, damit ich keine Hausaufgaben machen musste.“

Doch mit dem Wechsel auf die Hakemicke-Schule änderte er seine Einstellung – und machte im Sommer 2016 einen Realschulabschluss mit Qualifikation. Derzeit befindet sich Sebastian in einer Ausbildung zum Erzieher.

Lea, das Mädchen in der WG

Drei Jahre nach Sebastian fand auch Lea den Weg in die Gruppe Martin. „Ich hatte in der Schule Probleme mit Mobbing“, erzählt die junge Frau, „ich habe mich zuhause eingeschlossen und geschwänzt.“ Da ihre Mutter mit der Situation überfordert war, ließ sie ihre Tochter schweren Herzens zum Josefshaus ziehen. „Da ich eine enge Bindung zu meiner Mama hatte, war der Umzug für mich schwer“, betont sie, „ich habe lange gebraucht, um anzukommen.

Nach einem Jahr entschied sich Lea, nach Hause zurückzukehren. Doch der Versuch misslang. 2012, nach zwei Jahren bei ihrer Mutter, kehrte die heute 17-Jährige in die Wohngruppe zurück. Denn: Lea bekam das Mobbing-Problem nicht in den Griff und ihre Mutter wusste weiterhin keinen Ausweg. Bei ihrem zweiten Anlauf im Josefshaus wurde die Olperin selbstständiger und fand Anschluss, mit den Mädchen aus der Gruppe freundete sie sich an. Im Sommer 2016 machte Lea ihren Förderschulabschluss, im August beginnt sie eine Ausbildung zur Verkäuferin.

Abdullah, der ehrgeizige

1998 wurde Abdullah in der Nähe von Aleppo geboren und lebte dort 16 Jahre, ehe er mit seinem Cousin die Flucht ergriff. Über die Balkanroute erreichte der 18-Jährige im Sommer 2015 Siegen, wo er 25 Tage in einer Notunterkunft blieb. Da er damals noch minderjährig war, kam er in die Obhut des Jugendamtes, das einen Platz für den Syrer im Josefshaus fand. Dort traf er in der Gruppe Martin auf Lea und Sebastian. In Windeseile lernte er deutsch, und verstand sich mit den beiden prächtig – auch ein Grund dafür, dass seine WG-Mitglieder ihn fragten, ob er mit ihnen zusammenziehen wolle.

„Na klar“ lautete seine Antwort. Genauso wie Sebastian hat Abdullah seinen Hauptschulabschluss gemacht, in diesen Sommer sattelt er einen Realschulabschluss in Elektrotechnik drauf. „Und dann möchte ich mein Fachabi im Sozial- und Gesundheitswesen machen.“ Ein ehrgeiziger Plan. Aber einer, den er sich zutraut.

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