Missbrauch

Sexueller Missbrauch: Wie der Onkel die Familie zerstörte

Die missbrauchte Tochter – hier ein Symbolbild – zieht sich immer mehr zurück und wendet sich selbst von ihrer Schwester ab.

Die missbrauchte Tochter – hier ein Symbolbild – zieht sich immer mehr zurück und wendet sich selbst von ihrer Schwester ab.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Kreis Olpe.  Die Tochter von Judith S. wurde zum ersten Mal mit vier Jahren sexuell missbraucht – vom Lieblingsonkel. Die Familie leidet bis heute darunter.

Ihre Tochter war vier Jahre alt, als es zum ersten Mal passierte. Zu jung, um zu verstehen, dass das, was der Onkel – der Lieblingsonkel – mit ihr machte, strafbar war. Berührungen, Nötigungen, Missbrauch, Vergewaltigungen. Bis zur Pubertät ging das so. „Wenn ich mir heute Fotos von meinen Töchtern aus der Kindheit anschaue, suche ich nach Hinweisen. Ich hätte doch irgendetwas merken müssen“, erzählt Judith S. (Name von der Redaktion geändert). Doch da ist nichts. Jahrzehntelang legt ihre Tochter einen Mantel des Schweigens über diese Vorfälle. Bis der Tag kam, an dem alte Wunden wieder aufgerissen wurden.

Das Schweigen

„Das ist etwa zehn Jahre her“, erinnert sich Judith S. Ihre beiden Töchter – heute 47 und 49 Jahre alt – hatten sie unangekündigt bei der Arbeit aufgesucht. „Da wusste ich, dass etwas nicht stimmte.“ Ihre älteste Tochter erzählte ihr alles. Von den ersten Übergriffen bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich schließlich gewehrt hat und der Onkel von ihr abließ. Warum ihre Tochter plötzlich ihr Schweigen brach, kann Judith S. nur vermuten. „Meine jüngere Tochter wusste davon. Sie musste ihrer Schwester aber versprechen, nichts der Mama zu sagen.“ Die Mama sollte beschützt werden. Vor Enttäuschungen und dem Schmerz. „Irgendwann wurde das Verhalten meiner Ältesten aber so komisch, dass meine Jüngere auf sie eingeredet hat, endlich ihr Schweigen zu brechen. Um sich Luft zu machen, um Druck abzulassen.“ Druck, der sich fortan bei Judith S. aufstaute. Immer verbunden mit der Frage: „Warum habe ich als Mutter nichts mitbekommen?“

Der Kontaktabbruch

Als die Schweigemauer eingerissen wurde, hatten Judith S., ihr Mann und ihre zwei Töchter schon 25 Jahre keinen Kontakt mehr zu dem Onkel. Damals versuchte er die jüngere Tochter, die zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt war, zum Oralverkehr zu zwingen. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester vertraute sie sich jedoch ihren Eltern an. „Dafür war ich sehr dankbar“, sagt Judith S. Es kam zum Bruch in der Familie. „Angezeigt habe ich ihn damals nicht. Ich wollte meiner Schwester nicht schaden, der Frau des Täters. Sie hat sich von ihm nicht getrennt – vielleicht, weil sie eine behinderte Tochter haben und die Pflege für einen Einzelnen zu aufwändig wäre.“ Was Judith S. zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Ihre älteste Tochter hatte da schon ein jahrelanges Martyrium durchlebt. „Weil sie sich aber irgendwann gewehrt hatte, hat er es vermutlich bei seiner anderen Nichte versucht“, sagt Judith S. rückblickend.

Die Anzeige

Es war ein System aus tarnen, täuschen und schützen. Bis die ganze Wahrheit das Konstrukt zum Einstürzen brachte. Eine persönliche Konfrontation gab es allerdings nicht. „Ich konnte und kann diesem Mann nicht mehr unter die Augen treten“, meint Judith S. In Absprache mit ihren beiden Töchtern hat sie ihren Schwager allerdings angezeigt. Doch: Da waren die Taten bereits verjährt. Rechtlich konnte er nie für seine Taten verantwortlich gemacht werden. „Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Er kommt ungestraft davon. Und die Opfer bekommen lebenslänglich.“

Die Auswirkungen

Opfer – damit ist nicht nur die missbrauchte Tochter gemeint, die einen Großteil ihrer Kindheit einbüßen musste. Auch Judith S., ihr Mann, die anderen Familienangehörigen gerieten in diesen Strudel mit hinein. Schuldgefühle, gebrochenes Vertrauen, Enttäuschung, Wut, Ohnmacht. „Eine Zeit lang konnte ich es nicht aushalten, wenn ich gesehen habe, wie ein Mann mit einem Kind an der Hand über die Straße ging. Am liebsten hätte ich ihm das Kind weggenommen“, sagt Judith S.

Die Hilflosigkeit

Diesen Impuls hat sie heute nicht mehr. Vieles ist begraben – aber nicht verarbeitet. „Es hat unsere ganze Familie zerstört“, weiß Judith S. Zu ihrer Schwester, die immer noch mit dem Täter verheiratet ist, hat sie keinen Kontakt mehr. Mit ihrem Mann konnte sie kaum über die Vorfälle reden, er hat einen Schutzwall des Schweigens und des Verdrängens um sich gezogen. Ihre beiden Töchter sehen sich kaum noch. „Ich vermute, die Älteste hat ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht früher was gesagt hat, um ihre Schwester vor einem versuchten Übergriff zu schützen. Und die Jüngste hat ein schlechtes Gewissen, weil sie etwas gesagt hat.“ Vielleicht ist es aber auch die Hilflosigkeit, die lähmt. Nicht zu wissen, wie man „richtig“ damit umgehen soll.

Der Ausweg

Vor zwei Jahren hat sich die älteste Tochter von Judith S. an die DRK-Selbsthilfegruppe in Olpe gewandt, um sich dort mit anderen Menschen auszutauschen, die ähnlich schreckliche Erfahrungen wie sie gemacht haben. „Ich habe gemerkt, wie gut ihr das tut. Dass sie jetzt sogar bereit ist, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Lange habe sie die Starke gespielt, andere schützen wollen.

So wie Judith S. selbst. „Mir fällt es extrem schwer, mich schwach zu zeigen“, sagt sie. Als ihre Tochter sie jedoch ein paar mal zu den Selbsthilfe-Treffen mitgenommen hatte, erkannte auch Judith S. wie heilsam es ein kann, offen miteinander zu reden. Denn auch sie ist Opfer. Indem sie das Schweigen bricht, verliert das jahrzehntelang aufgebaute Lügen- und Schuld-Gerüst an Macht. Und vielleicht findet dadurch die Familie wieder zueinander.

>>> Neue Selbsthilfegruppe für Angehörige

  • Das erste Treffen der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Missbrauchsopfern findet statt am Mittwoch, 28. Oktober, um 18 Uhr in Olpe.
  • Weitere Informationen und Anmeldungen bei der DRK-Selbsthilfe-Kontaktstelle, Tel. 02761/2643 oder unter shk@kv-olpe.de.
  • Die Selbsthilfegruppe im Kreis Olpe garantiert absolute Verschwiegenheit und Anonymität. Alles soll im geschützten Rahmen stattfinden.
  • Die Treffen sind vorerst monatlich geplant. Den Rhythmus kann die Gruppe aber später selbst bestimmen.
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